Ärzte Zeitung, 02.12.2009

Mancher Patient will mit entscheiden

Darf der Patient mit entscheiden, steigert das den Therapieerfolg. Das gilt, wie eine Studie zeigt, allerdings nur für Patienten, die auch das Bedürfnis nach dem so genannten "Shared Decision-Making" haben.

Von Ursula Armstrong

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In einem Vorgespräch lässt sich klären, ob Patienten eine partnerschaftliche Therapie wünschen.

Foto: Y. Arcurs©www.fotolia.de

Bereits seit den 1990-er Jahren kursiert das Konzept des "Shared Decision-Making" (SDM) in der Medizinwelt. damals wurde es entwickelt, um den Anforderungen von mündigen, durch das Internet gut informierten Patienten zu entsprechen. Das Konzept kann auch durchaus erfolgreich sein, aber es wirkt längst nicht bei
jedem Patienten.

Ziel war, Adhärenz und Compliance von Patienten mit chronischen Erkrankungen zu verbessern, vor allem, wenn mehrere Therapiemöglichkeiten zur Auswahl stehen. Das wiederum soll den Therapie-Erfolg sichern. Was dieses Modell nun wirklich in der Praxis bringt, haben Wissenschaftler der Uni Erlangen um Studienleiter Professor Roland E. Schneider von der Medizinischen Klinik 4 in einer kleinen Studie mit 84 Hypertonie-Patienten untersucht (Dtsch Med Wochenschr 131, 2006, 2592).

Studie zur Hypertonie sollte Licht ins Dunkel bringen

Die Probanden waren durchschnittlich 61 (±10) Jahre alt und hatten einen Blutdruck von höchstens 160/110 mm Hg. Weiteres Ausschlusskriterium war eine medikamentöse Dreifach-Therapie. Zwölf Monate lang wurden die Patienten für die Studie begleitet.

15 an SDM interessierte niedergelassene Ärzte erhielten ein spezielles Kommunikationstraining und anschließend regelmäßige Supervisionen. Für die Interventionsgruppe
rekrutierten sie 39 Patienten aus ihrem Klientel. Die anderen 45 Probanden bildeten die Kontrollgruppe. Sie wurden nicht von SDM-geschulten Ärzten betreut, sondern nahmen an einer Hypertonieschulung teil.

Die Ergebnisse sind etwas ambivalent, lassen aber interessante Rückschlüsse zu. Nach einem Jahr war der Blutdruck bei der Selbstmessung in beiden Gruppen signifikant niedriger als zu Studienbeginn. In der Interventionsgruppe wurde eine Blutdrucksenkung um -9,3/-5,3 mm Hg erzielt und in der Kontrollgruppe um -6,0/-3,0 mm Hg. Die Blutdrucksenkung, der klinische Hauptparameter dieser Studie, brachte keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Interaktion wirkte sich positiv auf Blutdruck aus

Das heißt, sowohl die Betreuung durch SDM-geschulte Ärzte, als auch die Teilnahme an einer Hypertonieschulung führten zu einem guten Langzeit-Ergebnis.

Doch es gab eine Untergruppe, bei der ein direkter Zusammenhang zwischen SDM in der Arzt-Patienten-Interaktion und der Höhe der systolischen Blutdrucksenkung festgestellt wurde: nämlich bei Patienten, die schon vor Studienbeginn in Fragebögen ein höheres Bedürfnis nach Partizipation angegeben hatten.

Und noch ein positives Ergebnis: In der SDM-Gruppe hatte die Medikamenten-Einnahme signifikant mehr zugenommen als in der Kontrollgruppe. Das partnerschaftliche Interaktions-Modell führt also zu mehr Adhärenz.

Nicht immer lohnt der Zeiteinsatz in der Praxis

Für die Praxis scheine es sinnvoll zu sein, mehr auf die Entscheidungspräferenzen der Patienten zu achten, folgern die Autoren aus ihren Ergebnissen. In einem individuellen Gespräch könne das vorab geklärt werden.

Denn bei Patienten, die dies wünschen, kann ein Vorgehen nach dem Konzept des Shared Decision-Making - und der Einsatz von ein wenig mehr Zeit - einiges bewirken.
Aber offenbar nur bei diesen Patienten, legt das Ergebnis dieser Studie nahe.

Wichtige Punkte beim Shared Decision-Making:

  • Der Patient sollte erfahren, dass eine Entscheidung ansteht
  • Es ist wichtig, dass sich der
    Patient gleichberechtigt fühlt
  • Den Patienten über Therapieoptionen informieren
  • Über Vor- und Nachteile der einzelnen Optionen informieren
  • Verständnis, Gedanken und Erwartungen erfragen
  • Präferenzen des Patienten
    ermitteln
  • gemeinsam entscheiden
  • Umsetzungsschritte vereinbaren

(nach Andreas Loh und Daniela Simon in "Das Arzt-Patient Pa-tient-Arzt Gespräch. Ein Leitfaden für Klinik und Praxis", München 2009)

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