Samstag, 19. April 2014
Ärzte Zeitung online, 11.01.2013

Transplantationsskandal

Göttinger Chirurg in U-Haft

Eskalation im Skandal um manipulierte Wartelisten für Leberspenden: Der ehemalige Chef-Transplanteur der Göttinger Uniklinik sitzt in Haft. Der Verdacht: versuchter Totschlag.

Göttinger Chirurg in U-Haft

Die richtige Richtung?

© dpa

GÖTTINGEN. Der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Uniklinikum ist am Freitag in Untersuchungshaft genommen worden.

Gegen den Beschuldigten bestehe der dringende Verdacht des versuchten Totschlags in neuen Fällen sowie in jeweils einem Fall der Verdacht der schweren Körperverletzung sowie der Körperverletzung mit Todesfolge, teilte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig, Birgit Seel, mit.

Der 45-jährige Mediziner war am Freitagmorgen an seinem Wohnsitz in Göttingen festgenommen und anschließend dem Haftrichter am Amtsgericht Braunschweig vorgeführt worden. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Chirurgen Aiman O. vor, in neun Fällen falsche Gesundheitsdaten von Patienten gemeldet sowie in zwei weiteren Fällen eine Lebertransplantation vorgenommen zu haben, ohne dass eine entsprechende Indikation vorlag.

Die betroffenen Patienten seien an den Folgen der Transplantation verstorben. In beiden Fällen hätten sie stabile Leberwerte gehabt, für eine Transplantation habe es keine medizinische Notwendigkeit gegeben.

Eine Patientin hatte den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge an einer weiteren gefährlichen Vorerkrankung gelitten. Der Mediziner habe gewusst, dass die Transplantation nicht erforderlich und aufgrund ihrer Vorerkrankung mit erheblichen Risiken verbunden gewesen sei.

Göttinger Chirurg in U-Haft

Sitzt in Haft.

© pid

Der Gesundheitszustand der Patientin habe sich später drastisch verschlechtert, schließlich sei sie an den Folgen der Transplantation verstorben. Die Staatsanwaltschaft wertet diesen Fall als Körperverletzung mit Todesfolge.

Ermittlungen laufen weiter

Im zweiten Fall war die Spenderleber nicht über die Eurotransplant-Warteliste, sondern im beschleunigten Verfahren vergeben worden. Der Arzt habe gewusst, dass für den an einer Leberzirrhose erkrankten Patienten eine Transplantation keinerlei gesundheitliche Vorteile, wohl aber Risiken berge, erklärte Sprecherin Seel.

Nachdem es infolge der Transplantation zu Komplikationen gekommen war, sei eine weitere Transplantation erforderlich geworden. Der Patient sei dann aufgrund eines chronischen Leberversagens verstorben. Diesen Fall stuft die Staatsanwaltschaft als schwere Körperverletzung ein.

Darüber hinaus soll der Chirurg in neun Fällen bei der Meldung von Patientendaten an Eurotransplant bewusst wahrheitswidrig angegeben haben, dass bei diesen Patienten im Zeitraum von zwei Wochen vor der Meldung mindestens zweimal eine Dialyse habe vorgenommen werden müssen.

Durch diese Falschangabe seien die Patienten auf der Warteliste so weit nach oben gerückt, dass ihnen innerhalb kürzester Zeit ein Spenderorgan zugewiesen und transplantiert worden sei.

Aufgrund der Knappheit von Spenderorganen in Deutschland sei davon auszugehen, dass dadurch andere Patienten, die lebensbedrohlicher erkrankt waren, kein Organ erhielten und möglicherweise aus diesem Grund verstorben seien. Der Arzt habe dies zumindest billigend in Kauf genommen.

Nachdem sich in diesen elf Fällen ein dringender Tatverdacht ergeben habe, habe man den Haftbefehl beantragt, sagte Behördensprecherin Seel. Die Ermittlungen gingen auch nach der Inhaftierung des Arztes weiter.

Auch die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt gegen den Mediziner. Dieser war vor seinem Wechsel nach Göttingen an der Uni-Klinik Regensburg tätig gewesen. Die Göttinger Unimedizin hatte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe Ende 2011 von dem Arzt getrennt. (pid)

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