Ärzte Zeitung, 09.07.2009

Opfer oder Täterin? Der Dopingverdacht gegen Claudia Pechstein ist medizinisch komplex

Ein hoher Wert an Retikulozyten - Vorläuferzellen von Erythrozyten - aber normale Hämoglobin- und Hämatokritwerte. Die Dopingvorwürfe an Claudia Pechstein werfen auch medizinisch Fragen auf.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Claudia Pechstein: "Ich glaube an Gerechtigkeit."

Foto: dpa

Die Eisschnellläuferin und mehrfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin Claudia Pechstein soll wegen angeblichen Dopings für zwei Jahre gesperrt werden. Experten halten das Strafmaß für zu hoch, betonen aber, dass der Verdacht auf Doping nicht von der Hand zu weisen ist.

Mit ihrem Urteil hat die Internationale Eisschnelllauf-Union (ISU) Neuland betreten. Erstmals gründet sich ein so harsches Urteil gegen eine Sportlerin nur auf erhöhte Retikulozytenwerte. Es gibt keinen Nachweis von Dopingmitteln und kein Geständnis. Nach Informationen von Experten, die die entsprechenden Excel-Tabellen eingesehen haben, waren bei Claudia Pechstein bei 14 von 95 Messungen in neun Jahren erhöhte Retikulozytenwerte festgestellt worden. Das Maximum lag bei 3,54 Prozent, fast 50 Prozent über dem oberen Grenzwert von 2,4 Prozent.

Eine solche Konstellation sei absolut kompatibel mit Doping durch blutbildende Substanzen wie Erythropoetin, betont Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Doping-Analytik der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" schätzte er die Wahrscheinlichkeit, dass derart hohe Retikulozytenwerte physiologisch auftreten, auf unter 1 : 10 000.

Belastbare Statistiken wurden freilich bisher nicht öffentlich gemacht: "Eine adäquate statistische Aufarbeitung muss jetzt schleunigst geschehen", sagt Professor Fritz Sörgel vom Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg. Da Biomarker keine Beweise, sondern Indizien seien, müsse die Fehlerwahrscheinlichkeit statistisch sauber angegeben werden, so Sörgel. Dazu müssen die Messungen mit Normalkollektiven abgeglichen werden, am besten mit Sportlern in ähnlichem Alter. Absolute Sicherheit wird es niemals geben, aber das gehört zum Wesen von Indizienprozessen. Grundsätzlich befürwortet Sörgel dieses Vorgehen: "Wir sind bei nicht nachweisbaren Substanzen auf indirekte Beweise angewiesen. Die Frage ist, ob das Strafmaß von zwei Jahren für einen Indizienbeweis angemessen ist. Ich halte das für viel zu hoch", so der Experte zur "Ärzte Zeitung".

Denkbar wäre freilich auch eine pathologische Erhöhung der Retikulozyten, wie sie etwa bei Infektionen oder bei angeborenen hämolytischen Anämien vorkommt. Vor ihrem Urteil hat die ISU Experten konsultiert, um deren Einschätzung dazu einzuholen. Die erklärten pathologische Retikulozytenwerte anhand der Blutbildkonstellationen bei Claudia Pechstein für unwahrscheinlich. Nur bei den erblichen Veränderungen des Blutbilds hielten sie sich mit einem Urteil zurück.

Genetische Untersuchungen wurden gefordert.

Die ISU hatte Pechstein deswegen um genetische Untersuchungen gebeten, die sie jedoch nicht termingerecht durchgeführt hat. Auf ihrer Homepage verweist die Sportlerin zur Begründung darauf, dass die von ihr jetzt angestrengte Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof rasch erfolgen musste, um eine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2010 nicht zu gefährden.

Deutlich verkompliziert wird die ganze Sache dadurch, dass die niedrigen Hämoglobin- und Hämatokrit-Werte bei Claudia Pechstein vordergründig nicht zu einem EPO-Doping passen wollen. "Es ist schon auffällig, dass gerade zu dem Zeitpunkt des maximalen Retikulozytenwerts einer der niedrigsten Hb-Werte gemessen wurde", so Sörgel.

Gänzlich inkompatibel mit einem Doping-Verdacht wäre das zwar nicht: Durch exzessives Trinken oder durch Aderlässe mit anschließender Infusion von Plasmaexpandern lassen sich Hb und Hk künstlich senken. Das aber ist aufwändig, zumal das entnommene Blut nach dem Test wieder reinfundiert werden müsste, um den Dopingeffekt nicht zu gefährden. Nach Auffassung von Sörgel sind die Hb-Werte bei Claudia Pechstein teilweise so niedrig, dass ein "Heruntertrinken" des Hämoglobins praktisch ausscheidet. Mit anderen Worten: Die Sportlerin müsste schon sehr intensiv mit Spritzen und Ampullen hantiert haben, um in Sachen Hb so konsequent unauffällig zu bleiben.

Das letzte Wort in Sachen Doping ist bei Claudia Pechstein also auch aus medizinischer Sicht noch nicht gesprochen. Sie selbst jedenfalls sieht sich als Opfer: "Ich glaube an Gerechtigkeit", schreibt sie auf ihrer Homepage und kündigt an, mit Blick auf Olympia 2010 weiter zu trainieren.

www.claudia-pechstein.de

[12.07.2009, 17:44:25]
Dr. Axel Versen 
Pechstein gedoped?
Die Blutbefunde wären ohne weiteres mit Eigenblut-Doping vereinbar. Aderlässe zur Gewinnung von Eigenblut führen ganz physiologisch zum Retikulozyten-Anstieg. Interessant zu wissen wäre, wann die niedrigen Hb-Werte gemessen wurden. Schließlich kann man sich auch nach einem Wettkampf erneut zur Ader lassen, um "Spuren zu verwischen". Das wäre in der Tat ziemlich abgefeimt. Und bis zum Beweis des Gegenteils gilt: in dubio pro reo. Was fast so schlimm ist wie das Doping: die Öffentlichkeit hält es schon fast nicht mehr aus, daß Höchstleistungen ohne solche Maßnahmen möglich sein sollen.  zum Beitrag »

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