Telemedizin

Prüfsiegel soll bei Diabetes-Apps die Spreu vom Weizen trennen

Mehrere Fach- und Patientenverbände testen jetzt systematisch Apps, deren Zielgruppe Diabetiker sind. Dabei will man auch Einfluss auf die Weiterentwicklung der mobilen Anwendungen nehmen.

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FRANKFURT/MAIN. Der Markt für Patienten-Apps ist unübersichtlich. Bringt eine App wirklich Nutzen? Werden Datenschutzregelungen eingehalten? Gibt es versteckte Kosten? Da können sich Patienten meist nur auf gut gemeinte Empfehlungen verlassen – oder einfach ausprobieren. Gerade für Diabetiker gibt es viele unterschiedliche Anwendungen, wie Diabetestagebücher, BE-Rechner, therapieunterstützende Apps oder solche, die mit Blutzuckermessgeräten funktionieren. Licht in den Diabetes-App-Dschungel soll jetzt ein Gütesiegel bringen: "DiaDigital" zertifiziert erstmals therapieunterstützende Apps, denn bislang gibt es keine offizielle Stelle in Deutschland, die systematisch und unabhängig solche Apps prüft und bewertet, etwa der Ehrenkodex für Gesundheitsapps von Healthon aus Freiburg.

Partner bei DiaDigital sind die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), die Deutsche Diabetes-Hilfe (diabetesDE), der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) und die Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes (DDH-M). Federführend betätigt sich die DDG-Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie (AGDT). Für die technische Überprüfung wurde das Bochumer Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) hinzugezogen.

Seit drei Jahren am Köcheln

"Seit etwa drei Jahren wird das Projekt vorangetrieben", wie Diana Droßel, Diabetikerin, Mitgründerin der DiaDigital-App-Gruppe und Vize-Vorsitzende diabetesDE berichtet. "Hintergrund war ein Workshop über Apps bei der DiaTec, einer Fachtagung zum Thema Diabetes & Technologie." Seitdem konferieren Ärzte und Patienten regelmäßig telefonisch über einzelne Apps. "Wir haben dann recht schnell angefangen, Kriterien aufzustellen, wie man Apps tatsächlich bewerten kann. Da wir zwar medizinisches, aber kaum technisches Wissen haben, haben wir uns an das ZTG gewandt", so Droßel. "Gemeinsam haben wir dann Kriterien zur App-Bewertung entwickelt, die Hand und Fuß haben, denn wir wollten uns nicht angreifbar machen, wenn wir einen App-Hersteller ablehnen."

Neu an DiaDigital ist, dass nicht nur die üblichen formalen Standards wie Datenschutz und Nutzungsbedingungen geprüft werden, sondern auch, welche Forderungen Diabetiker an die App stellen und welchen tatsächlichen Nutzen sie Betroffenen und Ärzten liefert.

Kommt ein Hersteller auf DiaDigital zu, so füllt er zunächst ein Formular mit einer Selbsterklärung zu seiner App aus. Dann prüft die Beratergruppe, ob diese Angaben auch stimmen. Bevor die eigentlichen Tester mit der Bewertung anfangen, hat die App also bereits die sogenannten Codex Kriterien erfüllt. In der Selbstauskunft des Herstellers wird unter anderem nach dem Geschäftsmodell gefragt, den Kosten, der Zielgruppe, dem Datenschutz oder auch, ob die App bereits in Studien geprüft wurde.

Im zweiten Schritt überprüft das ZTG technische und datenschutzrechtliche Aspekte. Danach testen Patienten und Ärzte die App vier Wochen lang. Wenn sie damit fertig sind, müssen sie einen zehnseitigen Online-Fragebogen zur Bedienungsfreundlichkeit und Funktionalität ausfüllen. Dort gibt der Tester etwa seine eigene App-Kompetenz ein, ob er Anfänger oder Profi ist, es wird nach der Verständlichkeit der App gefragt oder ob die App motivierend und gebrauchstauglich ist.

Hersteller dürfen nachbessern

Am Ende können die Tester auch noch Verbesserungs- oder Ergänzungsvorschläge zu einem Produkt loswerden. Patientenvertreterin Droßel: "Wir sind der Meinung, dass Betroffene einen besseren Bezug zu den Apps haben und besser die Nutzer- und Anwenderfreundlichkeit beurteilen können." Negative Bewertungen werden nicht ausgesprochen; entspricht eine App den Kriterien von DiaDigital nicht, bekommen die Hersteller ein Feedback und können die App entsprechend nachbessern.

Zertifizierte Apps werden mit einem Fazit der Tester, der Selbstauskunft der Hersteller und der technischen Überprüfung des ZTG online gestellt. Die Vorbereitungsphase wurde im Mai 2017 beendet, seitdem wurden bereits fünf Apps mit dem Prüfsiegel ausgezeichnet.

Derzeit gebe es einen Pool mit 130 Testern. "Die Bewertung einer App erfolgt meist sehr intuitiv. Deshalb entwickeln wir die Kriterien weiter und bauen damit auch eine eigene Kompetenz auf", sagt Dr. Matthias Kaltheuner, der in einer BAG mit Diabetologie-Schwerpunkt in Leverkusen arbeitet. Als nächstes sollen auch Messgeräte getestet werden, die mit einer App kombiniert werden. "Dafür brauchen wir natürlich weitere Tester, die ein solches Glucose-Messgerät bereits nutzen", so Kaltheuner.

Link zum Portal: www.diadigital.de

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