Ärzte Zeitung, 09.02.2015

Regressandrohungen

Landarzt zieht die Notbremse

Raus aus der vertragsärztlichen Versorgung - das ist die Konsequenz von Hausarzt Stefanus Paas. Der Grund: Dauerstreit um Regresse.

Von Ilse Schlingensiepen

Landarzt zieht die Notbremse

Die Hausärzte Dr. Jörg Blettenberg (r., mit Mikro) und Stefanus Paas kämpfen gemeinsam gegen Regresse (Archivbild).

© iss

KÖLN. Am 15. Mai schließt sich das Kapitel "Arbeit als Hausarzt auf dem Land" für Stefanus Paas. Spätestens an diesem Tag gibt der Allgemeinmediziner aus Bergneustadt im Rheinland seine Praxis auf.

Das liegt nicht daran, dass er keine Lust mehr hätte, seine Patienten zu versorgen. Paas zieht die Konsequenz aus Prüfverfahren und Regressandrohungen.

"Im Moment droht mir die Zahlung von 20.000 Euro", sagt der 48-jährige Hausarzt. Nach seiner Einschätzung nach hat er zwar gar nicht so schlechte Karten, langfristig um einen Regress herumzukommen, weil er sein Verordnungsverhalten begründen kann.

Aber er fürchtet, dass die Auseinandersetzungen immer weitergehen könnten - diese Aussicht reizt ihn nicht.

Jetzt ist er auf Bewerbungstour

Deshalb wollte Paas lieber rechtzeitig die Notbremse ziehen und einen Neuanfang wagen. "Ich bin im Moment auf Bewerbungstour", berichtet er. Am liebsten würde er sich zum Geriater weiterbilden und dann als Angestellter in einer Klinik tätig sein.

Auch die Arbeit in einem Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung ist eine Option, ebenso wie die Abwanderung ins Ausland. Gemeinsam mit seiner Frau, die Krankenschwester ist, wird er sich in der Schweiz informieren.

Doch egal, wofür er sich entscheidet: Der Kampf gegen die Regressforderungen wird ihn noch eine Weile begleiten. Es dauert, bis die Sozialgerichte entschieden haben. "Das Verfahren für 2011 kann sich bis 2020 hinziehen."

Der Hausarzt will sich nicht still und leise von seiner Hausarzttätigkeit verabschieden. Er hat in Bergneustadt unterstützt vom Aktionsbündnis gegen Regresse und dem oberbergischen Hausärzteverband eine Bürgerversammlung organisiert, an der sich rund 250 Menschen aus der Region beteiligt haben.

Es sei wichtig, die Bevölkerung und die Politiker vor Ort zu informieren, wie schlecht es um die hausärztliche Versorgung inzwischen bestellt ist, sagt Paas.

Auch sein Kollege Jörg Blettenberg aus Lindlar, der gegen sechsstellige Regresse kämpft, war an der Versammlung beteiligt. "Ich habe schon 100.000 Euro bezahlt", sagt er. Der 56-Jährige will sich nicht geschlagen geben. "Ich versuche durchzuhalten."

"Ich kenne allein fünf Hausärzte"

Er kann nach eigenen Angaben belegen, dass der Beschwerdeausschuss in Nordrhein allein bei den Heilmittelverordnungen der 100 teuersten Patienten in seiner Praxis 2009 bis 2011 Praxisbesonderheiten von 226.000 Euro nicht berücksichtigt habe.

Für 2012 habe er überhaupt keinen Prüfantrag bekommen, obwohl sich sein Verordnungsverhalten nicht wesentlich verändert habe, sagt der Hausarzt. "Das könnte ein Indiz dafür sein, dass ich auch früher wirtschaftlich war."

Blettenberg ärgert die immer wieder gehörte Darstellung, Regresse seien eigentlich kein Thema mehr. "Ich kenne allein in meiner Region fünf betroffene Hausärzte." Darunter sei der hausärztliche Internist Norbert Dobbermann, der mit 69 Jahren seine Praxis weiterführt, weil er keinen Nachfolger finde.

Auch er kämpfe seit Jahren gegen Regresse und habe gerade eine Forderung über 82.000 Euro wegen zu hoher Heilmittelverordnungen erhalten, berichtet Blettenberg.

Es gibt zwei Gründe, aus denen er selbst aufgeben würde. Der eine ist, wenn ihm die Bank den Hahn zudreht.

Der zweite: "Wenn das System die Arbeitsbedingungen für Hausärzte noch schlechter macht und es noch mehr Restriktionen und Einschränkungen gibt, dann höre ich auf, dann könnte ich nicht mehr Arzt sein", betont Blettenberg.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die Regress-Angst bleibt

[10.02.2015, 11:00:06]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Dr. Wolfgang Bensch sind Sie Arzt oder Jurist,
was und wen meinen Sie denn mit Korruption?
Ist Korruption Leistungserbringung für einen kranken Patient?
Oder ist es Korruption, wenn hierfür nicht der Patient sondern der Arzt bezahlen muss?

Kennen Sie einen nicht-ärztlichen Beruf auf der Welt, bei dem so etwas möglich ist? zum Beitrag »
[09.02.2015, 21:19:06]
Dr. Wolfgang Bensch 
Korrupte Mediziner vor dem Sozial- oder dem Strafgericht?
Das Thema Regress verhandelt man im Sozialgericht, die Korruption vor dem Strafgericht? zum Beitrag »

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