Ärzte Zeitung, 12.06.2007

HINTERGRUND

In Deutschland fehlen Daten zur Krebshäufigkeit bei Organspendern

Von Nicola Siegmund-Schultze

Wie häufig werden in Deutschland Tumoren durch Organtransplantation übertragen? Wie sollten Ärzte damit umgehen, wenn sich während des Spendeprozesses oder erst nach der Implantation von Organen herausstellt, dass der Spender einen Tumor hatte? Darüber wurde vor kurzem bei der Jahrestagung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Berlin heftig diskutiert. Die DSO ist mit der Deutschen Transplantationsgesellschaft und der Bundesärztekammer (BÄK) für die Qualitätssicherung verantwortlich.

Für die Abschätzung der Häufigkeit von Tumoren, die bei einer Organtransplantation übertragen wurden, kann man sich in Deutschland nur an Zahlen aus anderen Ländern orientieren: Im Israel Penn Transplant Tumor Registry (IPTTR) etwa, das in den USA seit 1968 geführt wird, lag die Tumorübertragungsrate um das Jahr 2000 bei 0,04 Prozent. 63 Prozent der Empfänger erkrankten am Tumor des Spenders. In einer retrospektiven Analyse der Daten von 626 Organspendern in Dänemark lag die Tumorübertragungsrate bei 1,3 Prozent und die Rate der Erkrankungen des Empfängers bei 0,2 Prozent.

Noch immer gibt es in Deutschland kein Register

"Wir brauchen dringend ein Register, in dem erfasst wird, wie häufig welche Tumoren mit Transplantaten übertragen werden und wie oft die Empfänger an Tumoren der Spender erkranken", sagte Professor Hanno Riess von der Charité Berlin.

Nach den Empfehlungen der Deutschen Transplantationsgesellschaft und den Richtlinien der BÄK sollte durch sorgfältige Anamnese, Untersuchung des Spenders und der Spenderorgane, Sonografie und gegebenenfalls auch Computertomografie die Tumor-Übertragung verhindert werden. Auch eine Autopsie des Spenders kann das Risiko minimieren.

Aber auch Pathologen liefern nicht immer rechtzeitig das richtige Ergebnis. Beispiel: Nierenzellkarzinom. Gibt es bei der Spende einen verdächtigen Befund, macht der Pathologe einen Schnellschnitt. "Bei Schnellschnitten aber kann es schwierig sein, ein Onkozytom von einem Nierenzell-Karzinom zu unterscheiden", sagte Privatdozent Dietmar Mauer, Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Mitte. Ein Onkozytom ist eine meist gutartige epitheliale Neoplasie.

Auch ein Nierenzellkarzinom, das gefäßnah am Nierenpol sitzt, wo die Ärzte aus transplantationstechnischen Gründen ungern die Fettschicht entfernen, wird leichter übersehen. Inzwischen hat man sich in der DSO-Region Mitte darauf geeinigt, bis auf den Bereich um den Nierenpol herum die Fettschicht unter Schonung der Nierenkapsel zu entfernen, um die Oberfläche des Organs gut beurteilen und bei jedem verdächtigen Befund eine Biopsie machen zu können.

Bei vier Spendern stellte sich heraus, dass sie Krebs hatten

Einheitlich sei das Vorgehen in Deutschland aber nicht. In den vergangenen zwölf Monaten seien vier Organe (Leber, Herz und zwei Nieren) von drei Spendern der Region Mitte transplantiert worden, bei denen sich im Nachhinein herausstellte, dass die Spender ein Nierenzellkarzinom hatten, berichtete Mauer. Eine Spenderniere wurde entfernt, die anderen Organe blieben, bislang ohne negative Auswirkungen für die Empfänger, berichtete Mauer.

In einer solchen Situation müssten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko des Empfängers ohne Transplantat abgewogen gegen das mit dem verpflanzten Organ, sowie das Risiko der Explantation und der Wartezeit, sagte Riess. Auch die Frage, ob der Empfänger eines Organs von einem Tumorpatienten wegen des Tumors behandelt werden kann, sei ein Kriterium. So habe man sich kürzlich an der Charité entschieden, eine Leber nicht wieder zu explantieren, als sieben Stunden nach Implantation ein zwei Zentimeter großes Nierenzellkarzinom beim Spender entdeckt wurde. Das Disseminierungsrisiko sei in diesem Fall gering.

Generell gilt: Tumorpatienten sollten keine Organe spenden. Ausnahmen können gemacht werden bei einem niedrigen Disseminierungsrisiko des Tumors, wobei es den Ärzten in den Transplantationszentren überlassen bleibt, ob sie solche Organe unter Abwägung von Nutzen und Risiken für ihre Patienten akzeptieren. Bei In-Situ-Karzinomen der Haut etwa gilt das Metastasierungsrisiko als gering, auch bei bestimmten ZNS-Tumoren wie Meningeom. "Aber es gibt Unsicherheiten, auch bei ZNS-Tumoren", sagt Professor Sven Jonas von der Charité. Bisher sei man davon ausgegangen, dass Glioblastome ein niedriges Risiko hätten, mit einem Organ übertragen zu werden. Inzwischen seien auch solche Tumoren in transplantierten Lebern entdeckt worden.

FAZIT

In Deutschland ist die Tumordiagnostik bei Organspendern noch immer nicht einheitlich. Verbesserungen etwa mit Hilfe der Sonografie und gegebenenfalls auch der Computertomografie könnten helfen, Unsicherheiten im Organspende-Prozess zu überwinden. Das gilt auch für die Klärung der Frage, wie mit implantierten Organen von Spendern umzugehen ist, deren Tumorerkrankung erst erkannt wurde, nachdem das Organ gespendet wurde. Genaue Daten kann nur ein Register liefern, das noch immer aussteht. (nsi)

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