Ärzte Zeitung, 13.10.2016

Spezialisierte Geriatrie

Auch in Niedersachsen kein Land in Sicht

In Niedersachsen gibt es ganze drei niedergelassene Ärzte, die die erforderliche Weiterbildung Geriatrie absolviert haben. Den neuen EBM-Leistungen zur Altersmedizin sind damit enge Grenzen gesetzt.

Von Christian Beneker

Auch in Niedersachsen kein Land in Sicht

Wie fit ist sie noch? Bei Patienten ab 70 kann zur Beantwortung dieser Frage jetzt eine spezialisierte geriatrische Diagnostik erbracht werden - theoretisch.

© Robert Kneschke / fotolia.com

WESTERSTEDE. Mehrere speziell fortgebildete niedergelassene Ärzte des Ärztenetzes "PleXxon" im niedersächsischen Oldenburg will ein Projekt zur ambulanten Versorgung alter Patienten auf die Beine stellen.

Gerne würden sie die Leistungen über die neuen Ziffern (EBM-Abschnitt 30.13) für die weiterführende Geriatrie abrechnen. Problem: Sie dürfen nicht. Denn die für die Abrechnung geforderte Weiterbildung der Niedergelassenen würde sie für die Dauer eines Jahres an eine Klinik binden.

"Mindestens", meint der Westersteder Hausarzt und Mitinitiator des Projektes, Dr. Matthias Kreft. "Das können wir Niedergelassenen natürlich nicht leisten."

"Wir hatten auf eine Sondergenehmigung der KV Niedersachsen gehofft, aber das war der KV nicht möglich", erklärt Hausarzt Paul Kathmann, ärztlicher Leiter bei PleXxon. "Dabei haben wir große Erfahrung, um einen Geriatrie-Stützpunkt auf die Beine zu stellen", ergänzt Kreft.

Tatsächlich arbeiten die Netzärzte im Nordwesten schon lange in einem Palliativprojekt zusammen, dem Palliativstützpunkt Ammerland & Uplengen. Er könnte als Blaupause dienen für einen Geriatrie-Stützpunkt.

22 kooperierende Palliativmediziner

Im Palliativstützpunkt kooperieren acht Palliativärzte mit Rufbereitschaft und 22 kooperierenden Palliativmediziner, vor allem Hausärzte, sowie die Ammerland-Klinik, ein Hospiz und eine Psychologin.

Gerne würde man in Westerstede auf solche Strukturen zurückgreifen, um auch anspruchsvolle geriatrische Patienten versorgen zu können. Das Projekt wäre einmalig.

"Der Hausarzt würde die alten Patienten einschreiben, eine Koordinatorin würde das erweiterte Assessment machen und feststellen, welche Hilfen der kooperierenden Partner nötig sind und wie lange sie gebraucht werden", so Kathmann.

Derzeit haben zwölf Netzärzte eine 80-stündige Fortbildung absolviert, darunter HNO-Ärzte, Nephrologen, Urologen und einige Hausärzte, die meisten von ihnen bereits mit palliativer Zusatzausbildung. Gute Voraussetzungen also, doch offiziell nicht gut genug.

Dünne Infrastruktur

Die Weiterbildungshürde führt dazu, dass man nach Angaben der KV Niedersachsen derzeit im ganzen Land gerade mal drei Ärzte findet, die die geforderte Fortbildung vorweisen können. Eine ähnlich dünne Infrastruktur wurde kürzlich etwa auch aus Berlin gemeldet.

"In Niedersachsen gibt es also kaum Geriater, die die zusätzlichen Leistungen abrechnen können, und entsprechend wenige Überweiser", sagt Dr. Jörg Berling, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Niedersachsen. "Wir können daran regional nichts machen, weil wir an der Bestimmung zur Fortbildung nicht vorbei kommen."

Trotzdem stricken die Netzärzte weiter an ihrer Idee. "Auch beim Start des Palliativprojektes war vieles unklar – wir haben trotzdem begonnen", sagt PleXxon-Geschäftsführer Andreas Rühle.

"So haben wir jetzt auch für das Geriatrieprojekt eine Koordinatorin eingestellt." Inzwischen greifen die Initiatoren auf einen alten Plan zurück: das Projekt als besondere Versorgungsform über den Paragrafen 140a SGB V zu finanzieren. Man sei bereits mit der ersten Kasse im Gespräch, heißt es.

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