Ärzte Zeitung, 22.04.2015

Sprachprobleme in der Praxis

Kommt ein Patient mit Dolmetscher zum Arzt

Viele Ärzte kennen das: Ausländische Patienten mit schlechten Deutschkenntnissen bringen einen Angehörigen mit in die Praxis, der für sie übersetzt. Für Patienten birgt das Chancen, aber auch Gefahren. Und Ärzte sollten einiges beachten.

Von Kerstin Mitternacht

Kommt ein Patient mit Dolmetscher zum Arzt

Nicht nur sprachliche Hürden können Kommunikationsprobleme zwischen ausländischen Patienten und Ärzten bewirken. Auch kulturgebundene Vorstellungen führen oft dazu, dass Patienten ihr Gesundheitsproblem nur zaghaft äußern.

© Klaus Rose

FRANKFURT/MAIN. Wenn ausländische Patienten zum Arzt müssen und ihre Deutschkenntnisse nicht für ein Gespräch ausreichen, nehmen sie oft Tochter, Bruder oder ein anderes Familienmitglied mit, die dann für sie dolmetschen sollen.

Manchmal werden auch Praxismitarbeiterinnen oder ein anderer Arzt hinzugezogen, die der fremden Sprache mächtig sind.

Bei laienhaftem Dolmetschen kann es jedoch passieren, dass die Aussagen des Arztes ungenau, unvollständig oder gar gänzlich verzerrt wiedergegeben werden.

Zum Beispiel wenn der Sohn aus Rücksicht auf seine Mutter ihr nicht klar mitteilt, wie es um sie steht, oder wenn das Fachwissen fehlt. Das kann fatale Folgen haben, etwa wenn es um die Entscheidung für oder gegen eine Operation geht.

Deshalb sieht Diplom-Übersetzerin und Dolmetscherin Yasmine Khaled, die auch in der Ausbildung von Dolmetschern tätig ist, dies kritisch: "Es reicht nicht, einfach nur die Sprache zu sprechen. Denn gerade im medizinischen Bereich zählt jedes Wort, jede Nuance. Laien-Dolmetscher selektieren aber oft, sei es bewusst oder unbewusst, und es fällt ihnen schwer, sich von dem Gesagten zu distanzieren. Deshalb plädiere ich dafür, dass nur ausgebildete Dolmetscher im Gesundheitsbereich hinzugezogen werden."

Ärzten fehlt oft das Budget

Kommt ein Patient mit Dolmetscher zum Arzt

Yasmine Khaled, Diplom-Übersetzerin und Dolmetscherin.

© Y. Khaled

Khaled arbeitet seit etwa sechs Jahren als Konferenzdolmetscherin für Arabisch und ist seit 2011 als Dolmetschdozentin sowohl im universitären Bereich als auch außerhalb tätig.

Sie arbeitet zudem ehrenamtlich mit Flüchtlingen und begleitet insbesondere minderjährige Migranten zu Arztterminen. Daher kennt sie die Situation beim Arzt sehr gut.

"Es gibt kaum Dolmetscher, die sich nur auf den Gesundheitsbereich spezialisieren, da dort die Bezahlung oft problematisch ist. Es gibt keine gesetzliche Grundlage für die Bezahlung, und Ärzte haben meist keine freien Budgets, um einen Dolmetscher abzurechnen. Deshalb wird auch so oft auf Laien zurückgegriffen", weiß Khaled.

"Häufig herrscht die Vorstellung, dass Dritte bei einem Arztgespräch mehr schaden als nutzen, da viele Ärzte denken, der Patient sei eingeschüchtert oder seine Privatsphäre werde verletzt und es würde ihm so schwerer fallen sich im übertragenen Sinne zu entblößen", berichtet Khaled aus eigener Erfahrung.

Oft werde auch die Übertragbarkeit oder sprachliche Übersetzbarkeit medizinischer Inhalte angezweifelt. "Aber Migranten sind ganz im Gegenteil meistens dankbar und fühlen sich nicht beeinträchtigt, sondern wissen die Leistung des Dolmetschers zu schätzen."

Die ‚positive‘ Erwartungshaltung dem Dolmetscher gegenüber schlage dann nicht selten sogar um in ein anderes Extrem - insoweit, als dass Migranten vom Dolmetscher Fürsprache und Engagement in eigener Sache erwarten.

Schweigepflicht kein Problem

Ärzte wiederum empfinden es eher als Störung, wenn ein Dolmetscher anwesend ist. Sie betrachten die dritte Person oft skeptisch und sehen die vertraute Zweisamkeit gestört.

"Dies kann auch damit zusammenhängen, dass Ärzte bereits schlechte Erfahrungen mit Laien gemacht haben", so Khaled. "Professionelle Dolmetscher haben eine Berufsethik und halten sich zum Beispiel an die Schweigepflicht und sehen sich als unparteiische Mittler, die beide Sprachen und Kulturen kennen."

Neben der sprachlichen geht es beim Dolmetschen auch um die kulturelle Verständigung, denn es herrschen kulturgebundene Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit, die oft sehr unterschiedlich sein können.

Khaled: "Gerade wenn Patienten aus eher einfachen Verhältnissen kommen, haben sie manchmal die Vorstellung, dass man erst dann ernsthaft krank ist, wenn man sich nicht mehr bewegen kann oder erst, wenn man blutet. Muss man zum Psychologen, heißt es gleich, man sei verrückt".

In der arabischen Kultur antworte man zum Beispiel auf die Frage "Wie geht es dir?" Immer mit "sehr gut. Danke!" Danach muss man weiterbohren, damit man den wahren Gesundheitszustand erfährt, berichtet die Dolmetscherin.

Zudem ist die arabische Sprache sehr bildhaft, der Dolmetscher muss diese Bilder und vor allem die dahinterstehenden Inhalte ins Deutsche übertragen können.

"Für Ärzte kann die Information über solche kulturellen Besonderheiten bei der Diagnose sehr hilfreich sein", sagt Khaled. "Sie lassen sich in einem Nachgespräch klären, wenn dazu Zeit ist."

Und die sei im laufenden Praxisbetrieb tatsächlich nicht immer gegeben. Im psychologischen Bereich sei ein Vor- und Nachgespräch allerdings fast immer notwendig.

Zeitdruck aus dem Gespräch nehmen

Dass in der Praxis oft Zeitdruck herrscht, merken viele Dolmetscher auch daran, dass Ärzte oft viel zu schnell sprechen, obwohl man gerade für ein Gespräch mit einem Dolmetscher mehr Zeit einplanen muss.

Der Arzt sollte daher zusammen mit dem Dolmetscher am Anfang die Rahmenbedingungen abklären, etwa wann Sprechpausen fürs Dolmetschen eingebaut werden können, ob in der ersten oder in der dritten Person gedolmetscht wird oder, dass der Arzt Augenkontakt zum Patienten halten soll, auch wenn er zum Dolmetscher spricht.

Nicht selten trifft Khaled in den Praxen auch auf Vorurteile gegenüber Migranten.

"Das Praxisteam sollte ausländischen Patienten aber genauso offen begegnen wie deutschen Patienten. Denn wie die deutschen Ptienten kommen auch die Migranten aus unterschiedlichen sozialen Milieus und besitzen zum Teil eine sehr hohe Bildung.", so Khaled.

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Arzt und Patient (1032)
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Klaus Rose (383)
[22.04.2015, 12:51:48]
Reinhard Pohl 
Ärztin / Arzt muss entscheiden!
Wichtig ist, das Dolmetschen in das SGB V als Kassenleitung aufzunehmen. Der Arzt, die Ärztin muss entscheiden, wann eine Verständigung auf professioneller Basis geboten ist. Im Gegensatz zu vielen Befürchtungen spart es viele Kosten (lange Liegezeiten, Ärzte-Hopping, mangelhafte Compliance) und ist weitaus billiger nicht nur als jede Fehlbehandlung, sondern vor allem billiger als jede Verzögerung, die durch mangelhafte Verständigung entsteht.

Sobald die Bezahlung geregelt ist, gibt es auch innerhalb weniger Monate ein bundesweites Netz fortgebildeter Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Die sind nicht blöd: Sobald das SGB-V entsprechend geändert ist, werden die angebotenen Fortbildungen genutzt. zum Beitrag »
[22.04.2015, 09:16:36]
Dr. Rüdiger Storm 
Die Sozialindustrie brummt
"Deshalb plädiere ich dafür, dass nur ausgebildete Dolmetscher im Gesundheitsbereich hinzugezogen werden."

Wie weit muss man da von der Realität entfernt sein?
Eine Sozialindustrie die völlig uneigennützig immer neuen Bedarf an Helfern und Unterstützung sieht oder für wünschenswert erachtet.

Natürlich für eine ordentliche Vergütung, denn Geld gibt es ja in Hülle und Fülle und muss nur abgerufen werden. zum Beitrag »
[22.04.2015, 08:25:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Lost in Translation" (Regie Sofia Coppola mit Bill Murray und Scarlett Johansson)?
Alternativtitel: "Lost in Translation – Zwischen den Welten". Man mag darüber denken wie man will: Es gibt definitiv keinerlei vertragsärztliches Budget für Übersetzerinnen und Übersetzer im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Nicht einmal ein durch Übersetzungen erhöhter Zeitbedarf für z. T. aufwändige und langwierige Untersuchungen, Beratungen, Diagnose- und Therapieverfahren bzw. Palliativmedizin wird seitens der KVen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im aktuellen Hausarzt-EBM und im Facharzt-EBM abgebildet.

Es ist wieder einmal ein wohl bekanntes Problem, das die KBV in der Realität der multikulturellen Krankenversorgung, Sicherstellung und Versorgungsforschung in Deutschland schlichtweg verschlafen hat. "Honi soit qui mal y pense" - ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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