Ärzte Zeitung, 25.04.2016

Gewalt gegen Frauen

So helfen Ärzte ihren Patientinnen

Oft sind Ärzte erste Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt. Evidenzbasierte Leitlinien, Fortbildung und Vernetzung unterstützen sie dabei, Hilfe zu leisten.

Von Christina Bauer

So helfen Ärzte ihren Patientinnen

Verprügelt vom Partner. Hilfsorganisationen wollen die ärztliche Mitteilungspflicht gegenüber Kassen abschaffen, um Frauen zu schützen.

© Dörr / fotolia.com

MÜNCHEN. Gewalt durch den Partner zählt für Frauen zu den größten Gesundheitsrisiken. Studien zeigen, dass viele Betroffene Ärzte als mögliche Helfer sehen.

Das versuchen Hilfsorganisationen für Intervention und Prävention zu nutzen. In den letzten Jahren gab es einige Weiterentwicklungen. Die Berliner Institution S.I.G.N.A.L. wirkte daran aktiv mit. Der Verein entstand um die Jahrtausendwende aus einer Initiative von Mitarbeiterinnen der Frauenhilfe.

Gesundheits- und Politikwissenschaftlerin Karin Wieners ist von Beginn an als Referentin dabei, erlebte 2002 die Vereinsgründung, 2010 die Einrichtung der vom Berliner Senat finanzierten, landesweiten Koordinationsstelle.

Sie war an vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderten, bundesweiten Modellprojekten wie S.I.G.N.A.L. und MIGG beteiligt, um in Kliniken und Arztpraxen eine adäquate Gesundheitsversorgung von Frauen nach häuslicher und sexueller Gewalt zu etablieren.

Als wichtigen Erfolgsfaktor sieht sie die interdisziplinäre Vernetzung. "Wesentlich für alle Praxen und Kliniken ist ein funktionierendes Netzwerk, eine gute Kooperation mit Beratungsstellen, Frauenhäusern, der Polizei und anderen".

WHO gibt Ärzten Orientierung

Mindeststandards sollen bundesweit umgesetzt werden. Dieser Anforderung entsprechen vor allem die 2013 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgestellten, evidenzbasierten Leitlinien zum Umgang der Gesundheitsversorgung mit häuslicher und sexueller Gewalt.

 Daraus entstand 2014 zudem ein klinisches Handbuch. S.I.G.N.A.L. erstellte mit Finanzmitteln des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) eine 128 Seiten umfassende deutsche Version, die seit August 2015 kostenlos als Buch oder Onlinedokument verfügbar ist.

Der Deutsche Ärztetag forderte im Frühjahr 2015 Bundes- und Landesärztekammern auf, die WHO-Leitlinien in die Praxis und die medizinische Aus-, Fort- und Weiterbildung zu integrieren.

Derzeit sind verfügbares Material, Implementierung und Vernetzung in den Ländern sehr unterschiedlich: In Berlin enthält der Krankenhausplan 2016 erstmals die Vorgabe für Krankenhäuser der Notfallversorgung, ein Versorgungskonzept für gewaltbetroffene Frauen und Kinder anzuwenden.

In Rheinland-Pfalz bildeten im Auftrag des Frauenministeriums Fachkräfte der Frauennothilfe und Rechtsmedizin in Kooperation mit der dortigen KV bis Ende 2015 insgesamt 34 Leiter für ärztliche Qualitätszirkel fort.

Mediziner brauchen Handlungssicherheit im Alltag. "Ärzte müssen wissen, wie sie nach möglichen Gewalterfahrungen fragen können und sich darin sicher fühlen", so Wieners.

"Sie müssen wissen, was sie tun können, wenn die Patientin betroffen ist." Denn Betroffene sprechen Gewalt fast nie von sich aus an, etwa aus Angst, Scham, bis hin zur Traumatisierung. Anhaltspunkte für mögliche häusliche Gewalt sind, unter anderem, unplausibel erklärte Verletzungen oder auffallende Verzögerungen zwischen Verletzung und Behandlung.

Das gilt auch für psychosomatische Schmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Suchtmittelkonsum, Depressionen bis hin zu Traumafolgestörungen, die oft als langfristige Gesundheitsfolgen chronischer Gewalt auftreten.

Ärzte sollten das Thema behutsam ansprechen und ihre Hilfe anbieten. Eine geeignete, zurückhaltende Frageform kann etwa lauten: "Viele Frauen haben Probleme mit ihren Männern.

Es kann helfen, darüber zu reden." Studien belegen, dass viele Betroffene froh sind, gefragt zu werden. Ihnen fehlt oft der Mut, sich von sich aus mitzuteilen. Andererseits ist Ausweichen oder Abblocken nicht ungewöhnlich.

Ärzte brauchen Geduld und Feingefühl, sollten gegebenenfalls weitergehende Gesprächsbereitschaft signalisieren. "Manchmal braucht es Zeit, bestimmte Dinge anzusprechen. Sie können sich jederzeit melden, wenn Sie Hilfe brauchen, und wir finden eine Lösung."

Drängen führt zur Abwehrreaktion

Kontraproduktiv wäre, auf eine Trennung oder sonstige Maßnahme zu drängen. Das könnte statt dessen zu mehr Abwehr führen. Selbst schwer Misshandelte erkennen oft nicht, dass ihnen Unrecht geschieht, die Trennung kann langwierig sein.

Bei akuter Gefahr ist die Unterbringung in einem Frauenhaus angeraten, sofern die Frau sich überzeugen lässt. Ihr sollte eine neue Zukunftsperspektive, außerhalb ihrer aktuellen, misslichen Lage, aufgezeigt werden.

Die 2013 von der WHO vorgestellten Leitlinien zum Umgang der Gesundheitsversorgung mit häuslicher und sexueller Gewalt und das darauf basierende Handbuch erläutern weitere Schritte, wie Ärzte bei der Betreuung gewaltbetroffener Frauen vorgehen sollten.

Ärzte benötigen Zeit und Gesprächskompetenz, um behutsam mit dem Thema umzugehen. Die sollten sie, so Wieners, ohne finanzielle Nachteile einbringen können. "Angebote der sprechenden Medizin sollten angemessen honoriert werden." Eine Freistellung für Vernetzungstreffen sei ebenfalls angebracht. Derzeit verbleibe immer noch zu viel Verantwortung bei wenigen Engagierten.

Schon 2004 zeigte eine Erstauswertung des des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung, dass insgesamt jede vierte Frau mindestens einmal im Leben häusliche Gewalt erlebt. Wegen der oft anhaltenden, bedrohlichen Wohnsituation votieren Hilfsorganisationen derzeit dafür, die ärztliche Mitteilungspflicht gegenüber Krankenkassen bei Gewalt durch Dritte abzuschaffen, wie es 2013 für Kinder bereits umgesetzt wurde. Verfrühte Nachfragen beim Täter können die Frau sonst in Gefahr bringen.

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