Ärzte Zeitung, 20.02.2007

HINTERGRUND

Gefahr durch Feinstaub ist belegt, aber die EU scheut harte Grenzwerte

Von Thomas Müller

KHK-Patienten kann man einen möglicherweise lebensrettenden Tipp geben: Umziehen. Zumindest wenn sie an dicht befahrenen Straßen oder in großen Städten mit häufigen Inversionswetterlagen leben. Denn in Gebieten mit besserer Luft könnte ihr Leben deutlich länger sein. Auch Kindern sollte man keinen konzentrierten Cocktail aus Feinstaub und Autoabgasen zumuten, denn das schadet den Lungen.

Allgemein wird sich an der Luftqualität in absehbarer Zeit wenig ändern. Die EU plant zwar neue Grenzwerte für Feinstaub, diese sollen aber erst ab 2015 verbindlich sein. Wahrscheinlich sind sie so hoch angesetzt, dass nur wenige Kommunen etwas unternehmen müssen. Im vergangenen Herbst hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die EU-Grenzwerte als viel zu hoch bezeichnet. Grund dafür sind Studien, wonach Feinstaub einer der gefährlichsten Luftschadstoffe ist:

  • Feinstaub verkürzt das Leben: In einer US-Studie wurden bei 23 000 Bürgern über 18 Jahre Daten erhoben. In den Bezirken mit der höchsten Feinstaubbelastung war die Sterberate um 34 Prozent höher als in den Bezirken mit der niedrigsten Belastung. Die Rate an tödlichen Herzinfarkten war in Bezirken mit der schmutzigsten Luft um etwa 80 Prozent erhöht (Epidemiology 16, 2005, 727).

Auf einem US-Kongress im vorigen Jahr wurde bekannt, dass Menschen mit Diabetes, Herzinsuffizienz, COPD oder Rheuma eine deutlich geringere Lebenserwartung haben, wenn sie viel Feinstaub einatmen. Steigt die Belastung mit Partikeln, die kleiner als 10 µm sind (PM10-Wert) im Jahresmittel um 10 µg/m3, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zwei Jahren zu sterben - egal aus welcher Ursache -, um knapp ein Drittel. In einigen Ballungszentren in Deutschland liegt der Jahresmittelwert über 35 µg/m3.

In einer deutschen Studie wurden 4800 Frauen zehn Jahre lang beobachtet. Frauen, die an stark befahrenen Straßen wohnten, starben früher als jene in ruhigeren Gebieten - und zwar vermehrt an kardiopulmonalen Ursachen. Bei Erhöhung des PM10-Jahresmittelwertes um 10 µg/m3 steigt die Zehnjahresmortalität um neun Prozent.

  • Mehr tödliche Herzinfarkte und Schlaganfälle ergab eine Studie bei mehr als 66 000 Frauen. Bei hoher Feinstaubbelastung traten solche Ereignisse zwei- bis dreimal häufiger auf (NEJM 356, 2007, 447).
  • Akute Beschwerden durch Feinstaub. An Tagen mit viel Feinstaub kommen bis zu 15 Prozent mehr Menschen aus kardiovaskulären oder pulmonalen Ursachen in die Klinik als an Tagen mit wenig. Das ergaben Daten von 11 Millionen US-Versicherten (JAMA 295, 2006, 1127).
  • Feinstaub schadet der Lunge von Kindern. Eine deutsche Studie bei knapp 2600 Kindern ergab eine deutliche Korrelation zwischen Feinstaubbelastung und Lungenfunktion. Bei hoher Belastung ist die totale Lungenkapazität der Kinder um zehn Prozent verringert. Und in einer prospektiven Studie über acht Jahre lag bei denjenigen der 3700 Kinder, die in der Nähe von Autobahnen aufwuchsen, die Einsekundenkapazität als Erwachsene ungefähr 80 ml unter dem Durchschnitt ("The Lancet" online).

Die WHO hat für den besonders lungengängigen PM2,5-Feinstaub einen Richtwert von 10 µg/m3 festgelegt, der im Jahresmittel nicht überschritten werden sollte. In den USA liegt er mit 15 µg/m3 deutlich höher. In der EU streiten die Gremien noch darum, ob er bei 20 oder 25 µg/m3 liegen wird. Für den etwas weniger schädlichen gröberen Feinstaub (PM10) wünscht sich die WHO einen Grenzwert von 20 µg/m3. Das EU-Parlament jedoch möchte ihn auf 33 µg/m3 senken, der EU-Ministerrat wiederum bei 40 µg/m3 belassen. Die Entscheidung soll in den nächsten Monaten fallen.

STICHWORT

Feinstaub

Definition: Als Feinstaub werden fein verteilte feste Partikel (particulated Matter, PM) in der Luft bezeichnet. Je nach Durchmesser unterscheidet man groben (über 10 µm), inhalierbaren (unter 10 µm), lungengängigen (unter 2,5 µm) oder ultrafeinen Staub (unter 0,1 µm). Feinstaub-Messwerte beziehen sich meist auf die Konzentration von inhalierbarem (PM10-Wert) und lungengängigem Feinstaub (PM2,5-Wert).

Quellen: Industrie und Heizungen produzieren etwa die Hälfte des Feinstaubs, die andere Hälfte geht auf den Straßenverkehr zurück. Etwa 50 Prozent davon entstehen durch Abgase, der Rest durch Abrieb von Reifen und Bremsen sowie durch Staubaufwirbelungen der Straße.

Grenzwerte: In deutschen Städten darf der PM10-Grenzwert von 50 µg / m3 an 35 Tagen im Jahr nicht überschritten werden. An viel befahrenen Straßen betragen die Werte gelegentlich mehr als 100 µg/m3 . Der Jahresmittelwert für PM10-Staub darf nicht über 40 µg / m3 liegen, nach der WHO nicht über 20 µg / m3. Studien zufolge sterben bereits bei einem Unterschied von 10 µg/m3 langfristig 40 Prozent mehr Menschen an Herzinfarkt und Schlaganfall. (mut).

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