Ärzte Zeitung, 02.05.2007

HINTERGRUND

Gentechnik liefert verträgliche Tomaten für Allergiker

Von Susanne Donner

Wer an einer Nahrungsmittelallergie leidet, dem bleibt bisher noch nichts anderes übrig, als das unverträgliche Lebensmittel vom Speiseplan zu streichen. Ob Erdnüsse, Erdbeeren oder Kiwis - oft genügen schon Spuren, um Reizungen im Mund oder gar Atemnot hervorzurufen.

Gentechnisch veränderte Tomaten sind so leuchtend rot wie natürliche. Foto: ddp

Bei allgegenwärtigen Zutaten schränkt das die Wahl im Supermarkt drastisch ein. Die Abstinenz könnte bald passé sein, denn Wissenschaftler versuchen, Obst und Gemüse für Allergiker verträglicher zu machen. Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Yvonne Lorenz erhielt Anfang März den Max-Rubner-Preis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für eine allergenarme Tomatensorte.

"Die Technik könnte den eingeschränkten Speiseplan von Allergikern erweitern und deren Lebensqualität verbessern", lobt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Gemeint ist eine spezielle genetische Methode: die RNAi-Technik. Jenes Gen, das den Bauplan für den allergieauslösenden Stoff enthält, wird stillgelegt. Dazu schleusen die Forscher künstliche DNA-Stücke ein. Nachdem das Gen ausgeschaltet ist, erzeugt das "Knock-out-Gemüse" so gut wie kein Allergen mehr. "Die Pflanze sieht genauso aus wie eine herkömmliche Tomatenstaude", betont Lorenz.

Ein Transport-Protein für Lipide wurde ausgeschaltet

Lorenz verbannte so zusammen mit dem Gentechnologen Professor Uwe Sonnewald von der Universität Erlangen-Nürnberg das Allergie-auslösende Lipidtransferprotein aus den Tomaten. "Dieses Eiweiß ruft vor allem bei der Bevölkerung des Mittelmeerraums schwere Allergien hervor, bis hin zum anaphylaktischen Schock", erläutert Lorenz. Außerdem kommt die Substanz in vielen anderen Obst- und Gemüsesorten vor.

Getestet haben die Forscher die Tomaten auf der Haut spanischer Allergiker, die normalerweise die roten Früchte nicht vertragen. Bei drei von fünf Probanden war mit der gentechnisch entschärften Sorte keine Reaktion zu sehen. Bei den beiden übrigen rötete sich die Stelle nur schwach. Dass die Forscher nur einen Teilerfolg verbuchen können, erklärt Lorenz so: "In der Tomate stecken mehrere Allergene. Jeder Allergiker spricht auf unterschiedliche Stoffe an."

Nach Abschalten mancher Gene verkümmern die Pflanzen

Überdies stieß die Arbeitsgruppe auch an die Grenzen des Knock-out-Ansatzes. Als Sonnewald das Gen für einen anderen Allergie-auslösenden Stoff in der Tomate, das Profilin, ausschaltete, kümmerte die Pflanze vor sich hin. Sie wuchs langsam, trug weniger Blüten und kleinere Früchte. "Man kann nicht jedes Allergen aus Obst oder Gemüse entfernen. Manche Stoffe übernehmen lebenswichtige Funktionen in der Pflanze oder steuern wie das Profilin das Wachstum", sagte Lorenz.

"Es ist immer die entscheidende Frage, ob die Knock-out-Pflanzen lebensfähig sind", bestätigt Universitäts-Dozentin Karin Hoffmann-Sommergruber vom Zentrum für Physiologie und Pathophysiologie der Universität Wien. Sie hat in einem EU-Projekt Äpfel mit weniger Allergenen gezüchtet. In den Blättern der jungen Bäume lag der Allergengehalt um 90 Prozent niedriger als in der unveränderten Sorte. Ob die Äpfel den Allergikern tatsächlich bekommen, konnten die Forscher jedoch noch nicht überprüfen. Bis die Bäume erste Früchte abwerfen, vergehen noch Jahre. "Es ging nur darum, zu zeigen, dass die Pflänzchen lebensfähig sind. Das sind sie", sagt Hoffmann.

In dem EU-Projekt wurden auch je 150 potenzielle Konsumenten aus Österreich, Holland und Spanien befragt, ob sie den Knock-out-Apfel verzehren würden. Das Votum der Befragten fiel dabei deutlich gegen die gentechnisch veränderte Frucht aus: In Österreich wollte keiner den Apfel anrühren. In den Niederlanden entschieden sich nur fünf Prozent dafür. Immerhin zehn Prozent würden in Spanien hineinbeißen.

"Es gibt im Augenblick keine Bereitschaft, solches Obst oder Gemüse zu essen. Daher forschen wir in dieser Richtung jetzt nicht weiter, weil das haarscharf an dem vorbeigehen würde, was die Konsumenten wünschen", zieht Hoffmann schonungslos die Konsequenz. Sie hofft, dass der Dialog mit den Bürgern deren Einschätzung im Laufe der Jahre ändert. Mangels Akzeptanz soll weder die Tomate noch der Apfel kommerziell angeboten werden.

Anders sieht die Situation in den USA aus. Das Unternehmen Simplot sieht ein großes Potenzial in allergenarmen Sorten. Es hat ermittelt, dass drei Viertel der Allergiker die Lebensmittel essen würden, auch wenn sie gentechnisch verändert sind. (ddp)

Näheres zur Studie findet man unter www.dge.de, Suchwort Lorenz.

Das Deutsche Grüne Kreuz informiert über Nahrungsmittelallergien unter www.dgk.de/web/dgk_content/de/nahrungsmittelallergien.htm

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