Ärzte Zeitung, 24.10.2006

Anästhesisten: Schlanke Diagnostik vor Op reicht!

Junge, sonst gesunde Patienten brauchen weder Labor noch EKG / Uniklinik Heidelberg bietet Abrechnung über die Klinikverwaltung an

HEIDELBERG. Labor, EKG und Röntgen-Thorax prästationär für jeden Patienten - das war einmal. Mit Erstaunen vernahmen Kollegen beim 4. Tag der Allgemeinmedizin in Heidelberg, daß viel weniger prästationäre Diagnostik nötig ist, als viele von ihnen bisher geglaubt haben. "Für Patienten, die jünger als 40 Jahre alt sind und keine schwerwiegenden Vorerkrankungen haben, benötigen Anästhesisten keine Zusatzuntersuchungen", sagte Dr. Peter Teschendorf von der Uniklinik Heidelberg bei dem Workshop "Prästationäre Diagnostik - was ist sinnvoll?".

Ein präoperatives EKG ist nach Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin bei allen über 60 erforderlich; bei unter 40jährigen nur selten. Foto: Klaro

Von Marion Lisson

Dr. Peter Teschendorf aus Heidelberg. Foto: mm

Die Diskussion beim Workshop begann denkbar schlecht. "Um es gleich zu sagen: Mir geht es hier nur um die rechtliche Frage. Für welche stationären Leistungen sind wir zuständig - für welche nicht! Ich will eine klare Definition!", kam ein Hausarzt gleich zur Sache, bevor der Referent überhaupt loslegen konnte. "Wir können nicht alles tun, was Ihr wollt! Wir niedergelassenen Ärzte arbeiten schließlich unter Budget", gab sich sein Nachbar ebenfalls kämpferisch.

Teschendorf blieb gelassen, lächelte - und das aus gutem Grund. Die Uniklinik biete jedem niedergelassenen Arzt an, der Verwaltung die erforderlichen und erbrachten prästationären Leistungen direkt in Rechnung zu stellen, sagte er vorab. Bezahlt werde außerhalb des Budgets und gemäß einfachem GOÄ-Satz. Das sind Nachrichten, die in Zeiten immer strikter werdender Budgetierung gut ankommen.

"Wir teilen das Operationsrisiko der Patienten in sechs Stadien ein", berichtete Teschendorf. Die Grundlage der Einteilung seien die Kriterien der American Society of Anesthesiology (ASA). ASA-Stadium I meine den normalen gesunden Menschen, ASA VI den hirntoten Patienten.

Über 60jährige brauchen Labor, EKG und Röntgen-Thorax

"Für Patienten, die jünger als 40 Jahre sind und in die Gruppen ASA I oder ASA II fallen, benötigen wir in der Regel weder Labor noch EKG noch ein Röntgen-Thorax", berichtete der Anästhesist. Für ASA I- und ASA II-Patienten über 40 Jahre würden meist Laborwerte benötigt, und für manche Patienten werde gegebenenfalls zusätzlich ein EKG angefordert. Von Patienten über 60 Jahre seien alle drei prästationären Leistungen vor der Op erwünscht.

Mit Hilfe der ASA-Stadien wird das Operationsrisiko geschätzt

ASA I: keine Allgemein-Erkrankung oder Störung des Allgemeinzustandes, gesunder Patient.

ASA II: leichte Allgemeinerkrankung ohne Leistungsminderung.

ASA III: schwere Allgemeinerkrankung mit Leistungsminderung.

ASA IV: lebensbedrohliche Allgemeinerkrankung.

ASA V: moribunder Patient, der ohne Operation 24 Stunden voraussichtlich nicht überleben wird.

ASA VI: hirntoter Patient, zur Organspende freigegeben.

Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG
Die ASA-Stadien wurden von der American Society of Anesthesiology (ASA) vorgeschlagen. Damit wird das Op-Risiko nach Vorerkrankungen und dem Allgemeinzustand beurteilt.

"Können Sie uns das schriftlich geben. Das ist ja unglaublich wenig. Das hätte ich nie gedacht? Wer sagt das denn? Das ist aber schon sehr gewagt", feuerten vier Kollegen gleichzeitig ihre Fragen an den Referenten ab.

Teschendorf stand Rede und Antwort: Dieses Vorgehen entspreche den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. "Natürlich hat das Ganze auch etwas mit Kostenersparnis zu tun, der auch wir uns nicht verschließen können", so der Heidelberger Mediziner. Früher habe in der Tat fast jeder Patient routinemäßig teure Untersuchungen prästationär erhalten. Doch Studien hätten hier keine Vorteile für die Patienten ergeben. Die durch aufwendige Diagnostik gewonnenen Zusatzinformationen hätten keinen Einfluß auf die Arbeit der Anästhesisten vor, während und nach der Operation.

Grundsätzlich seien natürlich Art und Schweregrad des geplanten operativen Eingriffs sowie die Anamnese ausschlaggebend für alle weiteren Untersuchungen. Stelle sich im Vorgespräch mit einem Patienten heraus, daß er zum Beispiel Symptome einer Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, daß er ein Kettenraucher oder Diabetiker ist, seien zwangsläufig weitere prästationäre Untersuchungen angezeigt.

Umfangreiche Untersuchungen sind bei Risikopatienten nötig

Dann seien Zusatzuntersuchungen wie Lungenfunktionstest, Belastungs-EKG oder Echokardiographie bei Bedarf anzuraten, so Teschendorf.

"Wir sehen die Patienten in der Klinik meist zwei Wochen vor dem Op-Termin. Dann entscheidet ein Anästhesist, welche Zusatzuntersuchungen bereits prästationär vom behandelnden niedergelassenen Arzt vorgenommen werden sollten", so Teschendorf. Der Patient erhalte dazu ein Formular, auf dem die entsprechenden Leistungen für die Vertragsärzte angekreuzt sind.

"Früher wurden die Patienten drei bis fünf Tage vor der Operation aufgenommen, heute kommen sie am Vorabend oder sogar erst am Morgen des Op-Tages", so Teschendorf. Daher sei es auch Absicht der Uniklinik, die niedergelassenen Kollegen soweit wie möglich einzubinden.

Betablocker, Kalziumantagonisten, Nitrate und Antiarrhythmika sollten auf jeden Fall von den Patienten auch am Morgen des Op-Tages weiter eingenommen werden. ACE-Hemmer, Diuretika und AT1-Antagonisten können bis zum Vorabend der Op genommen werden. Teschendorf appellierte außerdem an die Kollegen: "Bitte raten Sie Ihren Patienten, ihre Sprays für die Bronchodilatation mit in die Klinik zu nehmen". So könnten unnötige Unterbrechungen der Therapie vermieden werden.

Bei Diabetes-Patienten riet Teschendorf, Metformin zwei Tage vor der Op abzusetzen. Sulfonylharnstoffe könnten dagegen bis zum Vorabend eingenommen werden. Bei Insulinpflichtigen Patienten könne das Therapieschema bis zur Op beibehalten werden.

"Ja, das war ein Vortrag mit ganz erstaunlichen Informationen", zog ein Allgemeinmediziner beim Rausgehen seine persönliche Bilanz. Er wartet nun darauf, sämtliche Aussagen noch einmal schwarz auf weiß lesen zu können.

Teschendorfs Vortrag kann per E-Mail angefordert werden unter: peter.teschendorf@med.uni-heidelberg.de

FAZIT

Die prästationäre Anästhesiesprechstunde findet meist zwei Wochen vor dem Op-Termin statt. Dabei werden die Patienten einem der sechs ASA-Risikostadien zugeordnet. Der Anästhesist entscheidet zudem, welche Untersuchungen prästationär vom Hausarzt gemacht werden sollten. Für unter 40jährige Patienten der Risikogruppen ASA I oder ASA II werden meist weder Labor, noch EKG noch ein Röntgen-Thorax benötigt. Für ASA-I- und ASA-II-Patienten über 40 Jahre genügen in der Regel Laborwerte, und für manche Patienten wird zusätzlich ein EKG angefordert. Von Patienten über 60 Jahre sind alle drei prästationären Leistungen vor der Op nötig. (eb)

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