Ärzte Zeitung online, 26.09.2013

Zeuge sagt im Transplantations-Prozess aus

Neue Leber für Betrunkenen

Im Prozess gegen den Göttinger Transplantationsmediziner haben am Mittwoch Zeugen ausgesagt: Ein Mediziner berichtete, dass Patienten trotz Medikamentenabhängigkeit und Alkoholkonsums neue Lebern bekommen hätten.

Von Heidi Niemann

Neue Leber für Betrunkenen

Die Göttinger Transplantationsmedizin: Wie ein als Zeuge geladener Mediziner berichtet, erhielten auch abhängige Patienten neue Organe.

© Julian Stratenschulte / dpa

GÖTTINGEN. Im Prozess um den Transplantationsskandal am Göttinger Universitätsklinikum hat sich das Landgericht Göttingen am Mittwoch erstmals mit einem Fall befasst, in dem es um den Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge geht.

Der Staatsanwaltschaft hat den früheren Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie angeklagt, drei Patienten eine Leber eingepflanzt zu haben, obwohl keine entsprechende Indikation vorlag. Diese seien nach der Transplantation gestorben.

Einer dieser Patienten war ein 55-jähriger Mann aus Thüringen, der im Oktober 2008 im Göttinger Uniklinikum eine neue Leber bekommen hatte.

Der 55-Jährige war einer der ersten Patienten des Angeklagten am Göttinger Uni-Klinikum. Der Chirurg war zum 1. Oktober 2008 von Regensburg nach Göttingen gewechselt. Rund zweieinhalb Wochen später nahm er die Lebertransplantation vor.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mediziner vor, den Patienten nicht hinreichend über die Risiken des Eingriffs aufgeklärt zu haben. Aufgrund der Leberfunktionswerte habe es zu dem Zeitpunkt keine medizinische Notwendigkeit für eine Transplantation gegeben.

Vielmehr habe eine Kontraindikation bestanden, da der Patient medikamentenabhängig gewesen sei. Als einige Zeit nach der Transplantation schwere Komplikationen auftraten, kam dieser erneut auf die Warteliste und erhielt zum zweiten Mal eine Leber transplantiert.

Zeugin: Ärzte haben von Medikamentenabhängigkeit gewusst

Nach Angaben der Schwester des Patienten, die das Gericht als Zeugin geladen hatte, ging es nach der zweiten Transplantation "rapide bergab" mit ihm, bald darauf sei er gestorben.

Ihr Bruder sei längere Zeit alkoholabhängig gewesen, danach habe er aber mehr als 20 Jahre keinen Alkohol mehr angerührt. Im Zuge des Alkoholentzugs sei er jedoch in die nächste Abhängigkeit geraten und habe jahrelang Tabletten genommen.

Hierbei handelt es sich um ein Medikament, das normalerweise nur kurzzeitig eingesetzt wird, weil es sehr schnell abhängig gemacht. Es soll akute Entzugserscheinungen bei der Entgiftung lindern.

Nach Angaben der Zeugin hatte der Hausarzt ihrem Bruder die Tabletten verschrieben. Die behandelnden Ärzte im Göttinger Uni-Klinikum hätten von der Medikamentenabhängigkeit gewusst.

Der Transplantationschirurg habe ihrem Bruder auch gesagt, dass er "von dem Zeug weg" müsse. Dieser habe jedoch bis zur Operation weiter die Tabletten genommen.

Verteidiger fordert Freilassung gegen Kaution

Ein ebenfalls als Zeuge geladener Mediziner berichtete, dass einmal auch einem Patienten eine Leber transplantiert worden sei, der zu dem Zeitpunkt einen Blutalkoholgehalt von 1,2 Promille gehabt habe.

Der Verteidiger des Chirurgen, Professor Steffen Stern, hält es für an der Zeit, dass sein seit Januar in Untersuchungshaft sitzender Mandant gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wird.

Die Staatsanwaltschaft hält eine Haftverschonung jedoch nicht für angebracht. Die bisherige Verhandlung habe die Anklagebehörde in ihrer Auffassung bestätigt, sagte Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff. Der Prozess wird am 8. Oktober fortgesetzt.

Lesen Sie dazu auch:
Transplantations-Prozess: Fehlende Akten machten BÄK-Prüfer stutzig

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