Ärzte Zeitung, 29.11.2005

Impfstoffe gegen Zervix-Ca haben sich in Studien bewährt

Zulassung für einen Impfstoff gegen humane Papillomaviren soll in Kürze beantragt werden / Phase-III-Studie mit 25 000 Frauen

RUST (ars). Eine persistierende Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV) gilt als Ursache von Zervix-Karzinom, etwa 70 Prozent der Krebserkrankungen werden dabei durch die beiden Hochrisiko-Typen 16 und 18 verursacht. Zur Zeit werden Impfstoffe entwickelt, die nach Studienergebnissen zuverlässig vor Infektionen mit den beiden Virustypen schützen. Wissenschaftler erhoffen sich dadurch eine wirksame Prävention von Zervix-Ca.

Humane Papillomaviren (HPV) unter dem Elektronenmikroskop. 70 Prozent der Zervix-Karzinome werden durch die Typen 16 und 18 verursacht. Foto: Iftner

Für die Impfstoffe gegen HPV wird die Hülle der Papillomaviren synthetisch nachgebaut, allerdings ausschließlich mit dem Hauptstrukturprotein L1. 360 Kopien des Proteins bilden ein Pentamer, 72 Pentamere bilden das Kapsid, wie Dr. Maik Hauschild, Chefarzt der Frauenklinik Rheinfelden, berichtet hat.

Das andere Strukturprotein der Virushülle (L2) wird nicht benötigt. Die leeren Gehäuse, gentechnisch in Bakterien oder Hefen hergestellt, sind weder infektiös noch kanzerogen. induzieren nach intramuskulärer Injektion höhere Antikörpertiter als die natürliche Infektion, vermutlich weil die Antigene dem Immunsystem besser präsentiert werden.

Als Schutzwirkung ergaben sich 94 bis 100 Prozent

Wie Hauschild bei einem Symposium des Unternehmens Sanofi Pasteur MSD in Rust bei Freiburg berichtet hat, war zunächst in einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie ein Impfstoff gegen HPV 16 getestet worden (NEJM 347, 2002, 1645). Teilgenommen hatten 2400 Frauen im Alter von 16 bis 23 Jahren.

48 Monate lang wurde jedes halbe Jahr ein PCR-Test auf HPV und ein zytologischer Abstrich gemacht, bei Auffälligkeiten außerdem Tests auf HPV-Antikörper, Kolposkopien und Zervix-Biopsien. Dabei wurden in der Vakzine-Gruppe sieben HPV-Infektionen festgestellt, in der Placebogruppe 111. Daß die Impfstoffwirksamkeit lediglich 94 Prozent betrug, läßt sich nach Angaben von Hauschild damit erklären, daß auch HPV-positive Frauen in die Studie aufgenommen worden waren.

In einer zweiten Studie mit demselben Impf- und Untersuchungsschema erhielten 1100 Frauen einen Impfstoff gegen die HPV-Typen 16 und 18 ( (Lancet 364, 2004, 1757). Die Nachbeobachtungszeit betrug 18 bis 24 Monate. Im Unterschied zur ersten Studie nahmen aber nur Patientinnen teil, die zu Beginn HPV-negativ waren.

In der Verumgruppe betrug die Serokonversion (Anzeichen für die Bildung von spezifischen Antikörpern im Blut) 100 Prozent, ebenso die Wirksamkeit gegen persistierende Infektionen, die Titer erreichten 80- bis 100mal höhere Werte als in der Placebogruppe. Die Verträglichkeit war gut: Es traten nur die üblichen Allgemeinsymptome auf, und zwar in beiden Gruppen etwa gleich häufig.

Tetravalenter Impfstoff schützt auch vor Genitalwarzen

Eine Studie mit ähnlichem Ergebnis - fast 100prozentiger Schutz, gute Verträglichkeit - wurde mit einem tetravalenten Impfstoff (vorgesehener Handelsname ist Gardasil®) gemacht (Lancet Oncology-Online vom 7. April 2005). Teilnehmerinnen waren 552 Frauen, die über einen Zeitraum von drei Jahren medizinisch beobachtet wurden.

Der Impfstoff richtet sich gegen die Hochrisiko-Typen HPV 16 und 18. Außerdem schützt die Vakzine gegen die Niedrigrisiko-Typen HPV 6 und 11, die 90 Prozent der Genitalwarzen bei Frauen verursachen. Die kombinierte Inzidenz der vier Virentypen sank um 90 Prozent.

Daß der Impfstoff auch bei Jugendlichen wirksam ist, und zwar besonders gut, wurde in einer Arbeit nachgewiesen, die im April 2005 als Abstract in "Lancet Oncology" erschien. 510 Jungen und 506 Mädchen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren erhielten binnen sechs Monaten drei Impfungen mit dem tetravalenten Impfstoff. Die Serokonversionsraten für HPV 6,11,16 und 18 betrugen 100 Prozent.

Ebenso war die Verträglichkeit gut: Fieber innerhalb von 15 Tagen nach der Injektion trat zwar häufiger auf als bei den erwachsenen jungen Frauen, aber die Episoden dauerten meist nur kurz und blieben ohne schwerwiegende klinische Folgen. Bemerkenswert war, daß die Titer noch höher stiegen als bei den erwachsenen jungen Frauen. "Je früher man impft, um so stärker ist der Effekt", stellte Hauschild fest.

Mittlerweile haben sich diese Resultate weltweit in einer Phase-III-Studie mit 25 000 Frauen bestätigt. In wenigen Monaten soll die Zulassung für den tetravalenten Impfstoff bei der amerikanischen FDA und der europäischen EMEA beantragt werden.

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