Mittwoch, 23. Mai 2012
Kongress, 06.05.2010

Bettenabbau an allen Ecken und Enden

Bettenabbau an allen Ecken und Enden

Die beim Hauptstadtkongress vorgestellte sechste Ausgabe des Krankenhaus-Rating-Reports zeigt: Den kleinen kommunalen Kliniken steht das Wasser derzeit bis zum Hals. Immer mehr brechen ihnen die Zuschüsse der öffentlichen Hand weg.

Von Anno Fricke

Bettenabbau an allen Ecken und Enden

Teamarbeit im Operationssaal: Viele deutsche Kliniken stecken derzeit in großen Finanznöten. © astoria / fotolia.com

Alle deutschen Krankenhäuser bauen Personal und Betten ab. Dennoch kommen in Zukunft die kommunalen Krankenhäuser wegen der schrumpfenden öffentlichen Einnahmen nicht auf einen grünen Zweig. Vor allem kleinen Häusern droht das Aus. Das ist ein Ergebnis der sechsten Ausgabe des Krankenhaus Rating Reports des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), des Institute for Healthcare Business und der Admed GmbH. Gemessen wird dabei die durchschnittliche Insolvenzwahrscheinlichkeit von Krankenhäusern.

Kliniken, die auch in Zukunft erfolgreich sein wollten, müssen mehr und qualifiziertes Personal einstellen, vor allem Ärzte", sagte Dr. Boris Augurzky am Mittwoch beim Hauptstadtkongress in Berlin. Die Alterung der Gesellschaft und der technische Fortschritt würden bis zum Jahr 2020 für sechs Prozent mehr Fälle in den Kliniken sorgen als heute.

Noch gibt es 2087 Krankenhäuser in Deutschland, die insgesamt rund 503 000 Betten anbieten. Das seien zehn Prozent weniger als noch vor zehn Jahren, sagte Augurzky.

Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser ist dem Report zu Folge nur bedingt zufriedenstellend. Nur 66,2 Prozent der Kliniken sind laut dem RWI-Rating im grünen Bereich. Das heißt, dass sie nicht akut von Insolvenz bedroht sind. Dieses Bild ist aus Daten einer Erhebung von 700 Jahresabschlüssen von kommunalen, privaten und gemeinnützigen Klinikunternehmen mit insgesamt 1000 Häusern gezeichnet.

Eine positive Nachricht hatte Boris Augurzky dennoch parat: Der Investitionsstau in den Krankenhäusern liege derzeit bei 13 Milliarden Euro, nicht wie von verschiedenen interessierten Standpunkten aus geschätzten 50 Milliarden Euro.

Aufgrund der Milliarden aus dem Krankenhausreformgesetz und den Konjunkturpaketen der vergangenen Jahre schneiden die Krankenhäuser aus der Sicht der Ökonomen im Augenblick ganz gut ab. Im Schnitt erzielten sie im vergangenen Jahr Überschüsse vor Steuern und Abschreibungen von 7,5 Prozent des Gesamtumsatzes von etwa 64 Milliarden Euro. Ohne Fördermittel liegt diese Zahl nach den RWI-Berechnungen nur bei 3,9 Prozent.

Auffällig sei, so Augurzky, dass die Personalkosten von vormals 65 Prozent auf 60 Prozent gesunken seien. Das sei trotz der massiven Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst geschehen.

Wegen der angespannten Lage der öffentlichen Haushalte richteten die Essener Wissenschaftler ihr Augenmerk in dieser Ausgabe des Reports auf die kommunalen Kliniken. Deren Defizit könnte sich in den kommenden Jahren auf rund 440 Millionen Euro verdoppeln. Wie in den Jahren zuvor sind sie stärker von Insolvenz bedroht als ihre Konkurrenten.

Als unwirtschaftlich gelten vor allem kleine, öffentlich-rechtlich betriebene Häuser auf dem Land in Westdeutschland, die zudem bei Patientenbefragungen schlecht abschneiden.

In Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Hessen und Bayern lägen die Ausfallwahrscheinlichkeiten am höchsten, sagte der Ko-Autor der Studie, Sebastian Krolop. Die ostdeutschen Häuser stehen deshalb besser da, weil sie nur 1,59 Prozent ihres Umsatzes in die Altersvorsorge ihres Personals stecken müssten, im Gegensatz zu den 4,22 Prozent des Umsatzes westdeutscher Kliniken.

Im Report steckt ein weiteres für die Zukunft bedeutsames Detail: Bayern und die neuen Länder haben demnach in etwa die gleiche Bevölkerungsdichte. Im weißblauen Freistaat gibt es aber 300 Krankenhäuser je zehn Millionen Einwohner, in den neuen Ländern jedoch nur 200. Augurzky lädt dazu ein, Versorgungsstrategien von dünn besiedelten Flächenstaaten wie Schweden oder Australien abzukupfern. "Die gelten nicht als unterversorgt", sagte er.

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