Ärzte Zeitung, 15.06.2007

Antikörper erhält Sehkraft bei Makula-Abbau

Ranibizumab stoppt feuchte Makuladegeneration bei 95 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres

NÜRNBERG (eim/ars). Für Patienten mit altersbedingter feuchter Makuladegeneration (AMD) gibt es ein neues Medikament, das die Sehkraft erhält oder sogar erhöht. Nach drei Injektionen in monatlichen Abständen wird die Therapie erst dann fortgesetzt, wenn sich der Visus wieder verschlechtert.

Seit Anfang 2007 ist der Wirkstoff Ranibizumab (Lucentis®) in Deutschland zugelassen. Die Therapie beginnt mit einer Aufsättigungsphase, wie Dr. Manuel Ober aus Fürth berichtet hat. 0,5 mg des Medikaments werden in den Glaskörper appliziert, und zwar monatlich für jeweils drei Monate.

Darauf folgt eine Phase, in der die Sehschärfe der Patienten monatlich kontrolliert wird. Wenn sie sich um mehr als fünf Buchstaben auf der ETDRS-Tafel verschlechtert, erfolgt erneut eine Injektion. Dabei sollten die Intervalle zwischen den Applikationen mindestens einen Monat betragen, so Ober auf einem Ophthalmologie-Kongress in Nürnberg.

Dass Ranibizumab sicher und wirksam ist, hat sich zum Beispiel bei der Phase-III-Studie MARINA* herausgestellt. 716 Patienten mit feuchter AMD bekamen monatlich 0,3 mg oder 0,5 mg des Wirkstoffs gespritzt oder Scheininjektionen. Bei etwa 95 Prozent der Patienten, die den Wirkstoff erhielten, war die Sehkraft nach 12 Monaten entweder erhalten geblieben, oder sie hatte sich gebessert, und zwar unabhängig von der Dosis.

Speziell eine Visusbesserung war bei einem Viertel der Patienten aus der 0,3 mg-Gruppe und einem Drittel der Patienten aus der 0,5 mg-Gruppe aufgetreten, aber nur bei knapp fünf Prozent in der Kontrollgruppe. Eine Visusverbesserung ist definiert als Gewinn von wenigstens 15 Buchstaben auf der ETDRS-Tafel.

Der Preis für eine Ampulle Lucentis® liegt bei 1600 Euro. Derzeit wird diskutiert, ob die gesetzlichen Krankenkassen die Therapie mit Ranibizumab bezahlen. Jeder Patient müsse das Medikament bekommen, betonte Dr. Armin Scharrer aus Fürth. Es entstehen Verträge, doch im Moment sei noch nicht klar, welche Kasse die Kosten übernehme, so der Kongresspräsident.

Eine wichtige Ursache der feuchten AMD ist offenbar ein erhöhter Spiegel des vaskulären endothelialen Wachstumsfaktors A (VEGF-A). Dieses Überangebot bewirkt Neubildung, Entzündung und Undichtigkeit der Gefäße. Ranibizumab ist das Fragment eines Antikörpers gegen VEGF-A. Es bindet den Wachstumsfaktor und macht ihn damit unwirksam.

Die feuchte Form AMD ist zwar mit etwa 20 zu 80 Prozent seltener als die trockene Form, aber sie schreitet schneller voran. Dabei wachsen winzige Blutgefäße unter die Makula. Weil sie undicht sind, treten Blut und Flüssigkeit aus. Das schädigt das Netzhautgewebe, es hebt sich ab und vernarbt. Die Folge ist ein Sehverlust im zentralen Gesichtsfeld.

Bevor es die Hemmstoffe gegen Wachstumsfaktoren gab, dienten zur Behandlung Photodynamische Therapie, Kortison-Injektionen ins Auge oder Operation. Diese Verfahren haben allerdings den Verfall der Sehkraft nur verzögert und nicht gestoppt.

*MARINA: Minimal classic/occult trial of the Anti-VEGF antibody Ranibizumab In the treatment of Neovascular AMD

STICHWORT

ETDRS-Test

ETDRS steht für Early Treatment of Diabetic Retinopathy Study. Darin wurde in den 80er Jahren eine Therapie der Sehschwäche mit Photokoagulation und Aspirin bei diabetischer Retinopathie untersucht. Zu diesem Zweck erarbeiteten die Autoren eigens einen Sehtest, um die Ungenauigkeiten der bisherigen Verfahren (etwa Snellen-Test) auszuschalten. So wählten sie zum Beispiel eine einheitliche Zahl von Buchstaben pro Reihe, nämlich fünf. Oder gleiche logarithmische Abstände zwischen den Zeichen und zwischen den Reihen. Seitdem werden diese Tafeln weltweit als Standardverfahren zur Bestimmung der Sehschärfe genutzt. (ars)

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