Ärzte Zeitung, 21.07.2008

Pralle Fettzellen lassen neue Fettzellen sprießen

Adipozyten nehmen bei Dicken nicht nur an Größe zu, ab einem BMI von 30 vermehren sie sich auch noch

BAIERBRUNN (wst). Unter von Hungerperioden belasteten Umweltbedingungen ein überlebenswichtiges Energiespeicherorgan, wird Fettgewebe in modernen Zivilisationen leicht zum Risikoorgan. Im Missverhältnis zwischen Nahrungsüberfluss und Bewegungsmangel nehmen die Fettzellen an Größe und Zahl zu und sezernieren proinflammatorische, arteriosklerosefördernde Zytokine.

Hier sitzen schädliche Fettzellen - Bauchfett ist besonders gefährlich für die Gesundheit.

Foto: imago

Ausreichend mit Fettreserven versorgt, kann der Mensch bis zu 100 Tage oder sogar noch länger ohne Nahrung auskommen, hat Professor Hans Hauner von der Universität München erinnert. Was in unsicheren Versorgungszeiten evolutionär sicher ein Vorteil war, wurde in modernen Zeiten aber zum Nachteil.

Unter einem ständigen Nahrungsüberfluss verbunden mit immer weniger körperlicher Alltagsaktivität nehmen die Fettzellen zuerst an Größe zu, um sich dann ab einem Body Mass Index von 30 bis 35 kg/m2 auch noch zahlenmäßig zu vermehren, sagte Hauner auf einem Symposium der Stiftung "Rufzeichen Gesundheit!" in Baierbrunn.

Die dann trotz Hypertrophie überforderten Fettzellen senden jetzt Signale aus, wodurch neue Fettzellen aus Vorläuferzellen gebildet werden. Ein Zuviel an insbesondere viszeralen Fettdepots belastet den Organismus aber nicht nur durch Hyperlipidämie, Gewichts- oder mechanische Verdrängungseffekte. Vielmehr verursachen die zu großen und zu vielen Fettzellen durch ihre gesteigerte Freisetzung von proinflammatorischen Zytokinen wie TNF-alpha ein Ungleichgewicht zwischen pro- und antiinflammatorischen Proteinen.

Zusätzlich gefördert durch angelockte Makrophagen, kommt es zunächst zu auf das Fettgewebe beschränkten Entzündungsreaktionen, die aber im weiteren Verlauf systemisch generalisieren, so Hauner. Und es verdichten sich die Hinweise, dass diese fettinduzierten generalisierten Entzündungsreaktionen eine wichtige Bedeutung in der Pathogenese der meisten Adipositaskomplikationen wie Typ 2-Diabetes, Hypertonie, gestörte Fibrinolyse, Arteriosklerose und auch für Tumorerkrankungen haben.

Wird durch diätische Interventionen und mehr Bewegung bei Übergewichtigen eine Gewichtsreduktion erreicht, nimmt auch die Entzündungsaktivität des Fettgewebes wieder deutlich ab, was einen umfassenden präventiven Nutzen erwarten lässt.

STICHWORT

Fettabsaugen

Eine Reduktion des kardiometabolischen Risikos lässt sich durch Absaugen von subkutanem Fett kaum erzielen. Abgesehen vom fragwürdigen kosmetischen Nutzen, der sich bei unverändertem Lebensstil ohnehin spätestens nach drei bis sechs Monaten wieder verliert, hat das übliche Fettabsaugen folglich keinen Nutzen, ist Professor Hans Hauner von der Universität München überzeugt.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Absaugen von 10 kg Subkutanfett keinerlei Veränderungen am metabolischen Profil bewirkt. Dagegen führte in einer anderen Studie die operative Entfernung von bereits zwei Kilogramm viszeralem Fett zu einer signifikanten Verbesserung metabolischer Parameter. Allerdings, so Hauner, würde wohl keine Ethikkommission die Zustimmung zu einem solchen schwer wiegenden Eingriff geben, wenn der gleiche Nutzen üblicherweise risikoloser, umfassender und auch viel billiger durch eine praktikable aber konsequente Lebensstilmodifikation erreicht werden kann, sagte Hauner auf einer Veranstaltung in Baierbrunn. (wst)

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