Ärzte Zeitung, 03.12.2014

Studie zeigt

Noch drängen Patienten nicht auf Zweitmeinung

Gesetzlich versicherte Patienten können eine ärztliche Zweitmeinung einholen. Das wissen die Wenigsten, wie eine aktuelle Studie zeigt. Dabei ist der Bedarf an Entscheidungshilfen groß.

Von Matthias Wallenfels

Viele wissen nichts vom Recht auf Zweitmeinung

Zweitmeinung: Stimmt der zweite Arzt der Behandlungsempfehlung seines Kollegen zu?

© Alexander Raths / fotolia.com

HAMBURG. Das Recht eines gesetzlich versicherten Patienten auf eine ärztliche Zweitmeinung ist vielen Deutschen nicht geläufig: Jeder Vierte weiß nicht, dass die Kosten für das Einholen einer zweiten Meinung eines anderen Facharztes - unabhängig von der Art der Erkrankung - von den Krankenkassen übernommen werden.

Das geht aus der Studie "Zweitmeinungsverfahren aus Patientensicht" des privaten Krankenhausbetreibers Asklepios Kliniken Hamburg GmbH und des IMWF Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung hervor, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt. Laut Asklepios wurden für die Untersuchung einerseits 1000 Bundesbürger ab 18 Jahren bevölkerungsrepräsentativ online befragt.

Um ein genaueres Bild der Metropolregion Hamburg - neben der Stadt Hamburg wurden die Landkreise Harburg, Stade, Lüneburg und Segeberg berücksichtigt - zu gewinnen, fand dort eine separate Untersuchung mit 200 Teilnehmern statt.

Gesetzliche Verankerung unbekannt?

Dieses Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass in der Bevölkerung noch ein großer Aufklärungsbedarf darüber besteht, dass das Recht eines Kassenpatienten auf eine Zweitmeinung im Versorgungsstärkungsgesetz - laut Referentenentwurf in Paragraf 27b - verankert werden soll (wir berichteten).

Bei planbaren Eingriffen in Indikationen, bei denen das Risiko einer Indikationsausweitung besteht, sollen Patienten das Recht auf eine Zweitmeinung haben. Der Bundesausschuss muss festlegen, welche Eingriffe das sind und wer eine Zweitmeinung erbringen kann.

Wie die Studie offenbart, ist der Bedarf an ergänzenden Entscheidungshilfen auch patientenseitig groß: zwei Drittel der Deutschen haben sich demnach nach einem Arztbesuch schon mindestens einmal über alternative Behandlungsmöglichkeiten informiert. Quelle Nummer 1 ist dabei, so die Erhebung, das Internet mit 65 Prozent, gefolgt von Familienmitgliedern respektive Freunden (64 Prozent).

Ein zweiter Arzt wird mit 52 Prozent seltener zurate gezogen. Dabei sei das Vertrauen in Empfehlungen zu alternativen Methoden am größten, wenn sie von Medizinern stammten (91 Prozent).

Der Wunsch nach einer ärztlichen Zweitmeinung hängt bei den Patienten, wie die Untersuchung nahelegt, vor allem von der jeweiligen Indikation ab. So gaben 83 Prozent an, dass ihnen im Falle einer onkologischen Erkrankung, wie zum Beispiel Brust- oder Lungenkrebs, eine Zweitmeinung sehr wichtig sei.

Unsicherheit, ob empfohlene Methode das Richtige ist

Etwas abgeschlagen an Position zwei folgen mit 68 Prozent neurologische Indikationen, wie Insult oder Epilepsie. An dritter Stelle finden sich mit 65 Prozent koronare Erkrankungen, wie beispielsweise ein Herzinfarkt. Als Schlusslicht beim Zweitmeinungswunsch entpuppt sich die Zahnmedizin. Nur 26 Prozent sei im Falle von Zahnersatz oder -Op die Meinung eines zweiten Zahnmediziners sehr wichtig.

Insgesamt gaben 40 Prozent der Umfrageteilnehmer an, in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal aktiv von einem niedergelassenen Facharzt auf die Möglichkeit der Einholung einer Zweitmeinung angesprochen worden zu sein. 37 Prozent treffen diese Aussage bei den Fachärzten in Kliniken.

Patienten, die schon einmal eine Zweitmeinung erhalten haben, haben dies laut Studie in 54 Prozent der Fälle selbst eingefordert. In 32 Prozent sei die Zweitmeinung von niedergelassenen Ärzten in Vertragsarztpraxen initiiert gewesen, in elf Prozent von Krankenhausärzten und in zwei Prozent von Krankenkassen.

Hauptmotive der Patienten seien die Unsicherheit, ob die empfohlene Methode optimal für sie ist (52 Prozent), sowie der Wunsch, eine unnötige Behandlung respektive Operation zu vermeiden (47 Prozent).

Jeweils 16 Prozent gaben aber auch an, zum einen der Behandlungsempfehlung nicht vertraut zu haben und sich zum anderen nicht haben operieren lassen wollen, sondern seien auf der Suche nach einer alternativen Behandlungsmethode gewesen. Neun Prozent der Befragten gaben auch an, die Behandlungsempfehlung des ersten Arztes nicht hätten nachvollziehen können.

Nützliche Entscheidungshilfe

85 Prozent derjenigen Befragten, die nach eigenem Bekunden bereits ein Zweitmeinungsverfahren durchlaufen hatten, gaben an, die Zweitmeinung hätte ihnen dabei geholfen, die für sie beste Behandlungsmethode zu wählen.

Immerhin 16 Prozent gaben in der Studie aber auch an, dass die zweite Behandlungsempfehlung sie vollkommen verunsichert und ihnen daher die Entscheidung letztlich erschwert hätte.

Mit 94 Prozent seien fast alle Patienten mit Ablauf und Ergebnis des Zweitmeinungsverfahrens zufrieden gewesen, die Hälfte sogar sehr zufrieden und hätten sich selbstbestimmt und sicher für die optimale Behandlung entscheiden können.

94 Prozent der Deutschen, die bislang keine Zweitmeinung erhalten haben, würden dies zukünftig im Krankheitsfall machen - mehr als die Hälfte auf jeden Fall oder wahrscheinlich.

Schnelles Procedere gewünscht

Vom Ablauf des Zweitmeinungsverfahrens wünschen sich 54 Prozent der Befragten laut Studie vor allem, dass die Beurteilung durch den zweiten Facharzt schnell und unkompliziert erfolgt.

Wichtig ist 49 Prozent auch, dass der behandelnde Arzt sie aktiv auf die Möglichkeit einer Zweitmeinung aufmerksam macht. Ebenso viele wünschen sich von ihrer Krankenkasse eine aktive Unterstützung.

Die größte Kompetenz bei der Erstellung von Zweitmeinungen vermuten die Befragten mit 46 Prozent bei Fachärzten einer Klinik. Knapp dahinter liegen mit 43 Prozent niedergelassene Fachärzte. Immerhin elf Prozent gestehen die größte Kompetenz ihrer Krankenkasse zu.

Hamburger sind aufgeklärter

Die beschriebenen Kernergebnisse der deutschlandweiten Untersuchung treffen laut Studienautoren auch auf die Bürger der Metropolregion Hamburg zu.

Dennoch zeigen sich in dieser Region einige Besonderheiten: Die Bewohner der Metropolregion Hamburg sind demnach aufgeklärter als der Bundesdurchschnitt: Während 83 Prozent der Hamburger wissen, dass sie bei allen Erkrankungen kostenfrei eine zweite Meinung eines anderen Facharztes einholen dürfen, sind dies bundesweit nur 77 Prozent.

Außerdem würden die Hamburger auf die Möglichkeit der Zweitmeinung häufiger aktiv angesprochen von regionalen Fachärzten: 46 Prozent geben an, dass das bei ihnen in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal der Fall war - im Vergleich zu 37 Prozent im Bundesdurchschnitt.

In Hamburg ist auch das Verhältnis der aufklärenden Fachärzte in Bezug auf Praxen und Kliniken umgekehrt: Hier sind es mit 51 Prozent deutlich häufiger Klinikärzte als Praxisärzte (43 Prozent), die aktiv eine Zweitmeinung anbieten. Dies sei mit der überdurchschnittlich hohen Klinikdichte in Hamburg begründet.

[05.12.2014, 21:05:01]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
eigentlich drängen die Kassen mehr, nicht die Patienten.
---- :-) zum Beitrag »
[04.12.2014, 12:28:43]
Dr. Rüdiger Storm 
Zweitmeinungspflich
Ich würde eine generelle Zweitmeinungspflicht einführen, natürlich gekoppelt mit einer Verdopplung der Krankenkassenbeiträge.

Schon heute sind Patienten aus eigenem Antrieb in Endlosschleifen unterwegs, mit teils interessanten Vorstellung von einer Art therapeutisches Röntgen bzw. regelmäßigen Wiederholungen von MRTs rauf und runter.
Natürlich ist schon alles sauber abgeklärt, aber........

Ich glaube das sollte man ruhig fördern.

 zum Beitrag »
[04.12.2014, 02:58:47]
Dr. Wolfgang Bensch 
Lächerliche Diskussion ... erstens, zweitens und zum dritten!
Im Zeitalter der Chipkarte als Ausweis für quartalsgetaktetes Abrechnen medizinischer Leistungen via Kassenärztlicher Vereinigung sind sämtliche Meinungen beliebig vieler Ärzte "all inclusive" zum jeweiligen Beitragssatz der GKV ggf. mit Zusatzbeitrag.
Weshalb noch mehr bürokratisches Brimborium in dieser Geschichte durch "gesetzliche Verankerung"?
 zum Beitrag »
[03.12.2014, 18:51:06]
Dr. Lutz Kamann 
Bisher gibt es kein Recht auf Zweitmeinung... noch ist es eine IGeL Leistung
Kein Recht auf Zweitmeinung. Dazu finden sich in den Mitteilungen der KV Sachsen folgende Zitate:

„Wunschüberweisungen“ von Patienten, z. B. zum Einholen einer Zweitmeinung, können nur dann ausgestellt werden, wenn Sie als behandelnder Arzt die medizinische Notwendigkeit bejahen (vgl. dazu § 12, Abs. 1 SGB V – Wirtschaftlichkeitsgebot). Heft 1/2001

Ausstellung von mehreren Überweisungsscheinen an unterschiedliche Fachärzte des gleichen Fachgebiets innerhalb eines Quartals
Nach § 24 des Bundesmantelvertrages-Ärzte (BMV-Ä) sowie § 27 des Bundesmantelvertrages-Ärzte/ Ersatzkassen (EKV) hat ein Vertragsarzt nur erforderliche Leistungen auf Überweisung zu veranlassen.
Sofern ein Patient eine Zweitmeinung einholen möchte, liegt laut Bundesmantelvertrag ein Vertragsarztwechsel vor, bei dem keine Überweisung auszustellen ist. In diesen Fällen besteht keine medizinische Notwendigkeit für die Inanspruchnahme durch einen zweiten Arzt derselben Fachrichtung innerhalb eines Quartals.
Infolge von Doppelabrechnungen von Leistungen durch das Ausstellen von mehreren Überweisungsscheinen (Ausnahme Zielaufträge) innerhalb eines Quartals bei einem Patienten erreichen uns vermehrt Regressanträge durch die Kostenträger. Wir bitten Sie daher, das Ausstellen von zwei bzw. mehreren Überweisungsscheinen an unterschiedliche Fachärzte derselben Fachrichtung innerhalb eines Quartals zu vermeiden.
Heft 7-8/2008

Ich übrigen stimme ich den 3 bisher vorliegenden Kommentaren absolut zu.  zum Beitrag »
[03.12.2014, 16:11:39]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Man kann es drehen und wenden wie man will!
Die GKV-Kassen können zwar großmäulig und werbewirksam behaupten: "Gesetzlich versicherte Patienten können auf Kosten der Krankenkassen eine ärztliche Zweitmeinung einholen." Vgl.: https://www.medexo.com/kostenuebernahme

Doch das Recht eines Kassenpatienten auf eine Zweitmeinung ist im E n t w u r f des Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VersStG) - in Paragraf 27b des novellierten SGB V - noch Zukunftsmusik. Und der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) wird dann erst mal festlegen müssen, bei w e l c h e r Art von Eingriffen w e r eine Zweitmeinung erbringen darf. So nimmt es nicht Wunder das laut Ergebnis der in der Ärzte Zeitung referierten, höchst fiktiven Befragung etwa jeder Vierte n i c h t weiß, dass die Kosten für das Einholen einer zweiten Meinung eines anderen Facharztes - unabhängig von der Art der Erkrankung - von den Krankenkassen übernommen werden.

Letzteres ist eine glatte Lüge; oder sagen wir mal, die reine Unwahrheit! Denn würden die Kosten für eine fundierte ärztliche Zweitmeinung tatsächlich extrabudgetär von den Kassen übernommen, müssten diese ihre GKV-Beiträge erhöhen (vergleichbares gilt auch für die PKV). In vorauseilendem Gehorsam werden die Beiträge mancherorts schon nächsten Monat ab 1.1.2015 um 0,9 Prozent angehoben. Somit zahlen n i c h t die Kassen sondern ihre Versicherten die Zeche.

Sollte die Finanzierung von Zweitmeinungen eher wahrscheinlich infrabudgetär bleiben, hat die Große Koalition (GROKO) erneut beliebte Opfer für das fröhliche "Ärzte-Bashing" ausgemacht: Die Gesamtheit der niedergelassenen GKV-Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte darf dann nämlich die Kosten für alle Zweitmeinungen s e l b s t übernehmen. Das ist bei gedeckelter Gesamtvergütung für die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung so ausgemacht!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Kaprun/A) zum Beitrag »
[03.12.2014, 09:54:46]
Dr. Richard Barabasch 
Ein SCHELM, wer böses dabei denkt . . .
. . . wenn es nicht "Aslepios" wäre und so uncharmant "dezent" drauf hinweist, dass es vor allem Klinikärzte wären, die von den Patieten als "Zweitmeiner" nachgefragt würden. Da wird ein bekanntes Klisché bedient -uneigennützig ? Zweitmeinungen sind ein PR-Tool der krankenKassen und keine WAHRHAFTIGES Bedürfnis von einer nennenswerten Mehrzahl der Krankenkassenpflichtversicherten. Geschürt wir die Zweitmeinungsdiskussion auch keineswegs von Patienten, sondern von an Zwitmeinungs-interssierter Seite . . . ., solchen, die dies "gerne" täten, des Verdienstes (Abschöpfen innerhalb des Budget's) wegen, oder der eigenen Image-Politur,
meint (aus vieljähriger Erfahrung!),

R.B. zum Beitrag »
[03.12.2014, 07:25:13]
Dr. Christoph Baumbach 
Bisher gibt es kein Recht auf Zweitmeinung...
Das ist im Leistungskatalog des GKV bisher nicht vorgesehen, insofern stimmt diese Schlagzeile nicht! Bisher sind es auch von den Krankenkassen subventionierte Angebote, die für eine einzelne Meinung bis zu 300 Euro zahlen mit einem Expresszuschlag bis zu 70 Euro, wenn die die Antwort innerhalb von 5 Tagen kommt. Jetzt zu behaupten ,jeder Patient hätte das Techt auf eine Zweitmeinung für jede Diagnose ist schlicht falsch! Geplant ist mit dem neuen Gesetz, nur bei bestimmten OP-Indikationen eine Zweitmeinung zuzulassen und zu honorieren. ( der GBA wird bestimmen sollenfür welche OP-Indikationen das gilt) Bis jetzt ist eine Zweitmeinung eine Marketungmassnahme der Kliniken und der Krankenkasse, im niedergelassenen Bereich, ist sie eine IGEL-Leistung!, d.h. Eine Leistung, die nicht im EBM enthalten ist und von der Rechtsprechung des SGB V als solche klassifiziert ist. Mit dieser wiederholten Aussage, der Patient hätte das Recht auf eine Zweitmeinung für jede Diagnose, wird , wird der Sachverhalt nicht anders. Das passt aber zu den Endlosversprechen, dass alles im Gesundheitswesen umsonst ist. zum Beitrag »

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