Ärzte Zeitung, 30.04.2009

Störfeuer von Impulsen gegen schwere Depressionen

Etwa ein Drittel aller depressiven Patienten profitiert nicht von einer medikamentösen Behandlung. Ihnen könnte die tiefe Hirnstimulation helfen.

Bei der tiefen Hirnstimulation (THS) werden Elektroden in Hirnregionen implantiert, die Impulse von einem Schrittmacher erhalten.

Foto: medtronic

Auch mit modernen Antidepressiva bessert sich die Stimmung nicht bei jedem Patienten. Nach Studiendaten spricht etwa ein Drittel der Depressiven nicht oder nicht ausreichend auf Medikamente an. Das macht etwa eine Studie mit knapp 3700 ambulant behandelten Patienten mit Depression aus dem Jahr 2006 deutlich. Trotz mehrerer Therapieversuche mit unterschiedlichen Medikamenten war ein Drittel der Patienten noch immer depressiv, so Professor Thomas E. Schläpfer vom Uniklinikum Bonn. Als Ultima Ratio bleibt dann oft nur noch die Elektrokrampftherapie. Doch auch diese hilft nicht jedem, oder zumindest nicht dauerhaft.

Inzwischen versuchen Ärzte solchen Patienten mit Stimulationsverfahren zu helfen, etwa der tiefen Hirnstimulation (THS). Dabei werden Elektroden in Hirnregionen implantiert, die Impulse von einem Schrittmacher erhalten. Bisher wurde diese Methode vor allem bei Parkinson-Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium sowie bei Dystonie-Patienten angewandt. In ersten Studien wird die Methode nun auch bei Patienten mit schweren therapierefraktären Depressionen geprüft.

So haben kürzlich gleich drei Arbeitsgruppen Studien dazu veröffentlicht. Sie unterschieden sich vor allem in der behandelten Region des Gehirns: Ein kanadisches Forscherteam implantiert die Elektroden im vorderen Cingulum, einer Region, die bei Depressiven überaktiv ist. Ein US-amerikanisches Team stimulierte den anterioren Schenkel der Capsula interna. "Unsere Gruppe schließlich konzentrierte sich auf den Nucleus accumbens", sagte Schläpfer in Berlin. Der Nucleus accumbens ist für das Belohnungssystem des Gehirns sehr wichtig.

Etwa die Hälfte der Patienten spricht auf die Therapie an.

Die Patientenzahlen in allen drei Untersuchungen waren zwar sehr klein - so auch in der deutschen Studie -, die Ergebnisse sind aber trotzdem ermutigend: "Von unseren zehn schwer kranken Patienten sprachen fünf auf die THS an", sagte Schläpfer. Der Wert auf der Hamilton-Depressionsskala sei um fast 20 Punkte gesunken. Und auch Angstzustände verringerten sich bei den Patienten deutlich. (sir / mut)

Zur THS sind mehrere Hirnregionen geeignet

Depression wird heute oft als Störung neuronaler Netzwerke oder Schaltkreise verstanden. Verschiedene Symptome werden dabei bestimmten Hirnregionen zugeordnet:

  • Frontalkortex und Hippocampus sind für kognitive Aspekte bedeutsam. Störungen führen etwa zu Gedächtnisproblemen oder Hoffnungslosigkeit.
  • Nucleus accumbens und Amygdala vermitteln aversive oder belohnende Reizantworten auf emotionale Stimuli. Fehlfunktionen führen zu Angst oder Verlust an Lebensfreude.
  • Der Hypothalamus reguliert neurovegetative Symptome. Störungen führen etwa zu Appetitlosigkeit oder Schafstörungen.
  • Die genannten Hirnregionen sind damit potenzielle Zielstrukturen für neue Therapieverfahren. (sir)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »