Ärzte Zeitung, 26.04.2010
Für medizinische Notfälle über den Wolken setzt Lufthansa jetzt auf die Telemedizin
Nicht immer ist ein Arzt an Bord, wenn es auf Flügen zu
medizinischen Notfällen kommt. Die Lufthansa arbeitet derzeit an
einem Projekt, in dem via Telemedizin Vitaldaten auch vom Boden aus
begutachtet werden können.
Von Denis Nößler

Künftig sollen bei Lufthansa-Flügen
Notfallpatienten an Bord mit Hilfe von Ärzten am Boden versorgt
werden können.
© Lufthansa/Michael Lamberty
FRANKFURT / MAIN. Es sah nach einer Pionierleistung
aus, was die Lufthansa vor rund sieben Jahren aus der Taufe hob - als
weltweit erstes Luftfahrtunternehmen stellte sie ein System vor, das
die Behandlung akuter medizinischer Notfälle an Bord von
Flugzeugen revolutionieren sollte. Dann, nur knapp drei Jahre
später, verabschiedete sich ein wichtiger Partner aus dem Projekt,
und die Lufthansa musste ihre Pläne für ihr telemedizinisches
Notfallsystem vorerst auf Eis legen. Nun wagt die Airline mit dem
Kranich einen Neustart ihres Telemedizinsystems TCS.
Allein an Bord der rund 700 Lufthansa-Flugzeuge kommt es pro Jahr zu
rund 1500 medizinischen Notfällen. Für den weltweiten
Flugverkehr schätzen Experten die stark schwankende Zahl der
Fälle grob auf 200 000. Tritt ein Notfall auf, suchen die
Flugbegleiter häufig nach medizinischem Fachpersonal unter den
Passagieren. Nach Angaben der Lufthansa findet sich in
schätzungsweise neun von zehn Fällen eine fachkundige Person.
Wie hoch der Anteil der Ärzte darunter ist, ist allerdings unklar.
Doch auch wenn ein qualifizierter Helfer gefunden ist, die
medizinischen Möglichkeiten an Bord bleiben begrenzt. Schon das
geringe Platzangebot und der relativ niedrige Luftdruck in der Kabine
fordern Helfer und Patient einiges ab. Nach offiziellen Vorgaben, die
in Europa von der Europäischen Luft- und Raumfahrtbehörde
EASA vorgegeben werden, müssen Verkehrsflugzeuge einen
Minimalstandard an medizinischer Ausrüstung mitführen. Dazu
zählen eine kleine Bordapotheke, ein Verbandskasten und
Sauerstoff.
Ausschließlich Ärzten ist das
"Doctor's Kit" vorbehalten, ein Notfallkoffer inklusive Ampullarium.
Viele Fluggesellschaften, so auch die Lufthansa, führen auf einem
Großteil ihrer Flugzeuge außerdem halbautomatische
Defibrillatoren, kurz AED, mit.
Doch was nützt die beste Ausrüstung, wenn im Notfall kein
Arzt an Bord ist? Wie soll dann der Flugkapitän entscheiden, ob
etwa eine Zwischenlandung notwendig ist, um den Patienten klinisch
versorgen zu können? Über Satellitentelefone an Bord kann die
Crew zwar eine spezielle ärztliche Hotline anrufen, doch auch die
"fernmündliche" Betreuung stößt schnell an ihre Grenzen.
Geht es nach der Lufthansa, soll diese Lücke bald geschlossen
werden - mit dem Tele Care System, kurz TCS. Die Idee ist so genial wie
einfach: Der Notfallpatient an Bord eines Flugzeuges soll per
Telemedizin vom Boden aus betreut werden. Dazu werden mit einem
speziellen Gerät sowohl die Vitaldaten als auch eine Video- und
Tonaufnahme des Patienten erfasst.
Diese Daten werden
über eine Satellitenverbindung in Echtzeit an einen Notarzt am
Boden gesendet. Über dieselbe Datenverbindung kann er mit dem
Patienten reden und Behandlungsempfehlungen an einen Helfer oder das
Bordpersonal geben. Auch die Frage, ob eine
außerplanmäßige Zwischenlandung notwendig ist, soll so
qualifizierter entschieden werden können.
Die technischen Möglichkeiten für dieses System wurden vor
zehn Jahren geschaffen. Damals startete Connexion, ein
Tochterunternehmen des Flugzeugbauers Boeing, das
satellitengestützte Breitbandinternet für Flugzeuge,
Lufthansa bot dies unter dem Namen "FlyNet" an. Die hohen
Übertragungsraten ermöglichten schon damals die
Übermittlung von Audio- und Videosignalen.
Lufthansa erkannte das Potenzial und startete 2003 einen
erfolgreichen Pilotversuch für das Telemedizinsystem. Doch von
einer breiten Anwendung war man noch weit entfernt. Es mangelte
schlicht an geeigneten Geräten, die die möglichen Bandbreite
optimal ausnutzen, beklagte damals der oberste Arzt der Lufthansa,
Professor Uwe Stüben. In einem Konsortium, das unter anderem aus
der Berliner Charité und dem Telemedizin-Spezialisten GHC Global
Health Care und der Lufthansa bestand, begann man mit der Entwicklung
des Notfallsystems TCS.
2004 erhielt das Konsortium sogar
eine Innovationsförderung von der Technologiestiftung Berlin. Doch
im Sommer 2006 kam der Rückschlag - die Boeing-Tochter Connexion
stellte ihr Internetangebot ein. Damals hieß es, die Nachfrage
sei zu gering, lediglich zwölf Airlines hätten den Service
angeboten. Für TCS war damit die technische Basis weggebrochen.
Nun kommt wieder Leben in das Projekt: Im Oktober vergangenen Jahres
verkündete die Lufthansa einen Neustart ihres "FlyNet". Mitte 2010
wolle man gemeinsam mit dem neuen Partner Panasonic wieder in das
satellitengestützte Breitbandinternet an Bord einsteigen.
Gleichzeitig soll dann das TCS-Projekt wieder reanimiert werden. Schon
im Sommer, so hört man, könnten dann erste Tests laufen.

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