Ärzte Zeitung, 05.10.2009

Patienten aus dem Ausland schätzen zunehmend die deutschen Krankenhäuser

Patienten aus dem Ausland bieten für Kliniken eine zusätzliche Einnahmequelle. Zwar gelten die DRG, aber es gibt Spielräume zum Beispiel über Zuschläge. Nicht jede Rechnung aus dem Ausland wird jedoch beglichen.

Von Petra Spielberg

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Im Münchner Klinikum Bogenhausen sind Patienten aus dem Ausland gern gesehene Gäste.

Foto: Europe Health GmbH

2007 ließen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gut 71 000 Patienten aus dem Ausland stationär in Deutschland behandeln. Damit ist Deutschland erste Anlaufstelle in Europa für Auslandspatienten aus aller Welt. Zwar liegt der durchschnittliche Anteil an ausländischen Patienten immer noch bei nur 0,4 Prozent. Das Interesse am Medizintourismus steigt aber. Zwischen 2006 und 2007 nahm der Anteil an internationalen Patienten um 11,4 Prozent zu.

Geschätzt wird die deutsche Medizin dabei nicht nur in westeuropäischen Nachbarländern, sondern zunehmend im arabischen und russischen Raum. Mehrere Tausend Patienten aus den Golfstaaten und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion suchen jedes Jahr Akut- und Rehakliniken vor allem in München, Berlin, Bonn und Hamburg auf.

Ausschlaggebend für das hohe Ansehen Deutschlands in den arabischen Ländern seien die hochwertige Qualität der medizinischen Leistungen und das attraktive touristische Angebot, sagte Professor Nicolas Abou Tara auf einer Konferenz zum Medizintourismus in Sankt Augustin. Der gebürtige Syrer arbeitet als Implantologe und politischer Berater für internationale Kooperationen in Hamburg.

Negativ auf das Image deutscher Kliniken wirkten sich dagegen verspätete und intransparente Rechnungsstellungen aus, ergänzte Swjatoslaw Aksamitowski von der Dienst- und Serviceleistungen GmbH der Knappschaftskrankenhäuser. Zugute kämen den deutschen Einrichtungen im internationalen Wettbewerb um ausländische Patienten wiederum die vergleichsweise geringen Kosten für medizinische Leistungen im stationären Bereich. "In allen anderen westeuropäischen Ländern sind die Behandlungen deutlich teurer", so Abou Tara.

Grund hierfür ist, dass die Fallpauschalen (DRG) auch für die Vergütung von Leistungen für ausländische Patienten gelten. In Ländern wie der Schweiz oder Österreich hingegen können die Kliniken unterschiedliche Basisfallwerte für in- und ausländische Patienten sowie Zuschläge für den erhöhten Betreuungsaufwand abrechnen.

Dieser ist bei Patienten aus dem arabischen Raum im Schnitt um ein Zwei- bis Dreifaches höher als bei inländischen Patienten. Denn neben der medizinischen Versorgung gilt es, Kostenvoranschläge und individuelle Behandlungspläne zu erstellen, Dolmetscher- und Transferdienste zu organisieren, spezielle Ernährungsangebote sowie im Extremfall eine eigens eingerichtete Station bereitzuhalten.

Hierzulande berechnen zahlreiche Krankenhäuser Zuschläge von durchschnittlich 30 Prozent für den Mehraufwand, so das Ergebnis einer Marktstudie der Hochschule Bonn Rhein-Sieg an 250 deutschen Kliniken. Dies geschieht entweder über erhöhte Basisraten, Verwaltungspauschalen oder Extra-Rechnungen.

Das Problem jedoch: "Die Botschaften, Konsulate oder Krankenkassen im Ausland erstatten die Zuschläge oft nicht oder nur mit erheblicher Verzögerung", sagte Jens Juszczak von der Hochschule Bonn Rhein-Sieg. Nur 8,3 Prozent der befragten Kliniken hatten keine offenen Rechnungen. 52,8 Prozent gaben Außenstände von bis zu 100 000 Euro an. Einem Viertel der Einrichtungen schuldeten Botschaften und die ausländischen Kostenträger zwischen 100 000 Euro und 500 000 Euro. Bei 13,9 Prozent waren es über eine Million Euro.

"Die Länder mit den höchsten Zahlungsausfällen und -verzögerungen sind Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait", so Juszczak. Um sich hiergegen abzusichern, verlangten immer mehr Kliniken Vorauszahlungen.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie: Eine Schlüsselrolle bei der Ansprache ausländischer Patienten spielt das Internet. Florian Jäger, Geschäftsführer der Viator Online GmbH, machte deutlich, dass der erfolgreiche Einsatz des Internets von einer sorgfältigen und langfristigen Planung ebenso abhängt wie von der Kombination mit anderen Kommunikationswegen, darunter persönliche Kontakte, die Zusammenarbeit mit Tourismusinitiativen oder Kongressteilnahmen.

Vorteilhaft im Wettbewerb können auch Netzwerkbildungen wie die Initiative "Bonn Medical Partners" (BMP) sein. Ziel der vor drei Jahren gegründeten Plattform ist es, eine höhere Effizienz durch eine gemeinsame Vermarktung der angeschlossenen Kliniken auf Fachmessen und im Ausland zu erzielen, so Khaled Guizani, Mitbegründer von BMP.

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