Ärzte Zeitung, 24.01.2012

Mit Schauspielern ein Patienten-Gespräch führen

Ein gutes Patientengespräch braucht Übung. Deshalb können an der Uni Bonn Nachwuchsärzte in Rollenspielen ihre Kommunikation trainieren.

Von Jonas Tauber

Mit Schauspielern ein Patienten-Gespräch führen

Reale Behandlungsräume dienen als Kulisse: Medizinstudentin Katja Dreßen übt im Uniklinium Bonn mit Schauspiel-Patient Günter Otterski den Umgang mit schwer kranken Patienten.

© Jonas Tauber

BONN. Als der grauhaarige Herr einen gewaltigen Hustenanfall bekommt, hört der junge Mann im weißen Kittel auf zu reden. Es sei vermutlich besser, später über einen eventuellen Umzug in ein Hospiz zu sprechen, schlägt er vor. "Ist das in Ihrem Sinne?", fragt er seinen mitgenommen aussehenden Gesprächspartner. Der nickt müde.

Die Universität Bonn geht neue Wege im Kommunikationstraining für angehende Ärzte: Medizinstudierende im vierten klinischen Semester bereiten sich hier künftig mit Rollenspielen auf den Umgang mit Patienten vor.

Die künftigen Ärzte treffen dabei auf Schauspieler, die in die Rolle schwer kranker Menschen schlüpfen. Verantwortlich ist der Lehrstuhl für Palliativmedizin unter Professor Lukas Radbruch.

Auf Stationsbesuch ist fürs Gesprächstraining kaum Zeit

Die Studenten begrüßen das neue Angebot. "Die Rollenspiele sind deshalb hilfreich, weil es um heikle Situationen geht", sagt die 29-jährige Medizinstudentin Yoganiranjana Dharuman, die einmal Chirurgin werden möchte. Nach ihrer Erfahrung kommen emotional-menschliche Aspekte bei den regulären Stationsbesuchen, an denen Studenten teilnehmen, oft zu kurz.

Ein Kommilitone sieht das genauso. "Bei den Stationsbesuchen im Rahmen der Blockpraktika stehen medizinisch-technische Dinge im Vordergrund", erklärt der 25-jährige Johannes Fischer.

Angeleitete Gesprächssituationen gebe es dagegen nicht. Bei dem Rollenspiel, in dem er den Part des Arztes übernahm, habe ihn die Emotionalität des Schauspielpatienten aus dem Konzept gebracht, berichtet Fischer.

Für die Rollenspiele bilden die Studenten Kleingruppen. Einer übernimmt jeweils die Rolle des Arztes, die anderen schauen zu. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Lehrstuhl für Palliativmedizin erklärt, was für eine Situation den "Arzt" erwartet: ein Patient mit Bronchialkarzinom, der erst vor zwei Tagen erfahren hat, dass keine Aussicht auf Heilung mehr besteht.

Übung: Hospiz oder nicht

Die konkrete Aufgabe für den Mediziner in spe in diesem Fall: Er soll den Patienten vor die Entscheidung stellen, ob er ins Hospiz gehen möchte oder die verbleibende Lebenszeit lieber zu Hause verbringen will.

Nach dem zehn Minuten dauernden Gespräch verwandelt sich der Arzt wieder in den Medizinstudenten und der Patient in den Schauspieler. Reihum geben die Studenten aus der Beobachtungsgruppe ihr Feedback, den Abschluss macht der wissenschaftliche Mitarbeiter.

Damit Rollenspiele ihr Potenzial entfalten können, ist es wichtig, dass die Darsteller die Studenten weder über- noch unterfordern, sagt Palliativmediziner Radbruch. Zum Beispiel sei ein Gespräch kaum noch sinnvoll, wenn ein Patient vor Husten gleich vom Stuhl zu fallen droht.

Ein typischer Arztfehler: Pausenloses Reden

Radbruch rät Studierenden, ohne Angst in Gespräche mit schwer kranken Menschen zu gehen. "Ein typischer Fehler ist, dass der Arzt nicht aufhört zu reden und sich aus Angst vor Gefühlen hinter Fachausdrücken versteckt", sagt er.

Für den praktischen Ablauf empfiehlt er, die passende Umgebung für das Gespräch zu wählen. "Es sollte ein ruhiger Raum sein, wo man sich setzen kann." Ärzte brauchten sich für den Gesprächseinstieg nicht vor Floskeln wie "es tut mir leid..." scheuen.

Sie sollten dann zur eigentlichen Nachricht kommen und dem Patienten Raum für Gefühle geben. "Ganz wichtig ist Zeit", glaubt Radbruch. Der Wert von Sprechpausen werde unterschätzt.

Ärzte sollten ihre Betroffenheit zeigen können. "Die Patienten honorieren es in hohem Maß, wenn ein Arzt zugibt: Das hat mich jetzt aus der Bahn geworfen", weiß Radbruch. "Wir wollen vermitteln, dass es nicht den einen richtigen Satz gibt", sagt er. Es gehe um Haltung, Offenheit und Empathie.

Feedback der Schauspieler

Die Universität hat sich für das Mittel der Rollenspiele entschieden, um die eigenen Patienten nicht zu überfordern. "120 Studenten durch die paar Behandlungszimmer zu schleusen, ist nicht machbar", sagt Radbruch. "Die Lösung ist der Schauspielpatient."

Ein Vorteil ist aus seiner Sicht, dass die Schauspielpatienten bereitwillig ein Feedback geben, wie das Verhalten des Studierenden auf sie gewirkt hat. Im Alltag sei eine solche Rückmeldung die Ausnahme, sagt er.

Einige der 15 Darsteller kommen von der studentischen Schauspielgruppe "S.U.B.-Kultur" oder sind Statisten an der Oper Bonn.

Andere sind ehrenamtliche Mitarbeiter des Ambulanten Palliativdienstes des Malteser-Krankenhauses Bonn/Rein-Sieg und Mitglieder der Seniorentheatergruppe "Bühnengeister".

[26.01.2012, 09:56:36]
Denis Nößler 
Per E-Mail erreichte uns folgender Leserbrief
Sie berichten auf der ersten Seite Ihrer Ausgabe vom 25.1.2012, daß an der Universität Bonn Schauspieler Nachwuchsärzte ausbilden. Man muß sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen, heutzutage lernen Medizinstudenten also nicht den Umgang mit kranken Menschen selbst sondern lassen sich von Schauspielern das vormachen, was diese aus den Lehrbüchern der Medizin extrahiert haben. Möglicherweise hat die Universität Bonn auch nicht genügend Kranke für die Medizinerausbildung. Ich halte diese schauspielerhafte Ausbildung für ein Armutszeugnis. Vielleicht haben wir deshalb so viele Fehldiagnosen, weil angehende Ärzte ihr Wissen von Schauspielern beziehen oder könnte es sein, dass man in Bonn den armen Medizinstudenten keine wirklich kranken Patienten mehr zumuten kann? Sie könnten ja einen psychischen Knacks davontragen.

Prof. Dr. med. Erland Erdmann

Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin
Herzzentrum der Universität zu Köln
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