Ärzte Zeitung, 02.09.2009

Vermittlung von Doktortiteln: Jetzt nimmt der Staatsanwalt das Geschäft unter die Lupe

Den Doktortitel selbst haben sie nicht verkauft, aber für die Vermittlung eines Doktorvaters und "Hilfe bei der Themenfindung" ließen sich Promotionsvermittler gut bezahlen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Vermittler und Dozenten aus ganz Deutschland.

Von Anne-Christin Gröger

Vermittlung von Doktortiteln: Jetzt nimmt der Staatsanwalt das Geschäft unter die Lupe

Nicht jeder hat für den Titel gebüffelt.

Foto:Wendler©www.fotolia.de

In die deutschlandweite Affäre um unrechtmäßig erworbene Doktortitel sind auch Ärzte verwickelt. Etwa die Hälfte der Kunden der ins Visier der Jusitz geratenen Bergisch Gladbacher Promotionsvermittlung sollen Human- und Zahnmediziner sein. "Was da passiert ist, ist verwerflich und setzt hohe kriminelle Energie voraus", sagt Professor Markus Rothschild, Vorsitzender des Promotionsausschusses der Medizinischen Fakultät der Universität Köln.

Die Promotionsvermittlungsfirma hatte mit Anzeigen in Zeitungen und Fachzeitschriften für die Vermittlung von Doktortiteln geworben. Den Promotionswilligen wurde versprochen, einen geeigneten Professor zu suchen und bei der Themenfindung behilflich zu sein.

Gegen etwa 100 Dozenten wird jetzt ermittelt

Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen etwa 100 Hochschulmitarbeiter aus ganz Deutschland. Sie werden verdächtigt, gegen Bestechungsgelder die Doktorarbeiten von Absolventen begutachtet und abgenommen zu haben. Zu den einzelnen Beschuldigten und den Orten machen die Ermittler keine Angaben. Inzwischen hat aber die Freie Universität Berlin als erste Hochschule den Verdacht gegen zwei Mitarbeiter bestätigt. Einer ist ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Charité.

Der erste Fall kam vor anderthalb Jahren ans Licht. In Hannover wurde öffentlich, dass ein 54-jähriger Jurist sich vom Institut für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach jahrelang fast 70 Doktoranden vermitteln ließ und dafür 184 000 Euro erhielt. Der ehemalige Professor für Bürgerliches Recht wurde schon im April 2008 vom Landgericht Hildesheim zu drei Jahren Haft verurteilt.

Jeder dritte Doktorand ist Humanmediziner

Letzte Woche gingen weitere Fälle durch die Medien. "Rund 100 Professoren und Honorarprofessoren wird vorgeworfen, möglicherweise ungeeignete Kandidaten als Doktoranden angenommen zu haben", sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld. Dafür soll das Gladbacher Institut den Hochschullehrern Schmiergelder gezahlt haben - bis zu 4000 Euro pro Doktorand. Bei einer Durchsuchung des Instituts im März 2008 kamen erste Beweise für weitere Fälle zutage. "Wir haben bei der Razzia eine Unmenge an Material ausgewertet", sagt Feld. "Dabei hat sich der konkrete Verdacht gegen die jetzt Beschuldigten ergeben."

Es könnten noch mehr Fakultäten für Medizin und Naturwissenschaften betroffen sein, denn in diesen Bereichen werden die meisten Absolventen promoviert. 2007 schlossen etwa 24 000 Doktoranden ihre Promotion ab, davon 30,4 Prozent in der Humanmedizin, 29 Prozent in den Naturwissenschaften. Inzwischen liegen der Staatsanwaltschaft auch einige Geständnisse vor. "Ein Professor hat einen Strafbefehl akzeptiert, der eine mehrmonatige Haftstrafe zur Bewährung beinhaltet", so Oberstaatsanwalt Feld. "Die Verfahren gegen weitere beschuldigte Hochschullehrer sind gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt worden."

Der deutsche Hochschulverband (DHV) begrüßt die Ermittlungen. "Eine umfassende Aufklärung liegt im Interesse der Wissenschaft, allen voran der rund 25 000 Doktoranden, die jährlich ordnungsgemäß ihren Doktortitel erwerben", sagt DHV-Präsident Professor Bernhard Kempen. Dem Verband ist das Bergisch Gladbacher Institut schon seit Jahren bekannt. Die Justiz hatte jedoch bislang keine Anhaltspunkte gesehen, gegen dieses vorzugehen.

Hochschulverband fordert eidesstattliche Versicherung

Absolventen, die mit Angeboten wie denen des Instituts für Wissenschaftsberatung einen Doktortitel erlangt haben, müssen damit rechnen, dass ihnen im Nachhinein der Titel aberkannt wird. Der DHV fordert schon länger, dass in die Promotionsordnung der Fakultäten ein Absatz aufgenommen wird, in dem Doktoranden eidesstattlich versichern müssen, beim Erstellen ihrer Arbeit keine fremde Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Damit will der Verband gegen den illegalen Titelhandel vorgehen.

Der Abschluss der Ermittlungen wird laut Oberstaatsanwalt Feld noch dauern. "Die Ermittlungsverfahren müssen nach und nach abgearbeitet, die Geldflüsse nachvollzogen werden. Zum Schluss werden wir einzeln entscheiden, ob wir das Verfahren einstellen oder ob wir einen Strafbefehl oder eine Anklage fertigen."

Der Weg zum Doktortitel

Zu einem akademischen Titel kommen viele Mediziner noch während des Studiums. Es ist aber auch möglich, während der Berufstätigkeit die Doktorarbeit zu schreiben. Im Regelfall sucht sich der Interessierte einen Doktorvater, der ihn während seiner Arbeit betreut und ihm regelmäßig Rückmeldung gibt. Generell ist es nicht schwer, einen Betreuer zu finden, Thema und Idee müssen gut sein, und der Promotionswillige sollte Erfahrung auf seinem Gebiet haben. Dennoch scheint es Mediziner gegeben zu haben, die weder über das eine noch das andere verfügten oder Zeit und Arbeit sparen wollten und sich an die Promotionsvermittlung wandten.

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