Ärzte Zeitung, 09.09.2013

Heimliche Intimfotos

Großes Schweigen vor Gericht

Der Fall bewegt seit 2011 die Öffentlichkeit: Weil er von über 1500 Patientinnen Intimfotos gemacht haben soll, muss sich ein Gynäkologe nun vor Gericht verantworten. Zum Prozessauftakt entschuldigte er sich zwar, doch zu den Vorwürfen selbst äußerte er sich nicht.

Von Ingeborg Bördlein

Entschuldigung, dann großes Schweigen

Medienrummel bei der Gerichtsverhandlung des angeklagten ehemaligen Gynäkologen aus Schifferstadt.

© dpa

FRANKENTHAL. Wie konnte ein Arzt so etwas tun? Mit dieser Frage kamen viele ehemalige Patientinnen zum Prozess gegen ihren früheren Gynäkologen, dem sie oft über Jahrzehnte vertraut hatten.

"Ich war über 20 Jahre bei ihm, habe meine beiden Kinder unter seiner Betreuung bekommen. Ich hielt ihn immer für einen guten Arzt", sagt eine der Wartenden vor dem als Gerichtssaal umfunktionierten Gemeindehaus in der Innenstadt des rheinland-pfälzischen Frankenthal.

Der Fall des Gynäkologen Dr. Joachim K., der in seiner Praxis von über 1500 Patientinnen heimlich Intimfotos und -videos angefertigt haben soll, beschäftigt seit Herbst 2011 nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch die Öffentlichkeit.

Vergebliches Warten auf Antworten

Am 5. September startete nun der Prozess gegen den Arzt. Wegen des großen Zuschauerinteresses und der Vielzahl der Nebenklägerinnen hatte sich das Landgericht für den Umzug in den größeren Saal entschieden.

Eine jüngere Frau neben der wartenden Langzeitpatientin des Gynäkologen hat Zweifel, ob sie nicht auch unter den Patientinnen gewesen sein könnte, die der Arzt über Jahre systematisch ohne ihr Wissen fotografiert haben soll: Auf dem gynäkologischen Stuhl im Vaginalbereich, in der Umkleidekabine mit entkleidetem Ober- oder Unterkörper.

Eine Antwort auf ihre drängenden Fragen erhielten die ehemaligen Patientinnen des 58-jährigen Arztes am ersten Prozesstag nicht. Zu den Vorwürfen der Staatsanwältin Anne Wolf, die mit der akribischen Aufzählung jeder einzelnen Bild- und Videosequenz mit Datum, Uhrzeit und Namen der jeweiligen Patientin die ganze Tragweite der massenhaften Ablichtung von Patientinnen im Behandlungszimmer der Schifferstadter Praxis aufzeigte, äußerte sich der Gynäkologe nicht.

1471 Fälle wurden zur Anklage gebracht

Blass, mit dunklem Anzug und rosefarbener Krawatte hatte er den Verhandlungssaal zusammen mit seinen drei Verteidigern betreten, hatte sich von den zahlreichen Fotografen bereitwillig ablichten lassen, und machte sich dann bei der Aufzählung der Fälle Notizen: 1471 Fälle aus den Jahren 2008 bis 2011, die die "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen" betreffen, wurden zur Anklage gebracht.

Mehr als 400 wurden von der Staatsanwältin verlesen. Die restlichen Tausend Fälle ersparte sie den Zuhörern, denn die Taten liefen immer gleich ab.

In zehn weiteren Fällen liegt laut Staatsanwaltschaft sexueller Missbrauch vor. Der Arzt habe die Untersuchungssituation ausgenutzt, um sich sexuell zu stimulieren, hielt die Staatsanwältin ihm vor.

Dabei habe er manuelle Untersuchungstechniken angewandt, die medizinisch nicht indiziert waren ebenso wie Manipulationen im Genitalbereich mit dem Ultraschallkopf. Diese wurden in Videoaufnahmen dokumentiert.

Sämtliches Bildmaterial hatte der Arzt in seiner Praxis aufbewahrt. In seiner Vernehmung hatte er behauptet, die Aufnahmen aus medizinischen Gründen angefertigt zu haben. Es wird Aufgabe des medizinischen Gutachters sein, dies zu bewerten.

Selbstmordgedanken nach bekanntgabe der Vorwürfe

Nach der Verlesung der Anklage ergreift der Beschuldigte das Wort. Es ist eine Entschuldigung an seine Patientinnen für das ihnen zugefügte Leid und den Vertrauensbruch an ihnen. Er werde nicht mehr als Arzt praktizieren, bekräftigte der Mediziner, dessen Approbation derzeit ruht.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe habe er sich mit Selbstmordgedanken getragen, dann eine psychotherapeutische Behandlung begonnen und erkannt, dass er auch eine dunkle Seite habe.

Das kann als Geständnis gesehen werden. Doch zu den Vorwürfen selbst äußert er sich nicht. Die Reaktionen der Zuhörerinnen sind unterschiedlich: "Der will nur Strafminderung", sagt die eine. "Hierfür gibt es keine Entschuldigung" sagt die andere. Eine ehemalige Patientin streckt ihm in der Verhandlungspause demonstrativ die Hand hin.

Verbitterung ist bei seinen langjährigen Mitarbeiterinnen zu spüren, die als Zeuginnen schildern, wie sie von anfänglichen Verdachtsmomenten bis zum Auffinden der Digitalkamera im Juli 2011 in der Sekretschale des Gynäkologenstuhls schließlich Gewissheit über das Tun ihres Chefs erlangten und ihn dann bei der Polizei anzeigten.

Zu mehr als 90 Prozent sei der Chef bei der Untersuchung seiner Patientinnen alleine mit ihnen im Zimmer gewesen. Das sei schon immer so gewesen, sagte eine der Mitarbeiterinnen, die seit der Praxiseröffnung im Jahre 1988 dort tätig war. Die Praxis wurde im August 2011 geschlossen.

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