Ärzte Zeitung, 12.05.2005

HINTERGRUND

Handystrahlen können zwar in vitro die DNA schädigen, aber offenbar keine Krebszellen erzeugen

Von Philipp Grätzel von Grätz

Eine Frau telefoniert in der Nähe eines Sendemastens. Noch ist unklar, ob Mobilfunkstrahlung Gesundheitsschäden verursacht. Foto: boe

Der Strahlung von Handys und Sendemasten werden von Kritikern die unterschiedlichsten Wirkungen auf die Gesundheit nachgesagt. Die Palette reicht von Kopfschmerzen über Tinnitus bis zu Schlafstörungen.

Etwa 20 bis 35 Prozent der Bevölkerung seien besorgt über mögliche Gesundheitsschäden durch Handystrahlung, hat Dr. Peter Wiedemann vom Forschungszentrum Jülich auf dem Deutschen Ärztekongreß in Berlin berichtet. Am schwersten wiegt dabei die häufig postulierte kanzerogene Wirkung der Strahlung.

Zweifel an hoher Krebsinzidenz in der Nähe von Sendemasten

So hat im vergangenen Jahr eine Untersuchung von vier Allgemeinärzten aus dem oberfränkischen Ort Naila große mediale Aufmerksamkeit gefunden. Die Ärzte hatten in einem Umkreis von 400 Metern um einen 1993 installierten GSM-Sendemast eine dreifach erhöhte Krebsinzidenz festgestellt.

Bei 1000 Einwohnern sind die absoluten Erkrankungszahlen natürlich klein, so daß unter anderen das Bundesamt für Strahlenschutz Zweifel an der Relevanz der Ergebnisse hat, ohne die Berichte allerdings genauer zu untersuchen. Größere epidemiologische Studien mit Handynutzern verliefen bisher ohne klare Hinweise auf eine Häufung von Krebserkrankungen.

Wird elektromagnetischen Strahlen eine kanzerogene Wirkung unterstellt, dann stellt sich die Frage, wie diese Wirkung erklärbar ist. Einen ähnlichen genotoxischen Effekt wie bei ionisierender Strahlung gebe es bei Handystrahlen nicht, weil deren Energiegehalt viel zu gering sei, wie Dr. Rudolf Fitzner vom Institut für Pathobiochemie und Klinische Chemie der Charité Berlin sagte.

Noch bis vor wenigen Jahren galten deswegen Schäden durch die im Mobilfunk verwendeten Radiofrequenzen auf DNA als Nonsens. Durch neue Forschungsergebnisse, zum Beispiel von Fitzners eigener Arbeitsgruppe, muß dieses Pauschalurteil mittlerweile etwas relativiert werden.

Fitzner hat die Wirkung von im Mobilfunk üblichen 1800 Megahertz-Wellen auf menschliche HL-60-Zellen untersucht. Es handelt sich dabei um humane Leukämiezellen, die den ersten molekularen Schritt der Kanzerogenese bereits vollzogen haben. Das Erbgut dieser Zellen ist vorgeschädigt, ohne daß es schon zur malignen Zellproliferation kommt.

Strangbrüche in der DNA nach 24 Stunden Dauerbestrahlung

Wurden diese Zellen von Fitzner über maximal 24 Stunden mit den Radiofrequenzen bestrahlt, so zeigten sich für die Wissenschaftler überraschend deutliche Hinweise auf genetische Schädigungen. "Wir fanden im Erbgut eine deutliche Fragmentierung der DNA mit Strangbrüchen sowie eine Ausbildung von Mikronuklei, die für einen zytotoxischen Effekt typisch sind", so Fitzner.

Solche Veränderungen sind die erste Stufen im Krebsentstehungs-Prozeß. Sie können aber durch Reparaturenzyme der Zellen auch wieder rückgängig gemacht werden, was in den von Fitzner untersuchten Zellkulturen offensichtlich geschah. Denn: Eine maligne Zellproliferation konnten die Wissenschaftler nicht nachweisen.

Die Versuche belegten demnach auch nicht, daß die Strahlung bei Menschen Krebs verursachen könne, sagte Fitzner. Auch waren die beobachteten DNA-Veränderungen keineswegs konstant, sondern abhängig von der Sendeleistung und von der davon abhängigen, spezifischen Absorptionsrate (SAR).

Der Wert gibt an, wie viel Strahlung eines Handys bei maximaler Sendeleistung vom Körper aufgenommen wird. Am ausgeprägtesten waren die DNA-Veränderungen für eine spezifische Absorptionsrate zwischen 1 und 2 Watt pro Kilogramm (W/kg). Nicht nachweisbar waren sie dagegen bei einer SAR von unter 1 W/kg und von über 3 W/kg. Die spezifischen Absorptionsraten neuer GSM-Handys liegen heute meist bei 1 W/kg oder darunter. In Deutschland gilt ein Grenzwert von 2 W/kg für Handys.

Fitzners Arbeitsgruppe hat auch eine mögliche Erklärung für die DNA-Schäden: Die Forscher konnten zeigen, daß es unter Bestrahlung mit Radiofrequenzen in den Zellen zu einer gesteigerten Synthese von Sauerstoffradikalen kommt. Auch das gelte nicht pauschal, sondern möglicherweise nur, wenn die richtige Wellenlänge und der richtige SAR-Wert zusammenkommen.

Sauerstoffradikale als Ursache von DNA-Schäden vermutet

Vor einer Überinterpretation dieser Ergebnisse warnte Fitzner aber eindringlich: "Die Ergebnisse an Leukämiezellen sind auf keinen Fall auf den Gesamtorganismus übertragbar".

Auch Dr. Richard Gminski, der im Auftrag des Forschungszentrums Jülich eine erste Neubewertung des Mobilfunkrisikos wagte, ist zurückhaltend: "Die Frage der genetischen Toxizität von Mobilfunkstrahlung ist jetzt wieder offen", so Gminski diplomatisch. Er verwies darauf, daß bisher bei der Mehrheit der Untersuchungen keine genotoxischen Effekte von Mobilfunkstrahlen gefunden wurden. Auch Fitzners Ergebnisse müßten zunächst reproduziert werden.

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