Mittwoch, 30. Juli 2014
Ärzte Zeitung, 23.12.2012

Telefondoktor

Die etwas andere Art, Arzt zu sein

95 Ärzte, aber keine Patienten vor Ort - so sieht der Arbeitsalltag im Telearzt-Zentrum der ife Gesundheits AG aus. Dennoch sind die Ärzte medizinisch tätig.

Von Dirk Schnack

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Kompetenter Rat über das Telefon: Ärzte der ife Gesundheits AG stehen Patienten bestimmter Kassen für Gesundheitsfragen zur Verfügung.

© Dirk Schnack

PLÖN. Die ife Gesundheits AG ist ein Arbeitgeber, der sich von anderen im Gesundheitswesen abhebt: keiner der 95 hier beschäftigten Ärzte sieht einen Patienten, die Bezahlung ist für jede Fachrichtung einheitlich, und die Arbeitszeit beträgt zwischen acht Stunden und vier Tagen pro Woche - frei wählbar.

Der Gesundheitsdienstleister bietet seinen Anrufern telemedizinische Beratung rund um die Uhr an. Für die Anrufer ist der Rat kostenlos, dafür hat ife Verträge mit verschiedenen Krankenkassen geschlossen, die für den Rat an ihre Versicherten bezahlen.

Rund 300.000 Versicherte der Vertragspartner informieren sich jährlich bei den Ärzten der ife. Sitz und Name des Unternehmens ist den Anrufern nicht bekannt, sie rufen über eine Hotline ihrer Kasse an.

"Die Versicherten wollen in aller Regel eine Bestätigung der Diagnose ihres Arztes, sehen unseren Rat als Ergänzung. Ärger mit Ärzten gibt es nicht - wir raten den Patienten auch nicht zu einem Wechsel", sagt ife-Vorstand Dr. Ekko Schrader.

Auf Gut Nehmten bei Plön hat sich das Geschäft mit der Beratung in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Hauptkunde ist die Techniker Krankenkasse, außerdem gibt es Verträge mit einigen Betriebskrankenkassen. "Die meisten Anrufe gingen bei uns zu EHEC und zur Schweinegrippe ein. Montags ist viel los, freitags wenig", so Schrader.

An normalen Tagen sind selten alle 35 Arbeitsplätze besetzt. Von den Ärzten sind 15 hauptberuflich bei der ife beschäftigt, die anderen gehen einer ärztlichen Tätigkeit in Klinik oder Praxis nach. Michael Koersten ist einer von ihnen.

Der erfahrene Internist hat 30 Jahre Berufserfahrung an Kliniken und kommt heute nach Bedarf zwei bis drei Mal pro Woche nach Gut Nehmten. Dort erwarten ihn ein Schreibtisch, Telefon, PC und ein Headset.

Vor allem Frauen mögen den Job

"Es ist spannend, sich nach so langer praktischer Tätigkeit nun ohne direkten Kontakt mit Patienten zu beschäftigen", sagt Koersten.

Manche Ärzte arbeiten wie er zwischendurch kurz im Stehen - und sehen dabei vielleicht Kollegen, die in ihrer Mittagspause im Park des Gutes walken oder sich am Ufer des benachbarten Stocksees abkühlen.

Das klingt idyllisch, doch am Telefon wird den Ärzten viel abverlangt. Koersten rät deshalb Berufsanfängern von der Telefonberatung ab. "Man ist ja ausschließlich auf das angewiesen, was der Anrufer erzählt. Das ist ideal für Ärzte am Ende ihres Berufslebens."

Eine weitere Herausforderung ist der schnelle Wechsel zwischen Bagatellen und schweren Erkrankungen, mit denen sich Anrufer melden. Auch erfahrene Ärzte wie Koersten nehmen sich deshalb nach besonderen Anrufen eine kurze Auszeit - in einer Klinik undenkbar.

Viele von Koerstens Kollegen sind Frauen. Schrader führt dies neben dem ohnehin steigenden Frauenanteil in der Medizin auf die flexiblen Arbeitszeiten zurück.

Im Gegenzug erfordert das hohen logistischen Aufwand vom Anbieter, der jederzeit auf Fragen zu allen Fachgebieten vorbereitet sein muss. Eine weitere Herausforderung ist der Datenschutz.

Die Kunden legen hohen Wert darauf, dass keine Informationen über ihre Versicherten in falsche Hände geraten.

Zwar sucht ife laufend Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten, einen Ärztemangel aber kann Schrader noch nicht bestätigen. Sollte die Entwicklung wie in den vergangenen Jahren bei zugleich hoher Anruferzahl aber anhalten, ist er überzeugt: "Das wird auch an uns nicht spurlos vorbeigehen."

Damit das nicht so kommt, versuchen die hier beschäftigten Ärzte wie Koersten objektiv über ihre Tätigkeit am Telefon zu informieren.

Viele Kollegen, so die Erfahrung des Internisten, haben zunächst Vorbehalte und können sich nicht vorstellen, dass Ärzte die Tätigkeit empfehlen. Dabei habe die Beratung am Telefon einen entscheidenden Vorteil: Die Ärzte können sich so viel Zeit für den einzelnen Patienten nehmen, wie sie brauchen.

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[27.12.2012, 13:19:07]
Dieter Döring 
Die etwas andere Art, Arzt zu sein
Der Kollege Dr. Florian Baier hat vollkommen Recht. Mich würde mal interessieren was die Kollegen da so verdienen und wo genau das Geld herkommt. zum Beitrag »
[24.12.2012, 16:58:45]
Dr. Florian Baier 
ein hartes Urteil: Trittbrettfahrer
Als Gesundheitsberater und Facharztbefund-Erklärer stehen diese Kollegen in direkter Konkurrenz zum Hausarzt. Allerdings ohne den Kleintierzoo einer Allgemeinarztpraxis am Hals zu haben. Sie werden bezahlt vom Geld der Versicherten, das eigentlich den niedergelassenen Ärzten zusteht.
Aus hausärztlicher Sicht ist diese Expertenberatung auf Kosten der Niedergelassenen nicht akzeptabel !
Die Krankenkassen rufen Patienten aktiv zu Hause an und bewerben diesen telefonischen Expertendienst (Beispiel: AOK). Wir sollten unsere Patienten dahingehend instruieren, daß sie diesen Service klar ablehnen und auf Ihren Hausarzt als Berater verweisen.
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