Ärzte Zeitung online, 02.08.2013

Auslaufende Patente

Pharmakonzerne unter Generika-Feuer

Sanofi und AstraZeneca hadern mit auslaufenden Patenten für ehemalige Blockbuster.

PARIS/LONDON. Die traditionellen Pharmakonzerne leiden zunehmend an der Konkurrenz durch Generika. Beim französischen Sanofi-Konzern sei das zweite Quartal "schwierig" gewesen, sagte Konzernchef Christopher Viehbacher am Donnerstag und kassierte die bisherige Prognose für das Gesamtjahr.

Der Gewinn sackte um rund 62 Prozent auf 444 Millionen Euro weg, wie das Unternehmen in Paris mitteilte. Der Aktienkurs gab bis zum Mittag um knapp sechs Prozent nach.

Die Umsatzausfälle wegen auslaufender Patente summierten sich im Quartal auf rund 480 Millionen Euro.

Ähnlich sah es beim britischen Wettbewerber AstraZeneca aus. Unter dem Strich brach der Überschuss von April bis Juni um die Hälfte auf 823 Millionen US-Dollar (620 Millionen Euro) ein, wie der Pharmakonzern in London mitteilte.

Vorstandschef Pascal Soriot erwartet 2013 weiterhin einen Umsatzrückgang im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich.

Auslaufende Patente für ehemalige Kassenschlager hinterlassen massive Bremsspuren in den Bilanzen der Hersteller. (dpa)

[05.08.2013, 11:51:07]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
20-jähriger Patentschutz zu kurz?
Es ist schon erstaunlich, Schutzfristen für das Urheberrecht wurden, wie in vielen anderen Staaten auch, in Deutschland seit 1965 auf die Dauer von 70 Jahren verlängert (§ 64 UrhG). Bei Forschung und Entwicklung von Medikamenten bleibt die Publikation eines Entdeckers oder Erfinders 70 Jahre urheberrechtlich geschützt, während das Patent auf das betreffende pharmazeutische Präparat bereits nach 20 Jahren abgelaufen ist.

Gleichzeitig werden Langfrist-Studien zur Verbesserung von harten Endpunkten und Mortalität gefordert. Dies führt zu einem Zeit-Wettlauf zwischen Forschen, Synthetisieren, Evaluieren, Kosten-Nutzen-Risiko-Analysieren und In-Verkehr-Bringen bzw. Folgenabschätzen. Der im Verhältnis viel zu kurze Patentschutz von nur 20 Jahren entwertet z. B. die Entwicklung von speziellen neuen Medikamenten ("orphan drugs") gegen seltene Erkrankungen ("orphan diseases"), weil sich das betriebswirtschaftlich für die forschende Pharmaindustrie nicht rechnet.

Andererseits werden "Blockbuster", also Medikamente für sehr häufige, wichtige und existenzielle Erkrankungen, mit einem enormen ökonomischen Druck auf den Markt geworfen. Die Zulassungsstudien werden hektisch abgeschlossen, Widersprüche bzw. kontroverse Diskussionen über Sinn, Zweck und Risiken der Neueinführungen werden abgewürgt. Potentielle Neben-, Wechsel- und Schädigungsfolgen werden erst in der laufenden klinischen und ambulanten Massenanwendung möglicherweise zu spät erkannt oder unter den Tisch gekehrt. Chemisch-pharmazeutisch oder galenisch geringfügig abgewandelte "me-too" Präparate mischen den Markt zusätzlich auf und stiften Verwirrung, ob eine Abwandlung von Molekülen klinisch relevante Verbesserungen oder gar Verschlechterungen zur Folge haben könnte.

Zugleich stehen teure Originalpräparate m i t Patentschutz im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der gesamten Weltbevölkerung auf V e r b e s s e r u n g ihrer gesundheitlichen Situation und dem Menschenrecht auf Versorgung, Heilung, Linderung und präventiven Schutz bei lebensbedrohlichen Krankheiten und erhöhter Mortalität. Es ist eine große medizinisch-ethische Herausforderung, die damit verbundene existenzielle Problematik einer allseits akzeptablen und tragfähigen Lösung zuzuführen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Orange/F)
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