Ärzte Zeitung, 11.03.2012

Hintergrund

Zuschüsse für Ärztenetze: Jetzt beginnt der Wettbewerb

Das Versorgungsgesetz hat es möglich gemacht: KVen können Ärztenetze mit einem Extrabudget fördern - wenn sie das wollen. Noch fehlen die Vorgaben, doch eines ist klar: Das Prinzip Gießkanne wird es nicht geben. Profitieren könnte etwa jedes zehnte Ärztenetz.

Von Angela Mißlbeck

Wie weit öffnet das Versorgungsstrukturgesetz die Tür für Zuschüsse zu Netzen wirklich?

Ärzte aller Fachgruppen, vernetzt euch - dann gibt es womöglich auch ein Extrabudget.

© Levente Janos / fotolia.com

Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz bietet Ärztenetzen neue Chancen - vorausgesetzt die regionale Kassenärztliche Vereinigung (KV) spielt mit.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich schon auf den Weg gemacht. Sie bereitet alles dafür vor, dass Netze ab 2013 die Voraussetzungen erfüllen können, um bei ihrer KV ein Versorgungsbudget zu beantragen.

Netzförderung im Versorgungsgesetz

Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz hat mit § 87b die Möglichkeit eröffnet, dass Netze im Rahmen des Kollektivvertrags von ihrer Kassenärztlichen Vereinigung ein Budget oder eine Förderung für Versorgungsaufgaben erhalten. Die Möglichkeiten zum Abschluss von Selektivverträgen mit Krankenkassen nach § 73a sowie § 140 ff. bestehen daneben weiter. Zudem können Netze als Modellvorhaben der Krankenkassen nach § 63 gefördert werden. Dr. Veit Wambach vom Gesundheitsnetz QuE Nürnberg sieht die Netze an einer Wegmarke. Selektivverträge würden weitergeführt, aber jetzt erfolge eine Neuaufstellung im Kollektivvertrag. De facto hat nach seinen Angaben "nur ein kleiner Teil" der rund 400 Netze Selektivverträge.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die neue Gesetzesregelung die Unterschiede zwischen den Netzen verstärken wird. Nicht nur die nötige Akkreditierung wird für Differenzierung sorgen, auch die Unverbindlichkeit der Gesetzesbestimmung nach Paragraf 87b SGB V kann zu einem bunten Flickenteppich führen.

"Die KV kann für sich entscheiden, in welchem Maß sie Netze fördern will", sagte Dr. Bernhard Gibis von der KBV vor überfülltem Saal in Berlin bei der KBV-Versorgungsmesse. Seine Erwartung: "Wir werden da regionale Vielfalt erleben."

Kriterienkatalog in der Entwicklung

Auch der Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums André Klein-Wiele wies darauf hin, dass es sich bei der Gesetzesregelung um eine Kann-Bestimmung handelt. "Das Ganze liegt in der Verantwortung der Beteiligten", sagte er.

Durchaus möglich ist also, dass in manchen KV-Regionen von den neuen Chancen des Gesetzes für die Ärztenetze am Ende nichts mehr übrig bleibt.

Auf Bundesebene hat die KBV jedoch begonnen, die Grundlagen für die Umsetzung des Gesetzes zu schaffen. Sie entwickelt derzeit einen Kriterienkatalog für die Akkreditierung von Netzen. Diese Akkreditierung ist nötig, damit ein Netz bei seiner KV eine Förderung oder ein Honorarbudget beantragen kann.

Das Vorgehen ist mehrstufig: Die KBV erstellt die Rahmenvorgaben und stimmt sie mit dem GKV-Spitzenverband ab. Auf dieser Basis erlassen die Regional-KVen Richtlinien, die ausschlaggebend dafür sind, welche Netze ein Budget beantragen können oder ob den Netzen diese Möglichkeit überhaupt eingeräumt wird.

Das Akkreditierungsverfahren soll zum 1. Januar 2013 starten, kündigte Gibis an. Ein Rohentwurf für den Kriterienkatalog werde demnächst mit Vertretern der Praxisnetze diskutiert, sagte er.

Klar ist: Netze mit einem hohen Grad an Organisation, Verbindlichkeit und Professionalität können von der Entwicklung profitieren. "Wir sehen etwa 40 bis 50 Netze im Land, die solide Arbeit leisten, und die man schon privilegieren sollte", sagte Gibis.

Die Gesamtzahl der Ärztenetze in Deutschland wird auf rund 400 geschätzt. Darunter sind auch kleine fachgruppenspezifische Netze. Diesen erteilte Gibis eine offene Absage.

Das Gesetz gebe es zwar auch her, dass Mono-Fachgruppen-Netze zugelassen werden könnten. Der KBV-Netzexperte sagte aber: "Uns geht es hier um interdisziplinäre Zusammenarbeit."

Potenzieller Konflikt um die Neueinschreibung

Die generelle Herausforderung bei der Entwicklung der Kriterien sei, eine ausgewogene Mischung aus Anspruch und Machbarkeit zu finden. Einerseits sollten sich die Netze schon etwas danach strecken müssen.

Andererseits gab Gibis zu bedenken: "Einige Netze, die auf einem guten Weg sind, sollten nicht abgehängt werden." Eine spannende Frage sei zudem, welche Ziele die Netzarbeit ausweisen müsse. Beispielhaft nannte der KBV-Dezernent Bevölkerungsbezug, Patientenzentriertheit, Prävention und Versorgung chronisch Kranker.

Offen ist derzeit noch, ob Patienten und Ärzte sich für die Versorgung in Netzen nach dem neuen Recht einschreiben müssen. Hier zeichnet sich schon jetzt ein Konflikt mit den Krankenkassen ab.

Gibis plädierte dafür, ohne Einschreibung zu arbeiten. Karl-Heinz Schönbach vom AOK-Bundesverband sprach sich klar für eine Einschreibungspflicht aus.

Er wies auf den Konflikt zwischen Freiwilligkeit des Zusammenschlusses im Netz und geforderter Verbindlichkeit für die Übernahme von Versorgungsverantwortung hin.

Der AOK-Geschäftsführer Versorgung gibt Selektivverträgen mit Netzen eindeutig den Vorzug und warnt mit Blick auf die Neuregelungen im Kollektivvertrag vor "paternalistischen Umverteilungen".

Vertreter der Netze begrüßen die Entwicklung. Dr. Veit Wambach vom Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz Nürnberg betrachtet sie als "Chance für professionelle Netze - in Zusammenarbeit mit ihrer KV und nicht, wie früher gedacht wurde, im Gegensatz".

Martin Wetzel vom Netz "Gesundes Kinzigtal" zeigte sich "dankbar, dass wir endlich Anerkennung bekommen" und will mit seinen Kollegen gemeinsam diskutieren, ob die neue Möglichkeit genutzt werden soll.

Dr. Hans-Jürgen Beckmann vom Ärztenetz "Medizin und Mehr" in Bünde verwies auf die positiven Erfahrungen mit der Übertragung von KV-Budgets an Netze, die in Westfalen bereits gesammelt worden sind.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Netzärzte brauchen noch Geduld

[13.03.2012, 08:47:36]
Dr. Jürgen Schmidt 
Berufspolitische Aspekte
Es gibt viele berufspolitische Aspekte, die bei der Gründung von Praxisnetzen nicht ausreichend bedacht worden sind. Manchen KVen, die der Netzidee anfangs positiv gegenüber gestanden haben, wurde diese später unheimlich, nicht zuletzt deshalb, weil sich berufspolitisch konkurrierende Organisationen bildeten, aber auch, weil die Auseinandersetzung zwischen den Fachgruppen mit fortschreitender Vernetzung in eine neue Runde ging - mit höchst unterschiedlichen und nicht immer erfreulichen Ergebnissen. Der Einfluss von Berufsverbänden, namentlich des größten, hat hier eine zum Teil sehr unrühmliche und berufspolitisch überaus schädliche Rolle gespielt.

Diese Problematiken bestehen fort und auch für die Betrachtung der Allokation eine Rolle.

Eins dürfte klar sein: Die Subventionierung von Praxisnetzen durch die KVen stellt - abgesehen von Anschubfinanzierungen - eine Fehlentwicklung dar, wenn diesen keine Mehreinnahmen über die Gesamtvergütung entsprechen und diese angemessen verteilt werden.

Erfolgt die Vergütung von medizinischen Mehrleistungen der Netze über Direktverträge mit den Krankenkassen, besteht in der Tat die Gefahr eines Flickenteppichs, der dazu führen kann, dass ein Netz gegen das andere ausgespielt wird.
Es sollte der Selbstverwaltung vorbehalten bleiben, über eine gerechte Generierung und Verteilung des Honorars zu sorgen, wobei zu berücksichtigen ist, dass ein städtisches Netz ganz andere Leistungen anbieten und mit weniger Aufwand erbringen kann, als ein Netz in bevölkerungsarmen Gebieten.

Die Problematik birgt eine Fülle von berufspolitischen Fragen und Folgewirkungen, dass es grob fahrlässig erscheint, diese den örtlichen Netzgründern allein zu überlassen. Dies wissen die Krankenkassen natürlich ganz genau und wenn ein Krankenkassenfunktionär den "Selektivverträgen mit Netzen eindeutig den Vorzug (gibt) und mit Blick auf die Neuregelungen im Kollektivvertrag vor "paternalistischen Umverteilungen" warnt, stellt diese Polemik nichts weiter als den Versuch dar, die Ärzteschaft gegen ihre eigenen KVen in Stellung zu bringen. Leider fallen diverse ärztliche Gruppierungen immer wieder auf diese Strategie herein.

Dass es einige KVen unterlassen haben, ein glaubwürdiges und beschützendes Dach über die Netze zu spannen, sei nicht verschwiegen und der berufspolitischen Elite, die in die Gremien gewählt worden ist, nachhaltig angelastet. Elite? Nun das ist wiederum eine andere Frage!  zum Beitrag »

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