Ärzte Zeitung, 18.11.2015

Klinikhaftpflicht

Sicherheit wird teurer

Das Risiko für Anbieter von Klinikhaftpflicht-Policen wird immer größer. Die Assekuranzen sehen Handlungsbedarf bei den Krankenhäusern.

Von Ilse Schlingensiepen

Sicherheit wird teurer

Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, müssen Kliniken nach Ansicht von Versicherungsexperten künftig noch mehr Aufwand in Sachen Patientensicherheit betreiben.

© Aycatcher / fotolia.com

ESSEN. In der Krankenhaushaftpflichtversicherung ist die Zeit reif für den Eintritt neuer Anbieter oder die Rückkehr etablierter Versicherer. So sieht es Manfred Klocke, Geschäftsführer des auf das Heilwesen spezialisierten Versicherungsmaklers Ecclesia.

Die Krankenhaushaftpflicht gilt nicht zuletzt wegen der lang laufenden Risiken als schwieriger Markt, aus dem sich eine bereits etliche Anbieter zurückgezogen haben, das ihnen das Geschäft nicht mehr profitabel genug erschien. Ecclesia sieht zurzeit zehn "nennenswerte Anbieter" am Markt, inklusive der regionalen Gemeindeversicherungsvereine.

Steuer senken

Der Makler betreut nach eigenen Angaben rund 43 Prozent des Prämienvolumens in der Krankenhaushaftpflicht, das sich 2016 auf 540 bis 560 Millionen Euro summieren wird. Das sind bis zu 330 Millionen Euro mehr als noch 2012.

Angesichts der finanziellen Belastung der Krankenhäuser kritisiert Klocke, dass die Krankenhaushaftpflicht mit 19 Prozent Versicherungssteuer belastet wird. Er hält eine spürbare Absenkung für notwendig.

"In der Feuerversicherung sind es doch auch nur elf Prozent und in der Hagelversicherung noch weniger", sagte er der "Ärzte Zeitung" bei einem gemeinsamen Kongress von Ecclesia und der Konzerntochter "Gesellschaft für Risiko-Beratung" zum Thema Patientensicherheit in Essen.

Trotz der Besonderheiten des Marktes müssten Krankenhäuser nicht fürchten, über kurz oder lang ohne Haftpflichtversicherung dazustehen.

Allerdings werden die Versicherer noch anspruchsvoller, was das Engagement beim Risikomanagement betrifft, schätzt Klockes Kollege in der Geschäftsführung, Tilman Kay.

"Die Haftpflichtversicherer werden Anforderungen an die Verbesserung der Patientensicherheit stellen, um Versicherungsschutz zu attraktiven Preisen zur Verfügung stellen zu können", sagte Kay.

Zwar sei beim Risikomanagement in den vergangenen Jahren schon viel passiert. Das reiche aber noch nicht. "Das Thema Patientensicherheit kommt nicht von der Tagesordnung." Ein Grund dafür sei, dass die Komplexität der medizinischen Leistungserbringung weiter zunehmen wird.

Kays Prognose: "Es wird weniger Haftpflichtschäden geben, aber sie werden teurer werden." Die in der Vergangenheit deutlich gestiegene Schadenhöhe sei vor allem durch die höhere Lebenserwartung auch schwerstgeschädigter Menschen und des daraus resultierenden längeren Pflege- und Rentenzeitraums begründet.

"Derzeit repräsentieren die 1,6 Prozent teuersten klinischen Haftpflichtschäden 70 Prozent des Gesamtschadenaufwands", so Kay. 2025 werde voraussichtlich ein Prozent der teuersten Fälle 85 Prozent des Schadenaufwands ausmachen.

Höherer Selbstbehalt?

Er geht davon aus, dass Selbstbehalte bei den Krankenhäusern künftig eine noch größere Rolle spielen werden. "Größere Träger können ein Grundrauschen bei der Schadenbearbeitung selbst tragen."

Den vollkommenen Verzicht auf Versicherungsschutz hält er dagegen für keine Option. "Gedankenspiele, das Risiko künftig vollständig selbst zu finanzieren, werden sich nicht durchsetzen". Selbst große Krankenhausträger könnten die Belastung durch einige Großschäden nicht selbst finanzieren.

"Das Eigenkapital, das man vorhalten muss, um das Risiko abzudecken, ist so hoch, dass es sich für keinen Träger rechnet".

Durch die ab 1. Januar kommenden Jahres geltenden Eigenkapitalregeln "Solvency II" müssen die Versicherer künftig schwere Risiken wie die Klinikhaftpflicht mit deutlich mehr Kapital unterlegen als bisher.

Auch das werde sie veranlassen, noch mehr auf ein stringentes Risikomanagement zu drängen.

"Die Versicherer werden nur noch solchen Kliniken Haftpflichtversicherungsschutz zur Verfügung stellen, die ein wirksames klinisches Risikomanagement zur Vermeidung von Patientenschäden betreiben und den Grad der erreichten Sicherheit wirksam messen", sagte Kay. Wichtig sei, dass die Patientensicherheit und die Risikokultur Teil der Unternehmenskultur sind.

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