Ärzte Zeitung, 13.12.2011

PKV sieht Tarifwechsel nicht gerne

PKV-Versicherte haben das Recht, beim selben Unternehmen einen anderen Tarif zu wählen. Jedoch ist das Procedere oft langwierig.

Von Ilse Schlingensiepen

PKV sieht Tarifwechsel nicht gerne

Prämienerhöhungen stehen bei der PKV ins Haus: Ein Tarifvergleich kann sich jetzt lohnen.

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KÖLN. Viele Ärzte haben in den vergangenen Tagen unangenehme Post von ihrem privaten Krankenversicherer (PKV) bekommen: die Ankündigung, dass zum 1. Januar die nächste Prämienerhöhung ins Haus steht.

Wenn sie nicht mehr bereit sind, die geforderten Prämien zu zahlen, sollten sich Ärzte darüber informieren, welche vergleichbaren Tarife ihr Anbieter in seinem Angebot hat.

Sie müssen sich aber darauf gefasst machen, dass der Versicherer versucht, ihnen Steine in den Weg zu legen.

Paragraf 204 des Versicherungsvertragsgesetzes sichert privat Krankenversicherten das Recht zu, beim selben Unternehmen in einen Tarif mit gleichartigem Versicherungsschutz zu wechseln.

Risikozuschlag für Zusatzleistungen

Fassen die Kunden ein Angebot ins Auge, das mehr Leistungen als das bisherige enthält, kann der Versicherer auf einer erneuten Gesundheitsprüfung bestehen und für die Zusatzleistungen gegebenenfalls einen Risikozuschlag verlangen. Diesen Zuschlag kann der Versicherte durch Vereinbarung eines Leistungsausschlusses verhindern.

Mediziner, die in einem speziellen Ärztetarif versichert sind, können nach Angaben des Finanzdienstleisters MLP auch in andere Tarife wechseln - vorausgesetzt der Leistungsumfang ist in etwa vergleichbar.

Bei den PKV-Anbietern ist der Tarifwechsel nicht sonderlich beliebt. Schließlich ist er meistens mit einer Senkung des Prämienniveaus verbunden. "Eines unserer Mitglieder ist von seinem Versicherer fast ein Jahr lang hingehalten worden", berichtet Hajo Köster, Justiziar bei der Verbraucherorganisation Bund der Versicherten (BdV).

Vier bis fünf Monate kann ein Wechsel dauern

Nicht immer dauere es ganz so lange, aber vier bis fünf Monate sind die Regel. Das hat System, vermutet Köster: Auf diese Weise versuchen die Unternehmen, die Versicherten von einem Wechsel abzubringen.

"Verbraucher, die den Tarif wechseln wollen, müssen sich auf ein langes Procedere einstellen und beharrlich sein." Immer wieder berichten Kunden, dass die Versicherer auf ihre Schreiben nicht reagieren und Vertreter nicht zurückrufen. Nehmen die Unternehmen den Wechselwunsch zur Kenntnis, tun sie das häufig, indem sie auf die damit angeblich verbundenen Nachteile hinweisen.

Köster fordert deshalb eine gesetzliche Regelung, dass die Versicherer Kunden von sich aus über das Wechselrecht informieren sollen - und gleich passende Alternativen vorschlagen. Bei Versicherten, die älter als 60 Jahre alt sind, ist die PKV schon heute dazu verpflichtet. Bei allen anderen reicht der Hinweis auf das Tarifwechselrecht, auch wenn er im Kleingedruckten verschwindet.

Nach Einschätzung des PKV-Verbands hat die Branche mit dem Wechselrecht kein Problem. "Die Rechtslage ist eindeutig. Unsere Unternehmen halten sich an die gesetzlichen Vorgaben", sagt ein Sprecher.

Dagegen spricht neben der Erfahrung vieler Versicherter auch die Tatsache, dass es inzwischen Unternehmen gibt, deren einziger Geschäftszweck es ist, PKV-Versicherten beim Tarifwechsel zu helfen.

Tarifwechsel durch Unternehmen

Anbieter wie Beitragsoptimierung24.de oder Widge.de suchen für Interessierte günstige Alternativtarife. Bei einem erfolgreichen Wechsel geben die Kunden einen Teil der so erzielten Ersparnis an die Unternehmen weiter.

Bei Widge.de sind das acht eingesparte Monatsbeiträge. "Das Geld wird nur bei Erfolg fällig. Wir treten mit unserer Dienstleistung komplett in Vorleistung", sagt Gründer Ozan Sözeri. Widge.de habe eine umfangreiche Datenbank mit den unterschiedlichen Tarifen aufgebaut.

Das Unternehmen bietet seit Anfang 2010 Hilfe beim Tarifwechsel an. "Das Interesse ist explodiert", sagt Sözeri. Registrierte der Anbieter zunächst zehn Wechselanfragen pro Monat, sind es heute mehrere Dutzend pro Tag. Bislang hat Widge.de nach eigenen Angaben mehr als 2000 Wechsel erfolgreich durchgesetzt. "Die durchschnittliche Ersparnis beträgt 250 bis 300 Euro pro Monat", berichtet er.

Köster vom BdV hält die Entgelte, die viele der Tarifwechsel-Unternehmen verlangen, für zu hoch. Die Beteiligung der Anbieter an den erzielten Ersparnissen könnte falsche Anreize setzen, warnt er. "Der Tarif mit der größten Ersparnis muss nicht der beste für den Kunden sein", sagt er.

Der BdV will seinen Kunden künftig selbst die Unterstützung beim Tarifwechsel als Dienstleistung anbieten. Das werde zu einem Festhonorar und zu "weitaus günstigeren Bedingungen" als bei den kommerziellen Anbietern erfolgen, kündigt Köster an.

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