Ärzte Zeitung, 25.02.2016

Gesunde Ernährung

Lebensmittelbranche übt sich in Aufklärungsarbeit

Die großen Lebensmittelhersteller gehen in die Offensive. Sie reagieren auf Vorwürfe, sie würden ihre Produkte nicht gesünder formulieren und Verbraucher nicht über deren Gesundheitsrisiken aufklären. Die Branche versucht eine Imagepolitur.

Von Matthias Wallenfels

Lebensmittelbranche übt sich in Aufklärungsarbeit

In Kooperation mit Schulen wollen Lebensmittelunternehmen Kinder für eine gesunde Ernährung sensibilisieren.

© Bernd Thissen/dpa

NEU-ISENBURG. Forderungen nach einer Fettsteuer oder einer Lebensmittelampel sind nur zwei Beispiele dafür, wie Regierungen weltweit versuchen, ihre Bevölkerung zu einer gesünderen und gesundheitsbewussteren Lebensweise zu animieren.

Denn Patienten mit Zivilisationskrankheiten wie Adipositas oder Diabetes Typ 2, deren Entstehung im Zusammenhang mit dem regelmäßigen Verzehr ungesunder Lebensmittel wie Süßgetränken, Pizza, Burger oder Pommes frites stehen, verursachen hohe Kosten in der Gesundheitsversorgung - Tendenz steigend.

Deshalb setzen vor allem betroffene Industrieländer auf Präventionskampagnen, die bereits in den Schulen die Sensibilität für einen gesunden Lebensstil schaffen sollen.

Häufig am Pranger steht die Lebensmittelindustrie, deren Unternehmen oft mangelnde Kooperationsbereitschaft unterstellt wird, wenn es darum geht, gesündere Produkte auf den Markt zu bringen und an der Verbraucheraufklärung mitzuarbeiten.

Jüngst hat zum Beispiel die Verbraucherschutzorganisation foodwatch dem Süßgetränkehersteller Coca-Cola vorgeworfen, Verbraucher gezielt falsch aufzuklären. "Sportprojekte, Gesundheitsinitiativen, Forschungsförderung: Mit dreistelligen Millionenbeträgen beeinflusst Coca-Cola die globale Debatte über die Ursachen von Übergewicht", so foodwatch.

In Reaktion auf massive öffentliche Kritik an diesen Gesundheitspartnerschaften hatte der Softdrink-Konzern für Nordamerika eine Liste seiner Fördermaßnahmen ins Internet gestellt.

Zahl der Schulpartnerschaften steigt

Das Consumer Goods Forum (CGF), eine weltweite Allianz von rund 400 großen Vertretern der Lebensmittelindustrie und des -handels, hat auf die Anfeindungen von Politikern und Verbraucherschützern reagiert und 2011 sowie 2014 für seine Mitglieder "Health and Wellness Resolutions" ausgearbeitet, in denen sich die Unternehmen unter anderem verpflichten, Verbraucher offensiv über ihre Lebensmittel aufzuklären und für ihre Belegschaften Gesundheitsprogramme einzurichten.

Wie dem in Kooperation mit der Strategieberatung Deloitte erstellten, jüngst veröffentlichten CGF-Bericht "Health & Wellness Progress Report 2016" zu entnehmen ist, haben 95 Prozent der antwortenden Unternehmen angegeben, mindestens eine der drei Resolutionen umgesetzt zu haben.

78 Unternehmen nahmen an der Befragung teil, darunter neben den US-amerikanischen Firmen Coca-Cola, Pepsico, Procter & Gamble, Johnson&Johnson und Kimberley-Clark mit Bahlsen und Barilla auch europäische Vertreter sowie mit Ajinomoto, Kirin und Lotte Foods asiatische Anbieter.

Explizit wird darauf verwiesen, dass die Unternehmen 2015 insgesamt 484.000 Schulpartnerschaften unterhielten - 2014 seien es gerade einmal 47.000 gewesen.

Im Zuge der Kooperationen sollen Schüler Informationen erhalten, die sie darin unterstützen, vernünftige und ausgewogene Essgewohnheiten und für eine gute Hygiene zu entwickeln sowie die regelmäßige körperliche Ertüchtigung zu praktizieren.

Dem Bericht ist indes nichts weiterführendes über den Inhalt, die Unabhängigkeit sowie Qualität des Informationsmaterials zu entnehmen.

Insgesamt hätten die inhaltlich nicht näher konkretisierten Aktivitäten der Unternehmen weltweit 1,8 Milliarden Verbraucher (2014: 89 Millionen) in 5000 Städten sowie 2,2 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen erreicht. 84.000 Lebensmittel (2014: 22.500) seien modifiziert worden - wie, das bleibt offen. 2,2 Millionen Beschäftigte profitierten von Programmen zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens.

Die Hälfte hadert noch mit Werbebeschränkung

In puncto Kundenansprache scheinen die Unternehmen aber noch etwas mit der freiwilligen Selbstbeschränkung zu hadern. Denn nur 49 Prozent - und damit knapp die Hälfte - gaben an, öffentlich ein Verbot für Werbung zu unterstützen, die sich gezielt an Kinder unter zwölf Jahren richtet.

Dass die Lebensmittelbranche eher noch am Anfang des Weges zu aufgeklärten - und damit produktkritischen - Verbrauchern steht, ist Nestlé-CEO Paul Bulcke sowie Ahold-CEO Dick Boer durchaus bewusst.

"Wir werden unsere Bemühungen intensivieren müssen und wir werden noch mehr Unternehmen einladen, dazu beizutragen, unsere kollektiven Ziele zu erreichen", heißt es in einem Statement der beiden zu dem Bericht.

Die Konsumenten, aber auch die Angestellten erwarteten von den Unternehmen, dass diese eine führende Rolle dabei einnehmen, Begeisterung für eine gesündere Ernährung und einen gesünderen Lebensstil zu verbreiten. Über die Fortschritte soll im nächsten Jahr berichtet werden.

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[25.02.2016, 18:03:11]
Cordula Molz 
eine führende Rolle ...
Ist es nicht ein bisschen viel verlangt, von der Lebensmittelbranche eine solche Rolle voll ausgefüllt zu erwarten? Ich zitiere Dr. Robert Lustig: "Eat real food" - was übersetzt heißt, nichts verarbeitetes. Also muss eine auf Gesundheit ausgerichtete Beratung behinhalten, dass man die hochverarbeiteten Produkte der Lebensmittelindustrie weitestmöglich meiden sollte. Wer von der Industrie erwartet, dass wirklich eine neutrale und zielführende Gesundheitsberatung durch sie durchgeführt werden soll, der macht den Bock zum Gärtner. Schulpartnerschaften sind das übelste, was mir zu diesem Thema einfällt. So kann man schon den Nachwuchs dazu erziehen, Kundschaft zu werden für Cola und ähnliches plus Fertigmahlzeiten. Glückwunsch - Projekt erfolgreich. zum Beitrag »

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