Ärzte Zeitung, 10.01.2008

Schnelligkeit steigert nach Unfällen die Überlebenschancen

Durchschnittlich dauert es 70 Minuten, bis ein Schwerverletzter in Spezialklinik kommt

HAMBURG (pie). Jährlich verunglücken in Deutschland mehr als 5000 Menschen tödlich. Zwar ist die Versorgung von Unfallopfern hierzulande so gut wie in kaum einem anderen Land. Doch nach Statistiken hätte jeder Zehnte, der an den Unfallfolgen gestorben ist, eine Überlebenschance gehabt. Noch zu oft ist die Einlieferung in die nächste Spezialklinik verzögert.

 Schnelligkeit steigert nach Unfällen die Überlebenschancen

Unfall mit Rettungswagen - hier sind Verzögerungen unvermeidlich.

Foto: dpa

Entscheidend ist der schnelle Transport Schwerverletzter in eine geeignete Spezialklinik. Jede Verzögerung verschlechtert die Überlebenswahrscheinlichkeit erheblich. Durchschnittlich dauert es 70 Minuten, bis ein Schwerverletzter im Krankenhaus ist und mehr als 96 Minuten bis zur CT-Diagnostik (Unfallchirurg 110, 2007, 334). Diese Durchschnittswerte bedeuten, dass gelegentlich auch Stunden vergehen können. Dabei ist der Faktor Zeit wichtig fürs Überleben der Patienten: 15 Minuten gelten schon als bedeutsam. Könnte die Rettungszeit um 50 Prozent verkürzt werden, stiege die Überlebensquote um 20 Prozent.

Es gibt viele Gründe für die Verzögerung. Von der Meldung des Unfalls bis zum Eintreffen des Notarztes vergehen etwa 17 Minuten. Schlechte Ortskenntnis und ungenaue Angaben der Alarmierenden tragen schon initial zu Verzögerungen bei.

In Deutschland wird vor dem Abtransport außerdem viel Wert gelegt auf die Stabilisierung der Vitalparameter nach dem Motto "stay and play". Denn besonders beim Transport im Rettungshubschrauber (RTH) gibt es keine Möglichkeit, für zusätzliche lebenserhaltende Maßnahmen anzuhalten.

In anderen Ländern, etwa den USA, wird das "load and go" bevorzugt mit umgehendem Transport des Verletzten in die nächstgelegene Klinik. Denn in diesen Ländern wird nicht davon ausgegangen, dass ein Arzt am Unfallort die Versorgung signifikant verbessern kann (Eur J Emerg Med 13, 2006, 335).

Es gibt auch große regionale Unterschiede bei der Erreichbarkeit von Kliniken. Flächenländer wie Mecklenburg-Vorpommern haben nur wenige gut ausgestattete Schwerpunktkliniken. Lange Transportwege etwa erschweren ein schnelles Erreichen des Schockraums. Folge ist eine dreifach höhere Sterblichkeit.

Keinen Einfluss auf die Prognose hat die Art des Transportmittels. Von der Alarmierung bis zur ersten Diagnostik im Schockraum ist die Zeit bei Transport mit RTH nur vier Minuten kürzer als mit Rettungswagen. Aus dieser Zahl geht jedoch nicht hervor, dass der RTH oftmals nachträglich angefordert wird und dass er deshalb länger vom Unfallzeitpunkt bis zum Eintreffen am Unfallort braucht.

Aber auch innerhalb der Kliniken kann noch wertvolle Zeit gespart werden. Der Weg vom Schockraum in die Diagnostik einschließlich CT und Ultraschall gilt als Engpass. Doch die Zeit bis zur Diagnose zu verkürzen ist wichtig. Denn je eher ein Patient versorgt werden kann, desto mehr sinken etwa Beatmungsdauer und Aufenthalt auf der Intensivstation.

Mehr als ein Drittel der Schwerverletzten stirbt am Unfallort. Im Krankenhaus sterben weitere 16 Prozent noch innerhalb der ersten 24 Stunden an der Schwere ihrer Verletzungen, meist Schädel-Hirn-Verletzungen. Dagegen konnte die Überlebenschance für Patienten mit Multiorganversagen erhöht werden. Langfristig können zwei Drittel der überlebenden Schwerverletzten voll rehabilitiert werden. 13 Prozent bleiben pflegebedürftig.

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