Ärzte Zeitung, 16.01.2006

Windel-Test hilft bei Beurteilung von Inkontinenz

Menge des unfreiwilligen Harnverlustes wird objektiviert / Gymnastik, Medikament und Op sind effektive Therapien

BERLIN (sko). Mit dem Pad-Test (Vorlagentest) kann bei Frauen mit Belastungs-Inkontinenz die Menge des Harnverlusts objektiv und ohne großen Aufwand untersucht werden. Diese Beurteilung ist wichtig, weil manche Patientinnen eine falsche Wahrnehmung von Häufigkeit und Menge des unfreiwilligen Harnverlusts haben und möglicherweise gar nicht inkontinent sind.

Darauf hat Dr. Ayk-Peter Richter, niedergelassener Urologe aus Bonn, bei einer Fortbildungsveranstaltung der Bundesärztekammer in Berlin hingewiesen. Bei dem standardisierten Pad-Test wird der Harnverlust in Milliliter pro Stunde erfaßt.

Die Patienten werden gebeten, eine Vorlage, die zuvor trocken gewogen wird, einzulegen und sich danach für 60 Minuten zu bewegen, also spazieren zu gehen und Treppen zu steigen. Es folgen spezielle Übungen - etwa zehnmal aufstehen aus sitzender Haltung, heftig husten, bücken oder eine Minute auf der Stelle laufen. Anschließend wird die Vorlage gewogen.

Nach der aktuellen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie gibt es vier Schweregrade, was die Menge des Harnverlusts bei Belastungs-Inkontinenz betrifft (Grad 1: bis 2 ml Harnverlust, Grad 2: 2 bis 10 ml, Grad 3: 10 bis 50 ml, Grad 4: über 50 ml Harnverlust).

Vielen Patientinnen mit Belastungs-Inkontinenz kann durch konservative Maßnahmen wie Beckenbodentraining geholfen werden. Es sollte jedoch mindestens drei- bis viermal in der Woche stattfinden, empfehlen Spezialisten.

Mögliche Optionen sind auch ein Medikament und Operation

Seit September 2004 ist auch eine spezifische medikamentöse Behandlung bei Belastungs-Inkontinenz möglich: Der selektive Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (Yentreve®) bessert die Kontraktilität des quergestreiften Harnröhren-Schließmuskels und reduziert die Zahl der Episoden mit unwillkürlichem Harnverlust bei Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungs-Inkontinenz.

Wenn das alles nicht hilft, ist eine Operation der letzte Ausweg. Als operative Verfahren kommen etwa die Kolposuspension oder das minimal-invasive TVT (Tension-free Vaginal Tape)-Verfahren in Frage, bei dem ein Netzband aus Polypropylen spannungsfrei um die Harnröhre plaziert wird.

Bei Knaben ist oft ein Infekt Ursache der Inkontinenz

Bei der Fortbildungsveranstaltung in Berlin berichtete Richter auch über die Inkontinenz bei Männern, die nur in zwei Lebensphasen häufiger ist als bei Frauen: Bei Jungen zwischen fünf und vierzehn Jahren sowie bei über 80jährigen Männern.

Der Grund für die Inkontinenz bei Jungen ist häufig ein Harnwegsinfekt auf Grund einer Phimose. Seltener verursachen eine Hypospadie oder Harnröhrenklappen den unfreiwilligen Harnverlust als Folge der chronischen Harnretention. Bei alten Männern ist es die Vergrößerung der Prostata, die zu den Beschwerden führt.

Da aber die vergrößerte Drüse einen Großteil des Drucks aus der Blase abfängt, atrophiert der externe Harnröhrensphinkter immer mehr. Wird die Prostata entfernt, wirkt der Blasendruck direkt auf den Sphinkter, und die Männer werden inkontinent. Richter: "Sagen sie diesen Patienten, sie sollten Beckenbodengymnastik machen und Geduld haben. Das Gleichgewicht zwischen der starken Blasenmuskulatur und dem schwachen Schließmuskel muß sich erst wieder einstellen."

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