Ärzte Zeitung, 02.10.2015

Erinnerungen aus der DDR

Ein Arzt zwischen zwei Welten

Der Allgemeinmediziner und Radiologe Dr. Uwe Milbradt war zu DDR-Zeiten einer von wenigen Ärzten in eigener Niederlassung. Bereits Anfang 1990 initiierte er die Gründung der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt.

Von Petra Zieler

 Ein Arzt zwischen zwei Welten

Dr. Uwe Milbradt und sein Team arbeiten nach dem Motto "Gemeinsam geht vieles besser."

© Petra Zieler

HADMERSLEBEN. Als am 10. November 1989 im Hause der Arztfamilie Milbradt zum Schlachtefest geladen wurde, mussten Familie und Freunde sehr lange auf den Hausarzt Dr. Peter Hermanns aus Hamburg warten.

Der schwamm an diesem Tag gewissermaßen gegen den Strom: "Alle wollten in den Westen, Peter Hermanns kam zu uns in den Osten. Zeitlich genutzt hat ihm das wenig."

Die Bekanntschaft der beiden Allgemeinmediziner reichte schon einige Jahre zurück. Allgemeinmediziner und Radiologe Dr. Uwe Milbradt aus Hadmersleben in Sachsen-Anhalt erzählt: "Ich habe die den DDR-Ärzten eingeräumte Möglichkeit genutzt, in Westzeitschriften publizierte Fachbeiträge zu bestellen. Ein Artikel über Ultraschalluntersuchungen hat mich sehr interessiert. Ich wollte den Autoren kennenlernen und kam schließlich nicht nur mit Peter Hermanns in Kontakt, sondern etliche Zeit später sogar in den Besitz eines gebrauchten Ultraschallgeräts."

25 Jahre Deutsche Einheit

Die "Ärzte Zeitung" blickt in einem Dossier auf "25 Jahre Deutsche Einheit": Hier geht es zur Artikel-Übersicht.

Die Geschichte war ebenso abenteuerlich wie vieles im Leben des Landarztes: Das Ultraschallgerät mit zwei Schallköpfen sollte gesponsert werden, der Transport auch. Das hatte Hermanns organisiert. Aber die DDR wollte dafür einen Zoll in Höhe von 100.000 DDR-Mark erheben.

Nach unendlichen Gesprächen zwischen West und Ost, zwischen Hadmersleben und Berlin war die Summe auf 5000 Mark herabgesetzt worden. Die bezahlte Milbradt aus eigener Tasche. Doch das Gerät durfte deshalb noch lange nicht in seiner eigenen Praxis in Hadmersleben nahe Magdeburg aufgestellt werden.

"Mir wurde gestattet, in der Poliklinik Wanzleben einen Raum für den Ultraschall zu mieten."

Ungereimtheiten und Ultraschall

Begründet wurde diese Anordnung nie, wie so viele Ungereimtheiten im sozialistischen deutschen Staat. "Mir war das letztlich auch egal. Ich konnte endlich sonografieren." Drei Jahre vor der Wende gab es damit genau drei Ultraschallgeräte im heutigen Sachsen-Anhalt, eins davon in privater Hand.

1986 ist dann auch Margit Milbradt, bis dato Lehrerin, in die Praxis ihres Mannes gewechselt. "Während der Ultraschalluntersuchungen in Wanzleben war die Praxis ja praktisch nicht besetzt. Um den Patienten nicht das Gefühl zu geben, wir lassen sie im Regen stehen, saß ich immer am Telefon und konnte meinen Mann in Notfällen informieren."

Bis heute arbeitet sie mit in der Hadmerslebener Praxis, die nun allerdings ein MVZ mit insgesamt 25 Beschäftigten und fünf Außenstellen ist. Derzeit investieren die drei MVZ-Gesellschafter - neben Uwe Milbradt zwei weitere Ärzte - in einen Neubau im benachbarten Wanzleben.

Hier wollen sie ein Domizil für ihr ambulantes Geriatrisches Rehabilitationszentrum schaffen, das sie im April dieses Jahres eröffnet haben. "Außerdem ist hier noch Platz für physio- und ergotherapeutische Praxen."

Schon heute lässt sich absehen: Das Konzept geht auf. "Gemeinsam geht eben vieles besser." Eine frühe Erkenntnis von Uwe Milbradt, dem es nie gleichgültig war, wenn Poliklinik-Ärzte ihm zu DDR-Zeiten ankreideten, weitaus mehr Patienten zu haben. "Dabei hatten sie im Gegensatz zu mir ein festes Gehalt und kein wirtschaftliches Risiko."

Entscheidung zu einer Gemeinschaftspraxis

Wohl auch, weil ihm das Konkurrenzgehabe immer gewaltig auf die Nerven ging, entschied sich der Landarzt gleich nach der Wende für eine Gemeinschaftspraxis.

Praktisch zeitgleich wurde das kleine Hadmersleben zum zentralen Anlaufpunkt für viele Ärzte des Landes. "Ich hatte Anfang 1984 nach vielen Irrungen und Wirrungen die Praxis meines verstorbenen Vaters übernehmen dürfen und war seither in freier Niederlassung.

Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen, die in Krankenhäusern, Polikliniken oder Ambulatorien angestellt waren, konnte ich so bereits einige Erfahrungen weiter geben und vor allem Mut machen. Die Unsicherheit war groß. Keiner wusste so recht, wie es weitergehen sollte."

Uwe Milbradt vermittelte nicht nur Wissen, er machte sich auch schlau, "drüben, im Westen", bei KBV und Bundesärztekammer. Schließlich ließ er einen kleinen Beitrag in die Tageszeitung setzen und lud zum Treffen in den Hadmerslebener Ratskeller ein. Etwa 100 Ärzte beratschlagten hier, wie es weiter gehen sollte, und wählten auch gleich Verantwortliche Kreisstellensprecher für die einzelnen Kreise.

Für den Kreis Schönebeck wurde der heutige KVSA-Vorsitzende Dr. Burkhard John gewählt. Zum zweiten Ärztetreffen, das die Milbradts einige Wochen später, am 28. März 1990 im einstigen LPG Kulturhaus von Hadmersleben organisiert hatten, kamen schon mehr als 500 Interessierte. "Das war dann auch die Gründungsveranstaltung für die erste Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalts als Verein."

Am 13. April 1990 zog der Süden des Bundeslandes nach. Auf Initiative von HNO-Arzt Dr. Hans-Werner Trummel wurde in Zörbig die zweite KVSA gegründet und zugleich der Zusammenschluss beider Vereine beschlossen.

Rückzug aus der Standespolitik

Ein Jahr nach der Wende hat sich Uwe Milbradt völlig aus der Standespolitik zurückgezogen. "Die Arbeit in der Praxis", sagt seine Frau, "war nicht mehr zu schaffen." Er sagt: "Hier auf dem Land ist man ehrlich. Die Patienten haben klar gefragt: Willst du nun Funktionär werden oder unser Arzt bleiben?"

Er entschied sich für die Arbeit in der Praxis.

Ein bisschen schmerzt allerdings auch heute noch, dass er seine Visionen nicht umsetzen konnte - weder hier noch in Köln. "Heute wird mühsam aufgebaut, was damals ohne Überlegung zerschlagen wurde. Der Versuch, Polikliniken in Ärztehäuser mit eigenverantwortlichen Praxisinhabern umzuwandeln, wurde nicht erst unternommen.

Und mit ein bisschen gutem Willen wäre es sicher auch möglich gewesen, älteren Kollegen Anstellungen anzubieten, statt sie mit hohen Schulden in die Niederlassung zu treiben." Das West-System zu übernehmen, sei der einfachere Weg gewesen. Und Milbradt akzeptiert bis heute nicht das Argument: "Wir hatten ja gar keine Zeit."

So bleibt denn fast am Ende eines langen und sehr erfolgreichen Berufslebens in zwei verschiedenen Welten, die ebenso bittere wie schöne Erkenntnis: "Wir hatten viele Feinde, aber unsere Patienten haben immer zu uns gestanden. Sie waren und sind unsere Freunde."

Weitere Beiträge zur Serie:
"25 Jahre Deutsche Einheit"

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