Ärzte Zeitung, 02.03.2016

Patientengespräch

Empathie will gelernt sein

"Wie sag‘ ich‘s meinem Kind?" - Die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten kann maßgeblich zum Therapieerfolg beitragen. Ärzte sollen diese Fähigkeiten in Zukunft systematisch in der Aus- und Weiterbildung nahegebracht werden.

Von Hauke Gerlof

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Auch Gesprächskompetenz ist ein Erfolgsfaktor der Therapie: Eine Medizinstudentin trainiert das Gespräch mit einem Patienten.

© Uniklinikum

HEIDELBERG. "Der alte Arzt spricht Lateinisch, der junge Arzt spricht Englisch. Der gute Arzt spricht die Sprache des Patienten." Nur Ärzte, die ihr Kommunikationsverhalten den Fähigkeiten und Bedürfnissen ihres Patienten anpassen, können über das Gespräch an ihn herankommen und so den Therapieerfolg verstärken.

Diese Erkenntnis im Zitat, so formuliert von der früheren Familien- und Gesundheitsministerin Professor Ursula Lehr, ist nicht ganz neu. Aber sie markiert immer noch die Grundposition in einem "historischen Konflikt zwischen Ärzten, die einfach schnell handeln wollen, und Ärzten, die erst einmal zuhören wollen". So drückte es Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, beim Abschluss-Symposium "Nationales longitudinales Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin" in Heidelberg aus.

Weniger Haftpflichtfälle

Während seiner Weiterbildung habe die ärztliche Kommunikation noch keine Rolle in der Weiterbildung gespielt, erinnerte Clever. Ihre Bedeutung sei erst Ende der 1980-er Jahre nach und nach erkannt und in den Weiterbildungsordnungen umgesetzt worden.

Heute wisse man, dass durch Empathie, durch eine verständliche Sprache und durch eine respektvolle Wahrnehmung des Patienten - auch mit seinen neuen Bedürfnissen aufgrund eines größeren Vorwissens über die Lektüre im Internet - dessen Therapie-Akzeptanz gestärkt werden könne. Das trage letztlich zum Therapieerfolg bei, etwa durch bessere Adhärenz. "Ärzte, die das gut können, haben tatsächlich auch weniger Haftpflichtfälle", merkte Clever an.

Diese Erkenntnisse, die auf dem Symposium in Heidelberg, im Beisein auch von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, ausführlich diskutiert wurden, sind in die am Dienstag im Internet veröffentlichte "Heidelberger Erklärung" eingeflossen.

 Unterzeichner der Erklärung sind die medizinischen Fakultäten und Fachgesellschaften, die darin ihren Willen erklären, sich über die Weiterentwicklung von Aus-, Weiter- und Fortbildung "für eine Verbesserung der Ausbildung kommunikativer Kompetenzen bei angehenden Ärztinnen und Ärzten einzusetzen". Das soll "in Zusammenarbeit mit den Berufsgruppen der Pflege und den anderen Gesundheitsberufen erfolgen".

Unter anderem befürworten die Unterzeichnenden "die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung kompetenzorientierter Lernzielkataloge für die ärztliche Aus-, Weiter- und Fortbildung", etwa über die Implementierung themenspezifischer Mustercurricula.

Keine Gänseblümchen-Medizin

Dafür sollen auch praktische Lehreinheiten vermehrt entwickelt und ausgebaut werden. Entscheidend sei, so LÄK-Präsident Clever im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", dass Lerninhalte strukturiert festgelegt werden, damit klar ist, "welche Konzepte der Kommunikation der Arzt dann nach Abschluss der Weiterbildung kennt und anwenden kann".

Denn eine einfühlsame und verständliche Kommunikation sei eben "keine Gänseblümchen-Medizin, wie es vielleicht manche Ärzte, die sich eher als Macher sehen, immer noch denken".

Die Heidelberger Erklärung fordert demzufolge auch die Entwicklung und Einführung von "einheitlichen Empfehlungen zur Prüfung kommunikativer Kompetenzen für die fakultären Prüfungen und Staatsexamina".

Wie eine gute Kommunikation aussehen kann, haben bei der Ausarbeitung des Mustercurriculums im Projekt des Nationalen Krebsplans in Heidelberg Medizinstudenten anhand von Rollenspielen in Best-Practice-Beispielen vor der Videokamera trainiert.

Themen wie rezidivierendes Mamma-Ca, Visite bei einem Patienten, dessen Entlassung aus der Klinik sich verzögert, oder eine mehrfach unterbrochene Kommunikation bei Aufnahme des Patienten mit COPD in einer Stresssituation geben nicht nur angehenden Ärzten schwer zu knackende Aufgaben. Empathie will gelernt sein - aber im Behandlungsprozess zahle sich die Mühe in Form größerer Arbeitszufriedenheit am Ende vielfach aus, so das Resümee Clevers.

[02.03.2016, 23:23:16]
Sabine Jacob 
Das bilden Sie sich nur ein....
....nein, da ist nichts und Schmerzen können Sie nicht mehr haben!
Solche Aussagen habe ich selbst schon erhalten und damit ist nicht nur im Medizinstudium ein Empathie-Training dringend notwendig, sondern für alle Ärzte die praktizieren.

Schmerzen sind keine Einbildung und sollten wichtig genommen werden. Die Schmerzmedizin, Empathie und Respekt gegenüber dem Patienten scheint viel zu wenig gelebt zu werden. zum Beitrag »
[02.03.2016, 14:44:33]
Rudolf Hege 
Dringend notwendig...
Wenn auch nur die Hälfte der Erlebnisse stimmen, die mir meine Patienten berichten, dann ist so etwas wie "Empathie-Training" im Medizinstudium dringend notwendig. Offensichtlich haben viele Mediziner noch nie etwas von selbst erfüllenden Prophezeiungen und den "Nocebo-Effekt" gehört. Sonst dürften Sätze wie: "Den Krebs haben Sie in ein oder zwei Jahren sowieso wieder..." gar nicht erst fallen.

Und jeder Statistiker weiß, dass eine statistische Aussage niemals eine sichere Aussage über ein individuelles Ergebnis erlaubt. Anders gesagt, jede individuelle Prognose ist eine Lüge, außer es gäbe eine 100% Sicherheit für die Aussage.
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