Ärzte Zeitung, 11.10.2011

Heller Hautkrebs - die stark unterschätzte Gefahr

Er kommt viel häufiger vor als gedacht und wird immer noch unterschätzt: der helle Hautkrebs. Obwohl er bei den Männern den Prostatakrebs toppt und bei Frauen den Brustkrebs, wird er vor allem als kosmetisches Problem wahrgenommen. Dabei erkranken jedes Jahr allein in Deutschland 250.000 Menschen daran, so Experten. Das sind ein Drittel mehr als angenommen.

Von Anno Fricke

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Geschärfter Blick für die Haut. Fortbildung für Hausärzte in Theorie und Praxis unter Anleitung eines Dermatologen.

© Klaus Rose

BERLIN. Der helle Hautkrebs ist für die Bevölkerung der große Unbekannte. Er toppt in Deutschland den Prostatakrebs (26 Prozent aller Männer) und den weiblichen Brustkrebs (29 Prozent aller Frauen).

Dennoch nimmt die Öffentlichkeit die Erkrankung vor allem als kosmetisches Problem wahr - oder gar nicht.

Alarmierende Studienergebnisse

Dabei ist der helle Hautkrebs längst europaweit als Problem erkannt. Die Epiderm Initiative im Public Health-Programm neun europäischer Universitäten hat Auftreten und Ursachen dieser Krebsformen in den letzten drei Jahren untersucht.

Die jüngst vorgestellten ersten Ergebnisse der Studie alarmieren. Europaweit nimmt Hautkrebs um fünf bis sieben Prozent im Jahr zu, berichtete Professor Eggert Stockfleth von der Charité bei einem von dem dänischen Unternehmen LEO Pharma ausgerichteten parlamentarischen Abend.

30 Prozent häufiger als bisher angenommen

Der helle Hautkrebs komme in Europa 30 Prozent häufiger vor als bisher angenommen. In Deutschland würden jedes Jahr 250.000 neue Erkrankungen gezählt, sagte Stockfleth.

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Das sind neue Dimensionen. Im Mai hatte die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) noch die Zahl von 193.000 Neuerkrankungen im Jahr genannt, 22.000 davon Maligne Melanome. Derzeit befinden sich 900.000 Menschen wegen Hautkrebs in ärztlicher Behandlung.

Behandlungskosten betragen rund drei Milliarden Euro

Zahlen des Bundesverbands Deutscher Dermatologen zufolge summieren sich die Behandlungskosten auf rund drei Milliarden Euro. Folgekosten wie Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung erreichten zusätzlich 500 Millionen Euro im Jahr.

Die gute Nachricht, die Stockfleth überbrachte: "Wir erreichen die Melanome mit immer geringeren Eindringtiefen". Deshalb sinke die Mortalität, obwohl der schwarze Hautkrebs eine der bösartigsten Krebserkrankungen überhaupt sei.

Die Zunahme des hellen Hautkrebses hat auch eine politische Dimension. Stockfleth machte darauf aufmerksam, dass Basalzellkarzinome und Plattenepithelkarzinome Altersphänomene seien, die im Gesundheitswesen einer alternden Gesellschaft zwangläufig an Gewicht gewinnen.

Stockfleth: Screening dauerhaft etablieren

Stockfleth kündigte eine wissenschaftliche Evaluierung des seit 2008 in Deutschland eingeführten gesetzlichen Hautkrebsscreenings an. Diese sei notwendig, weil das Screeningprogramm auf fünf Jahre begrenzt sei.

Er plädierte dafür, das Screening dauerhaft zu etablieren. "Screening ist die Antwort auf die Zunahme des Hautkrebs", sagte Stockfleth. Von den rund 44 Millionen Anspruchsberechtigten hätten bereits mindestens 30 Prozent das Screening in Anspruch genommen.

Screening auch für hellen Hautkrebs

Das Screening sei nicht nur wegen des schwarzen Hautkrebses, sondern ausdrücklich auch wegen der Ausformungen des hellen Hautkrebses eingeführt worden, sagte Professor Eckhard Breitbart aus Buxtehude, einer der Initiatoren des Screenings.

Das habe kein Land auf der Welt. Die sich mit dem Screening entwickelnde flächendeckende Krebsregistrierung sei ein Riesenfortschritt.

Daraus gehe hervor, dass die 35.000 Haus- und die 3000 Hautärzte, die screenen, bis 2008 rund 180.000 Menschen mit hellem und 28.000 mit schwarzem Hautkrebs entdeckt hätten.

Hautkrebs häufiger in Dänemark als in Griechenland

Von den neun an der Studie beteiligten Ländern sind ausgerechnet die skandinavischen Länder stärker von Hautkrebs betroffen. In Dänemark tritt Hautkrebs häufiger auf als in Griechenland.

Für den Geschäftsführer der LEO Pharma Deutschland, Dr. Franz Peter Kesseler, ist dies ein starker Anknüpfungspunkt dafür, dass sich das Unternehmen seit einigen Jahren in der Hautkrebsforschung engagiert, vor allem bei der Erforschung der Aktinischen Keratose, einer Frühform des hellen Hautkrebses.

Als Stiftung reinvestiere Leopharma seine Erlöse zu 100 Prozent in die Forschung und Entwicklung. Schwerpunkt sei außer der Dermatologie die Thromboseforschung.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Haut-Screening: Prüfung bestanden

[14.10.2011, 09:43:13]
Cord Wilhelms 
KFZ-TÜV und Hautkrebsscreening sind so unterschiedlich wie Äpfel und Birnen
KFZ-TÜV und Hautkrebsscreening sind so unterschiedlich wie Äpfel und Birnen. Da die Anzahl der möglichen Fehler beim Auto erheblich höher sind, wäre ein Laie dafür nicht so leicht anzulernen.
Allerdings stellt sich die Frage warum die Aufgabe des Hautkrebs-screenings nicht längst von Computerkameras und entsprechenden Programmen übernomen wurde. Das wäre bestimmt noch genauer und sicherer. Kann das an der Monopolstellung der Fachärzte liegen?  zum Beitrag »
[12.10.2011, 19:52:53]
Dr. Michael D. Lütgemeier 
ERSCHRECKEND !
Wenn man solche Kommentare liest wie den von Herrn Wilhelms ist man geneigt zu sagen: OK, DANN MACHT ES DOCH SELBST. Nehmt auch selbst den TÜV für Euren Wagen ab. Es ist erschreckend zu sehen wie Laien die Tiefe dessen, was ärztlich geleitete apparative Untersuchungen in Zusammenhang mit Erfahrung leisten können, unterschätzen. Das ist der Grund weshalb es Gesetze gibt, die den Einzelnen gewisse Verantwortlichkeiten aus-der-Hand nehmen. Quod licet Iovi, non licet bovi!. Aber es ist kein Grund alle gesetzlich Versicherten (quasi)zu entmündigen, ihnen alle Risiken zwangs-abzunehmen und in fraglich sinnvolle Programme zu involvieren. Am Ende wird noch mit Geld geködert. Es ist beschämend zu sehen daß manche krankenKassen ihren Versicherten MEHR GELD geben bei Inanspruchnahme des Haut-Screenings als sie dem Arzt für die ganze Untersuchung anbieten. Und das nennt sich dann GKV- Solidargemeinschaft.
Zu dem Bild des Artikels: Dies ist nur noch peinlich, nicht mal ein Schutzkittel wird getragen. Vermutlich (Glossenmodus ein:) untersucht gerade die angelernte Gemeindeschwester den Patienten, hinter ihr steht der bärtige Lupenverkäufer in Schwarz- gestreift, und die Ärztin im Hintergrund beobachtet die Szenerie und rechnet dann die Gebührenziffer und das Honorar ab (Glossenmodus aus:).
Eines ist klar - da können Kommentatoren wie Herr Wilhelms sich auf den Kopf stellen und gegen-die-Wand meckern: Das Wissen und Können haben die dafür zuständigen Ärzte. Wer nicht will, der hat schon und trägt -ob bewußt oder unreflektiert- das Risiko allein.  zum Beitrag »
[12.10.2011, 13:54:43]
Dr. Andrea Gräfe 
Es geht ums Geld ?
Sehr geehrter Herr Wilhelms,

um das oft nötige Bauchgefühl zu entwickeln für Frühmelanome brauchen sie ein verdammt gutes Videoauflichtmikroskop, ausreichend bezahlte Zeit für die Untersuchung und vor allem JAHRELANGE Erfahrung. Ich kann Ihnen eine Latte von Beispielen zeigen, die bei einem kürzlichen Vortrag meinerseits die Gesichtszüge der seit 2008 erfahrenen anwesenden Allgemeinmediziner mehr als entgleisen ließen, und bei denen auch ich nach mehr als 16 Jahren dermatologischer Tätigkeit immer noch dazu gelernt habe. Aber wenn Sie sich nach einer Woche Kurs bei einer angelernten Putzfrau wohl fühlen, und die dafür auch noch haftet - machen Sie mal ! Wo nehmen Sie eigentlich Ihre Arroganz her ?

Es geht nicht um Geld abgreifen, es geht um die erforderliche Untersuchungsqualität, um eine Früherkennung behaupten zu können. Die kann es nicht mit blossem Auge geben und bei durchschnittlichen reinen Betriebskosten von ca. 120 Euro pro Stunde schon gar nicht für 21 Euro. Da geht es dem Fachmann nicht anders wie dem Laien.

Was allerdings gerade zuhauf passiert, ist die "Untersuchung" des halbnackten Schuppenflechtepatienten in der Bestrahlungskabine oder Rückenschmerzpatienten vor Akupunktur, um mal eben noch in 30 Sekunden die 21 Euro zusätzlich zur lächerlichen RLV-Kohle abgreifen zu können - oft sogar ohne Wissen der Patienten. Und da unterscheiden sich die teilnehmenden Fachgruppen in keiner Weise. Auch für Hausärzte geht es nur um die zusätzliche Kohle, und nicht darum, daß sie plötzlich heiss auf fachgruppenfremde Zusatztätigkeiten wären oder gar Zeit dafür über hätten. Starre Intervalle von 2 Jahren sind bei 40% der Patienten überdimensioniert und bei anderen 40% völlig unterdimensioniert.

Es resultiert eine immense Verschwendung von Versichertengeldern völlig unabhängig vom Fachgruppengerangel.
 zum Beitrag »
[12.10.2011, 11:30:17]
Cord Wilhelms 
Eingearbeite Laie würden das Hautkrebsscreening genau so gut durchführen wie die Fachwerkstatt
Wenn durchschnittlich intelligente Menschen 1 Woche lang täglich 8 Stunden die verschiedensten Hautkrebsarten in einer Schulung präsentiert bekämen, würden sie genau so gute Ergebnisse im Screening erreichen wie die sogenannten Fachärzte oder Hausärzte. Ich denke das die Diskussion man soll nur in eine Fachwerkstatt gehen leider zeigt, dass es den Fachkollegen und Fachwerkstätten nur um eine Monopolstellung und ums Geld geht.
Meiner Meinung nach sollte man in jedem Kreis eine Hautkrebsscreening-stelle aufbauen mit geschulten und kontrollierten Mitarbeitern und dies auch so für andere Indikationen tun, ansonsten erreicht man nicht die nötige Qualität und Sicherheit. zum Beitrag »
[11.10.2011, 21:34:05]
Dr. Andrea Gräfe 
Was ist denn das für eine Schulung ?
Soll das Bild Satire sein ?

Da wird erstens offensichtlich eine Hausärztin mit einem Auflichtmikroskop vertraut gemacht - welches in der Kassenvorsorge ja gar nicht vorgesehen ist.
Das könnte die ganze geplante wissenschaftliche Auswertung verfälschen, wenn der eine so und der andere so untersucht. Schließlich hat die Auflichtmikroskopie eine bis zu 30fach höhere Trefferquote als der reine "klinische Blick", vor allem, wenn dieser noch nicht einmal von einem erfahreren Auge ausgeht.

Die Dame hält das Auflichtmikroskop zudem völlig schief auf den Patienten und schaut aus mindestens 30 cm Abstand hinein - so kann man beim besten kollegialen Willen nur eines erkennen: Nichts !

Und dann noch die väterliche Dermatologenhand von hinten - soll diese den Patienten stützen, damit der angesichts dieser geballten Kompetenz nicht vor Schreck hinten über fällt ?

Das einzige Realistische angesichts dieser Szene ist das völlig konsternierte Gesicht der Schwester im Hintergrund.

Kein Wunder, daß immer mehr Patienten eine vernünftige private Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs mittels Auflichtmikroskop oder besser Videoauflichtmikroskop beim nicht teilnehmenden Dermatologen machen lassen.

28000 entdeckte Melanome in Jahren bei 38000 Ärzten - das macht pro Arzt 0,25 Melanome pro Jahr. Ich selbst screene aufgrund meiner ärztlichen Verantwortung für das Wohl meiner Patienten seit 2008 ausschließlich mit ausreichend Zeit privatärztlich und videoauflichtmikroskopisch - meine "Quote" liegt bei 50-60 in situ- und frühinvasiven Melanomen PRO JAHR. zum Beitrag »
[11.10.2011, 19:45:00]
Dr. Sebastian Eiermann 
Nun ist es evident: Hausärzte können nicht mit dem Dermatoskop umgehen
Denn das ist auf dem Foto, welches die Schulung für Allgemeinmediziner so loben möchte, auf trefflichste dokumentiert: auch oder trotz Anleitung kann auf die dargestellte Weise niemand eine Hautveränderung sehen, geschweige denn beurteilen.
Man gehe zum Schmied und nicht zum Schmidtchen. zum Beitrag »
[11.10.2011, 19:11:19]
Dr. Michael D. Lütgemeier 
GKV im Endstadium
Herzlichen Glückwunsch und alles Gute den Hausärzten die nach ihrem Schnell- Lehrgang die GKV revolutionieren. Jetzt noch schnell die Ausbilderhaftung eingeführt für die anleitenden Dermatologen und alles wird gut.
Für mich begehen die Dermatologen die sich hier in zweifelhaft-sinnvoller Weise engagieren nicht nur Verrat an ihrer Fachgruppe sondern sie machen sich wie die System-Verantwortlichen mitschuld an einem Qualitätsverlust ungeheuren Ausmaßes zu Lasten der Unversehrtheit der Bevölkerung. Kein Mensch würde auf die Idee kommen seinen Mercedes in die Skoda-Werkstatt zu bringen. Aber bei der Gesundheit ist ja in Deutschland alles anders. Wenn die Verantwortlichen nicht bald ihre 2D-Brillen absetzen werden sie für die Folgen geradestehen müssen. Merken Sie sich die Namen ! zum Beitrag »

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