Ärzte Zeitung, 27.10.2010

Privatversicherer setzen auf Tarif für Pleitiers

150 000 zwangsversicherte Nicht-Zahler bereiten den Privatversicherern bilanztechnische Sorgen. Ein Sondertarif soll in Zukunft Abhilfe schaffen.

Von Herbert Fromme und Ilse Schlingensiepen

Privatversicherer setzen auf Tarif für Pleitiers

Wer kein Geld hat, kann trotzdem weiter privat versichert sei.

© Gina Sanders / fotolia.com

KÖLN. Die privaten Krankenversicherer (PKV) wollen die Belastungen durch die hohe Zahl von Vollversicherten, die ihre Beiträge nicht zahlen, nicht länger klaglos hinnehmen. Die Branche bereitet die Einführung eines neuen Spezialtarifs für Nichtzahler vor. Denn seit der Einführung der Versicherungspflicht können die PKV-Unternehmen säumigen Kunden nicht länger kündigen.

Die Versicherten bringen keine Beiträge mehr ein, verursachen aber Kosten: Die Unternehmen müssen zumindest die Versorgung in Notfällen bezahlen und außerdem weiter Alterungsrückstellungen aufbauen. Das belastet die Bilanzen. Die Versicherten ihrerseits häufen bei den Gesellschaften Schulden an. Die Unternehmen könnten die Nichtzahler in den branchenweiten Basistarif schieben. Durch seine hohen Monatsbeiträge würde er das Problem für die meisten Versicherer aber eher verschärfen als verbessern.

Deshalb gibt es in der Branche Überlegungen, innerhalb des Basistarifs einen Extra-Tarif für Nichtzahler zu schaffen, für den eigene Bedingungen gelten. Er wäre so kalkuliert, dass er nur die Behandlung im Notfall versichert. Der Beitrag soll rund 70 Euro betragen. "Das können die meisten zahlen, und wir haben das Bilanzproblem nicht mehr", so ein Versicherungsvorstand. Noch nicht geklärt ist bislang, ob für den Sondertarif eine gesetzliche Regelung notwendig ist und ob die Versicherer hier auf die Bildung von Alterungsrückstellungen verzichten können.

Die Hanse Merkur Krankenversicherung in Hamburg hat für ihr eigenes Unternehmen bereits eine Lösung gefunden. Sie bietet einem Teil ihrer Vollversicherungskunden, die keine Beiträge mehr zahlen, den Umstieg auf den Tarif "Mini" an.

"Dabei geht es um Versicherte, die prinzipiell zahlen wollen, sich aber in einem finanziellen Engpass befinden, den sie selbst als vorübergehend empfinden", erläutert Vorstand Eberhard Reinhold Sautter. Der Tarif kostet zwischen 70 und 100 Euro pro Monat. Die Hanse Merkur verrät nicht, wie viele Kunden sie bei dem neuen Angebot im Bestand hat. "Mini wird angenommen", sagt Sautter sybillinisch.

Nach Angaben des Krankenversicherers Central gibt es in der PKV insgesamt 150 000 Nichtzahler, die bis Ende 2010 einen Beitragsrückstand von 300 Millionen Euro verursacht haben werden. Gerade im Bereich der kleinen Selbstständigen ist die Problematik ausgeprägt.

Auch in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind die Nichtzahler durchaus ein veritables Problem. Nach einer aktuellen Erhebung waren säumige Zahler für die Zeit vom 1. April 2007 bis zum 31. März 2009 den Kassen rund 630 Millionen Euro schuldig geblieben.

Davon gingen der Studie zufolge 430 Millionen Euro auf das Konto von freiwillig Versicherten. Der Rest sind Zahlungsausfälle durch Versicherte, die durch Einführung der Versicherungspflicht in die GKV zurückgekehrt sind.

[28.10.2010, 11:37:33]
Dr. Gerhard Lorenz 
Der Arzt des Pleitiers bekommt kein Geld, PKV bereichert nur die Pleitiers selbst
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihren Artikel zum Anlass nehmen, auf eine Benachteiligung der niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte in diesem Zusammenhang hinzuweisen.

Meines Wissens nach zahlt die PKV ihre Erstattungen für Arztrechnungen auch bei Mitgliedern, die ihre Beiträge nicht bezahlen, weiterhin an die Versicherten aus. Eine Direktzahlung oder Abtretung ist (in der Regel nach den Versicherungsbedingungen) nicht möglich.

Wenn ich an meine Nichtzahler denke, die bei der PKV und/oder über Beihilfe versichert waren, hat die Erstattung durch diese Stellen nur der Bereicherung des Patienten bzw. seiner bisherigen Gläubiger gedient. Wenn ich ihnen keine Rechnung geschickt hätte, hätte ich auch kein Geld bekommen, hätte weniger Ausgaben (Rechnungserstellung, Porto, Mahnung etc.) gehabt und die PKV bzw. Beihilfe hätte keine Ausgaben gehabt.

Obwohl dieser Missbrauch der Versicherungsleistungen (denn es handelt sich Erstattungen für Aufwendungen) leicht erkennbar ist, haben meine Eingaben zu dieser Problematik bei Landes- und Bundesministerien sowie bei Landes- und Bundesärztekammer bisher keine Konsequenzen gehabt. Sie wurden als nicht relevant (= kein Regelungsbedarf) abgetan.

Wann endlich wird diese Regelungslücke geschlossen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Gerhard Lorenz
www.kinder-narkose.de
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