Ärzte Zeitung, 06.12.2010

Bei psychischen Störungen immer organische Ursachen ausschließen!

Psychoorganische Syndrome

Bei psychischen Störungen immer organische Ursachen ausschließen!

Bei psychischen Störungen immer organische Ursachen ausschließen!

Das EEG liefert bei Epilepsie oder Delirium wichtige Hinweise zur Diagnose.

© Epilepsiezentrum Bethel

Organische Ursachen akuter psychischer Syndrome stellen die wichtigste Differenzialdiagnose bei psychiatrischen Akutaufnahmen, im Konsiliardienst und ambulanten Notdienst dar. Gerade mit der wachsenden Zahl älterer Patienten treten Delirien sehr häufig auf.

Trotz ihrer ungünstigen Prognose bleiben sie oft unerkannt und die Betroffenen unbehandelt. Darauf weisen Dr. Christine Thomas und Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel hin.

Mögliche organische Ursachen müssen daher differenzialdiagnostisch fundiert durch Anamnese, körperlichen Befund, Labor und Bildgebung ausgeschlossen werden, berichten die Ärzte in dem CME-Beitrag "Diagnostik und Behandlung akuter psychoorganischer Syndrome".

Bei psychischen Störungen immer organische Ursachen ausschließen!

Typische EEG-Befunde beim Delir. Oben: frontal intermittierende rhythmische d-Aktivität. Unten: allgemeine Verlangsamung im Sinne einer mittelschweren Allgemeinveränderung, okzipitales Fehlen des physiologischen a-Grundrhythmus.

© Dr. Christine Thomas

Erstmanifestationen wie auch psychische Begleitsymptome stellen dabei oft eine differenzialdiagnostische Herausforderung dar, auch in der nicht immer sicher möglichen Abgrenzung von reaktiven psychischen Störungen. Bestätigt sich eine organische Ursache, ist die Therapie primär ursachenorientiert und erst in einem zweiten Schritt symptomatisch mit antipsychotischer, antidepressiver oder sedierender Medikation.

Besonderes Augenmerk gilt einer iatrogenen Entstehung von Delirien sowie deren Prävention, um die medizinische Qualität gerade für Ältere zu verbessern.

Die möglichen organischen Ursachen akuter psychischer Syndrome sind vielfältig: Dazu zählen etwa Autoimmunerkrankungen wie SLE oder Morbus Behcet, Erreger wie Herpes simplex, Lues, HIV, Borrelien, aber auch Tumoren und Epilepsien. Hinzu kommen Stoffwechselstörungen, Elektrolytverschiebungen, hormonelle Über- oder Unterfunktion - vor allem der Schilddrüse, sowie zerebrovaskuläre und neurodegenerative Erkrankungen.

Besonders häufig bei älteren Menschen ist das Delir. Es ist oft mit einer erheblichen Funktionseinbuße, Morbidität und auch Einjahresmortalität verbunden. Gerade der bei älteren Menschen häufig nicht mehr kompensierbare Funktionsverlust bedingt erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität, Pflegeheimeinweisung und rasche Demenzprogression.

Häufig unerkannt und teilweise iatrogen verursacht, stellt das Delir damit auch eine bedeutende Kostenquelle im Gesundheitswesen dar. Für die USA wurden Kosten von knapp sieben Milliarden Dollar pro Jahr errechnet.

Als direkte Auslöser des Delirs nachgewiesen sind Infektionen, Schmerzen, Exsikkose, Elektrolytentgleisungen, Operationen, akute zerebrale Ereignisse, sedierende und andere zentral wirksame Medikamente oder deren Entzug, aber auch Malnutrition und Beschränkung des Bewegungsradius. Gerade bei älteren Patienten kommen oft mehrere dieser Faktoren zusammen. So kann eine zusätzliche banale Infektion das Delir schließlich auslösen.

Schwer zuzuordnen sind Angst, Depression und Verhaltensstörungen als Folge epileptischer Anfälle. Die psychischen Symptome können den Anfällen als Aura vorausgehen, aber auch während, nach und zwischen den Anfällen auftreten. Zumindest bei generalisierten Anfällen ohne motorische Symptome ist hier das EEG wegweisend, bei komplex-fokalen Anfällen kann eine Video-EEG- und invasive EEG-Diagnostik notwendig werden. (mut)

Nur für Ärzte: Zu dem Modul "Diagnostik und Behandlung akuter psychoorganischer Syndrome"

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