Ärzte Zeitung, 21.04.2015

"Antibiotic Stewardship"

Weniger Antibiotika-Verbrauch ist oft mehr

Mit sogenannten "Antibiotic Stewardship"-Programmen sollen Kliniken im Kampf gegen multiresistente Erreger unterstützt werden. Wie genau das aussehen kann, war Thema auf dem DGIM-Kongress.

Weniger Antibiotika-Verbrauch ist oft mehr

Mit Antibiotic Stewardship nehmen oft auch die Resistenzen bei Bakterien ab.

© ggw / fotolia.com

MANNHEIM. Etwa jeder vierte Patient im Krankenhaus erhält Antibiotika. Die Medikamente erzeugen bekannterweise aber auch Resistenzen bei den Erregern, die sie bekämpfen sollen. Diese werden dadurch noch schwerer behandelbar.

Um multiresistente Keime einzudämmen, arbeiten Kliniken jetzt mit sogenannten "Antibiotic-Stewardship"-Programmen, teilt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zu ihrem 121. Kongress mit.

Diese Programme sorgen für die optimale Antibiotikatherapie des Patienten.

Wie dieses Antibiotic-Stewardship (ABS) die Einnahme von Antibiotika um bis zu 40 Prozent senkt und was es darüber hinaus leistet, haben Experten auf dem DGIM-Kongress in Mannheim diskutiert.

Zu viel und zu lange

Berichte über den DGIM-Kongress

Medienpartner beim 121. Internistenkongress ist die "Ärzte Zeitung". Vor und während des Kongresses werden Sie aktuell über wichtige Ereignisse und Veranstaltungen informiert. Danach gibt es eine Kongress-Nachlese.

Zu den Berichten über den DGIM-Kongress

"Viele Patienten nehmen zu viele Antiinfektiva über einen zu langen Zeitraum ein", wird Dr. Katja de With, Leiterin der Klinischen Infektiologie am Dresdner Universitätsklinikum, in der DGIM-Mitteilung zitiert.

"Oder sie bekommen ein Breitspektrum- anstelle eines Schmalspektrum-Antibiotikums, das die Infektion gezielter bekämpfen könnte." Das Problem verschärfe sich, wenn es in Kliniken an Fachpersonal mangelt.

Aus Kostengründen würden zudem Labortests oft ausgelagert - das verzögert die Behandlung.

Zum ABS-Team gehören ein Infektiologe, ein Fachapotheker, ein Facharzt für Mikrobiologie und der Hygienebeauftragte des Krankenhauses. Pro 500 Krankenhausbetten bedeute dies eine Vollzeitstelle, so de With.

"Mindestens einmal im Jahr sollte der Apotheker im Team den Verbrauch an Antiinfektiva erheben, aufgeschlüsselt nach Normal- und Intensivstationen, nach Fachabteilungen und auch nach Präparaten", erläutert die Mitverfasserin der aktuellen S3-Leitlinie zu rationalem, angemessenem Antibiotikaverbrauch in Krankenhäusern.

Insbesondere kleinere und mittelgroße Kliniken profitierten von ABS.

Hausliste mit Präparaten

Das ABS-Team berät Klinikkollegen darin, welches, wieviel, wie oft und in welcher Form sie ein Antibiotikum verabreichen sollten. Es legt den Fachabteilungen für die Behandlung bestimmter Erkrankungen bestimmte Antibiotika nahe - und schließt den Griff zu anderen aus.

Dafür erstellen die ABS-Fachleute eine Hausliste mit empfohlenen Präparaten und möglichen Ersatzmitteln. "Sowohl die Hausliste als auch der entsprechende Behandlungsleitfaden können von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich sein" erläutert de With, die auf dem 121. Internistenkongress über das Thema referiert hat, in der Mitteilung.

Studien zeigen, dass Kliniken mithilfe eines Antibiotic Stewardship 10 bis 40 Prozent weniger Antibiotika verordnen. Damit nehmen oft auch die Resistenzen bei Bakterien ab.

Dass ABS Geld spart, zeigen Beispiele aus anderen Ländern: So wurden in einer Universitätsklinik im US-Staat Maryland über einen Zeitraum von sieben Jahren 400.000 Dollar pro Jahr eingespart; als das ABS-Programm endete, stiegen die Kosten wieder an.

In den USA sind ABS-Teams bereits üblich, in den Niederlanden wurden sie kürzlich per Gesetz eingeführt.

300 in ABS fortgebildete Experten

Um ABS-Projekte auch in Deutschland voranzutreiben gelte es, Klinikpersonal zu schulen und fortzubilden, beschreibt der DGIM-Vorsitzende Professor Michael Hallek aus Köln, das Procedere.

Im Rahmen eines Fortbildungssystems der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie haben sich inzwischen mehr als 300 ABS-Experten fortgebildet.

ABS koste zunächst zwar Geld, so Hallek in der Mitteilung, die Investitionen zahlten sich aber in Zukunft aus - nicht nur kostenmäßig, sondern auch in Lebensqualität und Überleben der Patienten. (eb)

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