Ärzte Zeitung, 24.07.2014

Zeitbombe

Spionage auch bei Pharma & Co

Industriespione haben es in Deutschland auch auf Unternehmen der Pharma- und Medizintechnikbranche abgesehen. Das zeigt eine neue Studie. Interessant sind für die ungebetenen Besucher vor allem sensible Daten aus der Forschung.

Von Matthias Wallenfels

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Gefahr lauert: Datendiebstahl kann nicht nur forschende Pharmaunternehmen treffen.

© fotogestoeber/fotolia.com

MÜNCHEN. Jedes zweite deutsche Unternehmen erlebte in den vergangenen zwei Jahren einen Spionageangriff oder zumindest einen Verdachtsfall. 4,5 Prozent aller betroffenen Firmen erlitten Schäden von über einer Million Euro.

Das sind zentrale Ergebnisse der gemeinsamen Studie "Industriespionage 2014 - Cybergeddon der deutschen Wirtschaft durch NSA & Co.?" der Unternehmensberatung Corporate Trust, Aon Risk Solutions, der Zurich Gruppe Deutschland und des Objektsicherheitsspezialisten Securiton.

Dass auch die forschenden Arzneimittelhersteller und Medizintechnikanbieter beliebte Ziele von Spähern sind, zeigt ein Blick in die Rangfolge der laut Untersuchung am meisten gefährdeten Branchen in Deutschland. Bereits an zweiter Stelle (17,1 Prozent) stehen demnach die Chemie-, Pharma- und Biotechnologie-Firmen.

Nach wie vor stehe der Mittelstand und hier insbesondere der Automobil-, Luftfahrzeug-, Schiffs- und Maschinenbau (22,5 Prozent der Angriffe) im Fokus der Angreifer. "Keine andere Branche wird so oft angegriffen", erklärt Studienleiter Christian Schaaf von Corporate Trust.

"Die Produkte dieser Unternehmen werden aufgrund ihrer ständigen Innovationen und ihrer hohen Qualität weltweit geschätzt. Umso wichtiger ist es, deren Innovationskraft und damit deren Know-how zu schützen." Auf Rang drei folgt in der Studie die Elektro-Branche (12,6 Prozent).

Angriffe aus Asien führend

Die meisten Angriffe (38,8 Prozent) kommen laut Erhebung aus Asien. Am häufigsten werde in deutschen Unternehmen der Unternehmensbereich Forschung und Entwicklung ausspioniert. Industriespionage wird zu einem ernsten und teuren Problem für die deutsche Wirtschaft, wie Corporate Trust warnt.

Jedes Jahr entstehe für die Unternehmen hierzulande durch Industriespionage ein Schaden in Höhe von 11,8 Milliarden Euro.

Für die Studie wurde laut Corporate Trust ein repräsentativer Querschnitt der deutschen Wirtschaft gebildet. 6767 Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen seien befragt worden - vom Großkonzern bis hin zu Kleinunternehmen.

77,5 Prozent der betroffenen deutschen Unternehmen hätten durch die Spionageangriffe einen finanziellen Schaden erlitten. Bei den meisten Firmen hierzulande (40,5 Prozent) liege die Schadenshöhe in einer Größenordnung zwischen 10.000 und 100.000 Euro.

12,6 Prozent hätten angegeben, dass der Schaden zwischen 100.000 und einer Million Euro betrage. 4,5 Prozent der Firmen hätten sogar Schäden jenseits der Grenze von einer Million Euro zu verzeichnen gehabt.

Nur jeder Vierte meldet einen Angriff

Dr. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, schätzt, dass sich viele Unternehmen der Spionagebedrohung gar nicht bewusst seien. "Die Studie zeigt: Die Bedrohung ist real", so Maaßen.

"Das Bedrohungsszenario ist umfassend. Noch viel zu selten wenden sich betroffene Unternehmen an die Verfassungsschutzbehörden", ergänzt er.

Nur bei einem Viertel der Fälle offenbarten die Unternehmen ihren Schaden den Behörden. Angesichts der massiven Spionagefälle fordert Verfassungsschutzpräsident Maaßen ein "Zusammenwirken von Staat und Wirtschaft". "Nur mit gegenseitigem Verständnis und gemeinsamem Handeln lässt sich ein effektiver Wirtschaftsschutz realisieren".

"Vermutlich befinden wir uns bereits im Cybergeddon", sagt Studienleiter Schaaf. "Es bleibt zu hoffen, dass sich die Unternehmen bald darauf einstellen und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen ergreifen", appelliert er an die Wirtschaft.

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