Ärzte Zeitung, 23.07.2015

Big Data in der Medizin

Ein Geschäftsmodell mit unbekannten Risiken

Kann man gesundes Verhalten messen? Und dann zur Grundlage für Prämienkalkulationen machen? Die Gedankenspiele von Privatversicherern sind noch längst nicht ausgegoren.

Von Ilse Schlingensiepen

Ein Geschäftsmodell mit unbekannten Risiken

Big brother is watching you - gilt das bald auch für Gesundheitsdaten?

© Maksim Kabakou / fotolia.com

KÖLN. Als der Versicherungskonzern Generali im November 2014 seine Kooperation mit dem südafrikanischen Finanzdienstleister Vitality ankündigte, war die Aufregung hierzulande groß.

Die Kombination von Datensammlung und besonderen Versicherungsangeboten für Gesundheitsbewusste machte hellhörig.

Vor allem Aktive und Gesunde - die sogenannten guten Risiken für Versicherer - werden schließlich bereit sein, für einen Prämienvorteil Informationen über ihr Verhalten preiszugeben.

Die Ersparnis für die einen bedeutet zumindest auf lange Sicht höhere Preise für die anderen, nämlich die Kranken und Alten. Gerade in der Krankenversicherung darf es nicht zu einer solchen Zweiteilung kommen.

Die deutsche Generali wird nicht müde zu betonen, dass überhaupt noch nicht feststeht, wo und wie das neue Konzept zum Einsatz kommen soll. Ziel sei es, mit Vitality ein für die Kunden attraktives Konzept zu entwickeln, das Versicherungsschutz mit einer gesunden Lebensweise verbindet, erläutert der ehemalige Generali-Vorstand Christoph Schmallenbach, der inzwischen Chef der Tochtergesellschaft Aachen Münchener ist.

Das sei nicht nur ein Thema für die Krankenversicherung, sondern unter Umständen auch für die Lebens- oder die Unfallversicherung. Im Moment forsche eine Projektgruppe in alle Richtungen, sagt er.

Ob am Ende ein Bonussystem, ein neuer Tarif oder eine andere Variante steht, lasse sich jetzt noch nicht sagen. "Es ist durchaus möglich, dass wir in unterschiedlichen Sparten zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen."

Die häufig geäußerte Angst, Generali bekomme über Vitality Zugang zu viel mehr Daten, als es den Kunden bewusst und auf Dauer lieb sei, hält Schmallenbach für unbegründet. Die Produktentwickler hätten schließlich enge Vorgaben zum Datenschutz.

Welche Parameter haben Prognosewert?

Die Konkurrenz beobachtet den Vorstoß des Versicherers genau, um für den eigenen Weg in der Digitalisierung und der Datenauswertung zu lernen. Dabei sehen führende private Krankenversicherer die Nutzung von Fitnessdaten und weiteren Gesundheitsinformationen für die Tarifgestaltung noch skeptisch.

"Natürlich schauen wir uns solche Themen wie Fitness-Armbänder an", sagt Clemens Muth, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenversicherung (DKV).

Die gesendeten Daten wären aber nur dann sinnvoll, wenn sich die Wirkung der gemessenen körperlichen Aktivität auf die künftigen Gesundheitsausgaben des Versicherten erkennen ließe.

"Ich muss wissen, ob bestimmte Formen des Lebenswandels dafür geeignet sind, einen günstigeren Schadenverlauf zu erwarten. Das ist beim Thema Fitness-Armband noch in keiner Weise erwiesen."

Das sieht auch Birgit König so, die Chefin der Allianz Private Krankenversicherung. "Studien zeigen, dass gerade einmal zwei bis zweieinhalb Prozent der Gesundheitsausgaben auf mangelnde Bewegung zurückzuführen sind."

Sie verweist auf eine weitere Schwierigkeit: Rabatte für gesundheitsgerechtes Verhalten müssen risiko- und altersgerecht kalkuliert werden.

Doch es muss nicht bei der Zurückhaltung der PKV-Unternehmen bleiben. Wenn die zunehmende Digitalisierung den Versicherern die Chance bietet, ihr Geschäftsmodell zu optimieren, werden sie kaum "Nein" sagen.

Der Landesdatenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins Thilo Weichert beobachtet genau, was sich in diesem Bereich tut. Auch wenn es im Moment keinen Markt für datenbasierte Selektivangebote in der Krankenversicherung gebe, könne sich das sehr schnell ändern, sagt er.

Handlungsdruck bei gesetzlichen Kassen

Wenn Bewegung in die Sache kommt, dann ohnehin eher auf Seiten der gesetzlichen Krankenkassen als auf der der privaten Krankenversicherer, erwartet Weichert.

"Die Kassen haben viel mehr Möglichkeiten der Datenauswertung und -zusammenführung und in der Regel die schlechteren Risiken." Deshalb sei bei ihnen der Handlungsdruck größer. "Hier sehen wir starke Alarmzeichen."

Grundsätzlich werden auch die Versicherungsmathematiker der privaten Anbieter nach seiner Einschätzung immer wieder neue Methoden ausprobieren, um ihre Risikobelastung zu minimieren. "Wir werden auf die Entwicklung ein wachsames Auge haben." Das ist auch gut so.

Das Sammeln von Daten an sich ist weder gut noch böse. Entscheidend ist, was daraus gemacht wird. Führt die Auswertung großer Datenmengen zu zielgerichteten Service- oder Therapieangeboten für Versicherte und Patienten, kann wohl kaum jemand etwas dagegen haben. Wenn das Instrument zur Selektion führt, dann ist höchste Vorsicht angesagt.

[23.07.2015, 08:28:10]
Carsten Windt 
Wo ist der Unterschied zu Gentests?
prädiktive Gentests dürfen von Versicherern weder verlangt noch das Ergebnis zur Risikoprüfung herangezogen werden.
Diese ganzen APPs sind an dieser Stelle noch infamer. Beim Ergebnis eines Gentests besteht ein ziemlich genau zu erwartendes Risiko. Bei den "Fitness-Apps" samt entsprechenden Armband findet eine umfassende Kontrolle und die Behauptung einer möglichen Prognose im Raum.

prädiktive Gentests sind für Versicherer ein TABU . Jeder soll das Recht auf nicht Wissen haben und nicht etwa für einen Vertrag zu entsprechenden Tests gezwungen werden.
Wird bei den Fittness Apps kein Riegel vorgeschoben, könnten Versicherer auf die Idee kommen, das für einen Vertrag der Kunde gezwungen wäre entsprechende Apps zu nutzen und eine umfassende Kontrolle seines Lebens durch dritte zuzulassen
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