Ärzte Zeitung, 10.03.2016

Pharma

Merck weckt Innovations-Fantasie

Merck präsentiert sich 2015 in guter Verfassung. Der Zukauf des Laborunternehmens Sigma-Aldrich verwässert den Einfluss der Pharmasparte. Die hat gleichwohl mit dem Antikörper Avelumab endlich ein starkes As im Ärmel.

Von Christoph Winnat

DARMSTADT. Rekordumsätze und Krisenstimmung? - Bei der Merck KGaA muss das kein Widerspruch sein. 2012 beispielsweise standen die Zeichen auf Tristesse, nachdem der Darmstädter Traditionskonzern zwar erstmals in der Firmengeschichte mehr als zehn Milliarden Euro einnehmen konnte, jedoch gleich mehrere Projekte der reifen Pharma-Pipeline floppten.

 Inzwischen scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Zwar muss Merck noch immer Nehmerqualitäten beweisen. So wurde zuletzt Anfang Dezember der Krebskandidat Evofosfamid gegen Weichteil- und Pankreaskarzinom nach enttäuschenden Phase-III-Resultaten eingestellt.

Doch inzwischen hat Merck mit seinem anti-PD-L1-Antikörper Avelumab einen Vertreter der aktuell wohl vielversprechendsten onkologischen Wirkstoffklasse, den immuntherapeutischen Checkpointinhibitoren, in der Hinterhand - und seit November 2014 mit Pfizer außerdem noch einen starken Entwicklungs- und Vertriebspartner. Avelumab wird derzeit gleich in sechs klinischen Phase-III-Tests bearbeitet.

Pharma verliert Dominanz

Darüber hinaus trägt die erfolgreiche Akquisitionspolitik dazu bei, Schwächen im laufenden Pharmageschäft zu verwässern. Die milliardenschwere Übernahme des US-Laborausrüsters Sigma-Aldrich wird dafür sorgen, dass die Pharmageschäfte ausweislich Mercks eigener Kalkulation demnächst kaum die Hälfte des Konzernumsatzes ausmachen. 2014 waren es noch fast zwei Drittel.

Der Ende April aus dem Amt scheidende Konzernchef Karl-Ludwig Kley hat also Grund genug, sich über das Rekordjahr 2015 zu freuen. "Merck ist heute so gut aufgestellt wie nie zuvor", leitet Kley den jüngsten Geschäftsbericht ein. Der Konzernumsatz nahm wie bereits kurz berichtet um 13 Prozent auf 12,8 Milliarden Euro zu. Der starke Dollar steuerte 6,2 Prozentpunkte zum Wachstum bei, Zukäufe 4,3 Punkte. Organisch nahmen die Einnahmen um 2,6 Prozent zu.

Festhalten an oralem MS-Kandidaten

Die in der Sparte "Healthcare" rangierenden Pharmageschäfte legten um knapp fünf Prozent auf 6,9 Milliarden Euro zu. Der Spartengewinn ging vor Zinsen und Steuern (EBIT) um knapp ein Prozent auf 1,1 Milliarden Euro zurück.

Die beiden Hauptprodukte verbuchten Einbußen: das MS-Mittel Rebif® (Interferon beta-1a) um elf Prozent auf knapp 1,8 Milliarden Euro und das Krebsmittel Erbitux® (Cetuximab) um 1,5 Prozent auf 899 Millionen. Ursache für den zweistelligen Rückgang bei Rebif® sei vor allem die Konkurrenz durch neuere orale MS-Therapeutika, heißt es.

 Was das betrifft, hat Merck mit dem Wirkstoff Cladribin noch immer ein Eisen im Feuer: Zwar war der erste Versuch, den oralen MS-Kandidaten durch die Zulassung zu bringen, 2011 aufgegeben worden. Vorigen September teilte das Unternehmen jedoch überraschend mit, es bei der europäischen Arzneimittelagentur EMA auf Basis neuerer Studiendaten noch einmal versuchen zu wollen. Bis jetzt wurde zwar noch kein Dossier eingereicht, Merck weist in seiner Pipelineübersicht aber weiterhin Cladribin als Option für einen Zulassungsantrag aus.

Zuwächse erzielten unter den Pharmageschäften 2015 unter anderem die OTC-Linie (um zehn Prozent auf 833 Millionen Euro) sowie das rekombinante Fruchtbarkeitshormon Gonal-f® (+4,0 Prozent auf 685 Millionen Euro). Zulegen konnten auch große Altoriginale wie der Blutrucksenker Concor® (Bisoprolol) um neun Prozent auf 463 Millionen Euro oder Glucophage® (Metformin) um 20 Prozent auf 437 Millionen Euro.

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