Ärzte Zeitung, 07.10.2016

Alarm in Enzklösterle

Hausarzt verzweifelt gesucht

Im Nordschwarzwald ist eine kleine Gemeinde seit Wochen ohne Arzt. Findet sich kein Nachfolger, drohen weitere Dienstleister wie Apotheke und Krankengymnastik wegzubrechen. Eine Momentaufnahme.

Von Michael Sudahl

Hausarzt verzweifelt gesucht

Auf der Suche nach einem neuen Chef: das Praxisteam in Enzklösterle mit (v.l.) Isabel Lehmann, Beate Kilian, Natasa Leci-Bosnjak und Irmgard Pister.

© Michael Sudahl

ENZKLÖSTERLE. Die Hausarztpraxis in Enzklösterle ist verwaist. Dr. Peter Hildebrand (61) ist vor kurzem überraschend verstorben. Seither ist die Praxis im 1200 Seelen-Ort ohne Chef. Dagmar Ehrlinspiel hat bis Ende März kommenden Jahres übernommen. "Eine Zwischenlösung", wie die Ärztin für Allgemeinmedizin mit Zusatzqualifikation Homöopathie betont. Die 65-Jährige lebt erst seit kurzem im Nordschwarzwald.

Solange das sogenannte Witwenquartal läuft, genießen die vier MFA in der Praxis "Bestandsschutz", und die 60 bis 100 Patienten täglich in der Praxis profitieren weiter von der ärztlichen Versorgung. "Doch die Kündigungen der Erben liegen vor", wie Beate Kilian erklärt.

Die MFA mit Zusatzausbildung VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) ist eine von vier Kolleginnen, die nun nach einem Nachfolger für die Praxis mit ihren 800 bis 1000 Kassenpatienten und 200 Privatpatienten im Quartal fahnden. Dabei zeigen die vier Damen viel persönliches Engagement. In den Kliniken im Umkreis hängen sie rote Plakate aus. "Nachfolger gesucht!" steht dort, darunter beschreiben sie detailliert die Vorzüge von Praxis und Kurort. Zudem sprechen sie bei niedergelassenen Hausärzten im zwölf Kilometer entfernt Bad Wildbad vor. Eine dortige Gemeinschaftspraxis erwägt nun, einen Arzt anzustellen und nach Enzklösterle zu entsenden – was sich als nicht ganz einfach erweist.

Bürgermeisterin mit im Einsatz

Beim Vorortbesuch im Schwarzwaldtal erwartet den Reporter das komplette Team. Sogar die Bürgermeisterin hat sich angekündigt und trifft genau um 11 Uhr im Kirchweg 41 ein. "Wissen Sie, mit mehr als 75.000 Übernachtungen jährlich ist Enzklösterle ein gefragter Tourismusort", wirbt die ehrenamtlich tätige Petra Nych für den Kurort. Alles sei vorhanden: Sport- und Musikvereine, Kindergarten und Grundschule, Metzger, Frisör, Poststelle – eben alles, was man zum Leben braucht, gebe es in Enzklösterle.

Auch eine Apotheke sei am Ort, ebenso gebe es zwei Physiotherapeuten – deren Existenz hänge auch davon ab, ob es mit der Sportpraxis weitergeht. Doch wehe, wenn sich kein Nachfolger findet. Wie beim Domino kippe dann womöglich ein Stein nach dem anderen, befürchtet die örtliche Bürgermeisterin.

Die Situation ist durchaus dramatisch im ruhigen, von haushohen Tannen und Fichten umringten Ort. So wie in etlichen Gemeinden in Deutschland mit weniger als 5000 Einwohnern. Der Landarztmangel ist groß, außer auf Sylt oder in Tegernsee, wie die Kassenärztlichen Vereinigungen berichten. VIP-Orte haben keine Arztsorgen, Enzklösterle hingegen schon. Als ein wichtiger Grund für den Mangel an Nachwuchsärzten besonders auf dem Land werden immer wieder die Probleme mit der Work-Life-Balance genannt.

Nachtarbeit und Endlossprechstunden geistern als Negativszenarien in den Köpfen vieler junger Ärzte umher. Kopfschütteln ernten solche Bilder bei den MFA in Enzklösterle. Der zentrale Notdienst in Bad Wildbad sorge ab abends 19 bis morgens 8 Uhr für ruhige Arztnächte. "Gleiches gilt für das Wochenende", erklärt Beate Kilian. Arbeiten an Samstagen und Sonntagen sei kein Thema mehr.

Bereitschaftsdienste kein Thema

Der frühere Hausarzt war an den Wochenenden gerne Klettern oder Skifahren. Bereitschaftsdienst kannte er schon lange nicht mehr. Beim Blick in die barrierefreie, 200 Quadratmeter große Praxis glaubt man das gerne. Den Flur zieren Fotos, die den verstorbenen Mediziner mit Seilen, Helm und Haken gesichert in einer Felsspalte hängend zeigen.

Die drei Sprech- und das Verbandszimmer wirkt picobello – wenn auch mit dem Charme der Jahrtausendwende. Gleiches gilt für die Ausstattung. Sonografie-Gerät, Fahrrad-Ergometer, Reizstrom sowie Langzeit-Blutdruckmessgerät sind vorhanden. Die Rechner rechnen mit der neuesten Version von MediStar. Der Server wurde voriges Jahr erneuert.

Seit mehr als 60 Jahren besteht die Praxis. Behandelt wurde in dieser Zeit allerlei. Eine Gynäkologen-Liege nebst Beinhaltern sowie eine Chiropraktiker-Liege stehen noch im Lager. An Muttermalentfernungen kann sich Natasa Leci-Bosnjak noch gut erinnern. Die MFA ist wie ihre Mitstreiterinnen seit vielen Jahren in der Praxis tätig.

1200 Euro Kaltmiete im Monat

Auch der Vermieter sei umgänglich. Das gelb gestrichene Einfamilienhaus im Schwarzwaldstil beherbergt die Praxis im Souterrain. 1200 Euro monatliche Kaltmiete verlangt er, der gleich über den Praxisräumen wohnt und natürlich die weiß gestrichenen Räume gerne an einen Nachfolger oder zwei vermieten möchte. Käme ein Ärzteteam, würde an alte Zeiten angeknüpft. Denn nicht immer war Dr. Peter Hildebrand alleiniger Chef. Sein Vorgänger Dr. Wolfram Schmidt hatte ihn seinerzeit als Partner ins Boot geholt.

Nach Schmidts Ausscheiden arbeiteten immer wieder angestellte Ärzte mit. Die letzten zwölf Jahre allerdings war Hildebrand alleiniger Herr der Hausarztpraxis.

Als Einzelkämpfer lernte ihn Dagmar Ehrlinspiel kennen. "Als ich den Kollegen vor gut einem Jahr zum ersten Mal besuchte, dachte ich nicht im Traum daran, dass ich heute hier als seine Interimsnachfolgerin stehe." Die Ärztin war erst vor kurzem aus Bad Nauheim nach Baden-Württemberg gezogen. Sie hat in Hessen ihre Hausarztpraxis aufgegeben, um sich in Enzklösterle dem Heidelbeer-Haus anzuschließen, einer Lebensgemeinschaft, die Bio-Produkte herstellt und vermarktet.

"Ich bin natürlich bereit, einen Nachfolger einzuarbeiten", sagt Ehrlinspiel, die nach eigenen Worten froh ist, nicht mehr in einem so großen Betrieb arbeiten zu müssen, und sich künftig auf ihre Naturheilpraxis konzentrieren möchte.

"Des Wiesle isch g'mäht", wie die Schwarzwaldbauern sagen, wenn nicht allzu viel Aufwand nötig ist, um etwas zu erreichen. In Enzklösterle scheint das für die Übernahme einer gut laufenden Arztpraxis zu gelten.

[07.10.2016, 18:28:25]
Christoph Luyken 
Gemachtes Nest
"Arbeiten, wo andere Urlaub machen" - hier trifft das zu.
Ein schönes Umfeld, Sommer- wie Wintersportgelegenheiten, geregelte Vertretung (angeblich und hoffentlich), Laufkundschaft durch Urlauber (angenehme Verdünner), Apotheke und Physiotherapie am Ort -Das ist eine Super-Gelegenheit, sich ärztlich als "Platzhirsch" zu verwirklichen, und das in einer gut eingerichteten, etablierten Praxis mit eingearbeitetem Personal und Potential für einen ärztlichen Praxispartner.
Da müßte sich doch jemand finden! zum Beitrag »
[07.10.2016, 14:17:13]
Thomas Georg Schätzler 
Zum Nachrechnen...

Baden-Württemberg hatte im Jahr 2015 bei einer wie im Artikel beschriebenen 5-Tage-Woche 252 Arbeitstage. Für 3 Wochen Praxisurlaub zieht man 15 Tage ab.

An 237 Arbeitstagen tauchen "60 bis 100 Patienten täglich in der Praxis" zur "ärztlichen Versorgung" auf. Bei einem Tagesdurchschnitt von 80 Patienten sind das 18.960 Praxisbesuche pro Jahr.

Teilt man diese durch die Zahl der Einwohner "im 1200 Seelen-Ort" Erzklösterle unter der Annahme, dass tatsächlich alle Einwohner diese Praxis regelmäßig aufsuchen, kommt man auf eine Inanspruchnahme von 15,8 Arztpraxis-Kontakten pro Jahr pro Einwohner.

Das ergibt durchschnittlich 4 Praxiskontakte pro Patient pro Quartal. Jede/r hausärztlich tätige Kollege/in kann sich an Hand seines Honorar-Umsatzes pro Patient ausrechnen, ab welchem Regelleistungsvolumen in der Einnahmen-Ausgaben-Überschuss-Rechnung ein Plus auftreten wird.

Dann wird jedem/r klar, warum immer mehr hausärztliche Praxen nicht nur in sozialen Brennpunkten, sondern auch in Stadt u n d Land ohne Nachfolge bleiben.

Zugleich will sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung auch noch für 0,9 Prozent Punktwert-Steigerung und für einen Almosen-Euro beim Medikationsplan feiern lassen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[07.10.2016, 12:37:13]
Henning Fischer 
Vorschlag an die Gemeinde

Verdopplung des Kassenhonorars und Übernahme aller Regreßforderungen.

Dann wird sich schon jemand finden.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »