Ärzte Zeitung, 08.07.2005

"Überall war Rauch, und die Menschen weinten"

Nichts ging mehr: Nach den Attentaten wurde das gesamte Londoner U-Bahn-Netz stillgelegt. Tausende von Pendlern warteten wie hier an der Victoria Station. Fotos: dpa

Terroranschläge in London / Alle Krankenhäuser wurden in Alarmbereitschaft versetzt / Nicht lebensnotwendige Operationen abgesagt

LONDON (ag/ast). Chaos in London, Panik und Entsetzen, schreiende Menschen, blutende Verletzte, Gesichter, schwarz von Rauch: Gestern ist die britische Hauptstadt von einer Serie von Attentaten erschüttert worden. Während der Hauptverkehrszeit am Morgen ereigneten sich mehrere Explosionen in U-Bahnen und Bussen, die offenbar präzise koordiniert waren und zu der sich die Terrorgruppe Al-Kaida bekannt hat. Es gab Tote und viele Verletzte. Innenminister Charles Clake sprach von "furchtbaren Verletzungen".

Tuch vor dem Gesicht wegen des Rauchs: Helfer führen eine verletzte Frau aus der U-Bahn.

Über die Explosion eines Doppeldecker-Busses, der von einem Selbstmord-Attentäter in die Luft gesprengt wurde, wie es in ersten Meldungen hieß, berichtete ein Augenzeuge in BBC online: "Der Bus wurde aufgerissen wie eine Sardinenbüchse, überall lagen Menschen herum."

Ein anderer Passagier: "Als ich durch die Busstation ging, lagen überall Menschen auf dem Boden, schwarz vom Rauch."

Eine BBC-Reporterin fuhr gerade in der U-Bahn, als die Explosion geschah: "Alles war normal. Plötzlich gab es einem massiven Krach, ein Ruck ging durch den Zug. Dann war sofort überall Rauch, und es wurde heiß. Alle waren in Panik. Menschen begannen zu schreien und zu weinen."

Die Krankenhäuser wurden sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzt und unter das Kommando des Gesundheitsministeriums gestellt.

Ein Sprecher des Guys Hospital sagte zur "Ärzte Zeitung" in London: "Die meisten nicht wirklich lebensnotwendigen Operationen haben wir selbstverständlich sofort abgesagt, um freie Kapazitäten für verletzte Terror-Opfer zu haben."

An diesen U-Bahnhöfen in der Londoner Innenstadt ereigneten sich gestern kurz hintereinander die Attentate.

Ärzte und Pflegepersonal, die gerade nicht arbeiten, wurden von den Krankenhäusern angerufen und gebeten, zur Arbeit zu kommen.

Hilfe kam schnell: Sanitäter und Feuerwehr gestern am U-Bahnhof Edgeware Road.

Aber Dutzende von Ärzten und Pflegern sind schon von sich aus sofort zum Dienst erschienen, nachdem sie von den Attentaten gehört hatten, berichtete ein Sprecher des St. Thomas Hospital.

Der Rettungsdienst London Ambulance Brigade hatte gestern morgen sofort einen Krisenstab eingesetzt, um die Rettungsarbeiten zu koordinieren.

Auch die Armee wurde involviert: Die Rettungswagen des Heers wurden sofort ebenfalls in Bereitschaft gehalten.

Überall in der Welt wurde gestern der Opfer der Anschläge in London gedacht. Das Europaparlament in Straßburg etwa legte eine Schweigeminute ein.

Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoé brachte es auf den Punkt: "Jetzt sind wir alle Londoner."

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Jüngste Terroranschläge:

1. September 2004: In Beslan überfallen 32 Bewaffnete eine Schule und nehmen mehr als 1300 Geiseln. Bei der Befreiungsaktion sterben 330 Geiseln.

11. März 2004: In vier Nahverkehrszügen in Madrid explodieren zehn Bomben. Islamisten bekennen sich zu der Tat, bei der 191 Menschen sterben.

20. November 2003: In Istanbul explodieren Bomben vor britischen Einrichtungen. Bilanz: mindestens 33 Tote. Fünf Tage zuvor starben bei Anschlägen vor zwei Synagogen mindestens 24 Menschen.

12. Oktober 2002: Bei Bombenanschlägen auf Discotheken der Ferieninsel Bali in Indonesien sterben 202 Menschen, auch sechs Deutsche.

11. April 2002: Bei einem Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge auf der Insel Djerba reißt ein Selbstmordattentäter 21 Menschen in den Tod, darunter 14 Deutsche.

11. September 2001: Islamisten entführen vier US-Passagierflugzeuge. Zwei explodieren in den Türmen des World Trade Centers, eines im Pentagon in Washington, ein weiteres stürzt in Pennsylvania ab. 3000 Menschen sterben. (ag)

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