Ärzte Zeitung online, 12.09.2013

Unterversorgung bei Asthma und Co.

Allergologen schlagen Alarm

Beim 8. Deutschen Allergiekongress in Bochum forderten Experten bessere Aufklärung über Risiken unbehandelter Allergien und Förderung der Asthmaprävention. Bei der Behandlung von Menschen mit allergischen Erkrankungen bestehen dramatische Versorgungslücken.

BOCHUM. Nur jeder 20. Asthmatiker und jeder 14. Heuschnupfen-Patient erhält eine ursächliche Therapie durch eine sogenannte Hyposensibilisierung.

Diese Daten, basierend auf einer im Dezember 2012 abgeschlossenen Studie von Prof. Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, standen im Mittelpunkt des 8. Deutschen Allergiekongresses.

In den vergangenen Jahren ist das Auftreten allergischer Erkrankungen besonders in den westlichen Industriestaaten gestiegen.

Das gilt für Heuschnupfen genauso wie für atopische Ekzeme (Neurodermitis) und für Asthma bronchiale, teilt die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie mit.

Zunahme von Asthma-Schweregrad

"Gerade beim Asthma bronchiale ist neben der Zunahme der Allergiehäufigkeit auch eine Zunahme des Schweregrades der Erkrankungen zu verzeichnen", werden die Kongresspräsidenten Professor Dr. Eckard Hamelmann, Direktor der Universitätskinderklinik Bochum und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI), und Professor Dr. Monika Raulf-Heimsoth, Leiterin des Kompetenz-Zentrums Allergologie - Immunologie des Institutes für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IPA) an der Ruhr-Universität Bochum in der Mitteilung zitiert.

Hamelmann: "Allergien sind zur Volkskrankheit geworden. Obwohl jeder fünfte Mensch im Laufe seines Lebens von einer allergischen Erkrankung betroffen ist, wird das Risiko einer Allergie vielfach bagatellisiert - sowohl von den Betroffenen oder ihren Angehörigen als auch von den behandelnden Medizinern."

Duisburg-Essener Versorgungsstudie

Diese Position wird durch die Ergebnisse der Duisburg-Essener Versorgungsstudie gestützt. Im Auftrag des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (AeDA) wertete Professor Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, die Daten von 40 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen hinsichtlich der Behandlung bei Allergien aus.

Untersucht wurden die Abrechnungsziffern, die bei den Themen Allergie und Asthma zur Abrechnung bei der Krankenkasse eingereicht wurden.

AeDA-Vizepräsident Professor Dr. Ludger Klimek, Wiesbaden: "Das Ergebnis bestätigt für uns eine dramatische Unterversorgung von Allergikern in Deutschland mit der einzig ursächlich wirksamen Therapie. Das gilt vor allem für die Allergie-Impfung, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO und den nationalen Leitlinien empfohlen wird, um eine Asthmaentwicklung zu verhindern."

Die Gründe für die Unterversorgung seien vielfältig, so Klimek. Zu nennen sei u.a. ein schlechtes Honorarsystem, die Furcht vor Arzneimittel-Regressen, die Zersplitterung der Allergologie auf verschiedene Facharztgruppen sowie die wegen der demografischen Entwicklung sinkende Zahl allergologisch behandelnder Ärzte.

Vor einer "dramatischen Unterversorgung" von Patienten mit allergischen Erkrankungen warnt auch die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI). DGAKI-Präsident Professor Dr. Harald Renz: "Es fehlt nach wie vor eine verbindliche Verankerung der Allergologie im Medizinstudium. Es bleibt heute dem lokalen und regionalen Zufall überlassen, ob ein Medizinstudent im Bereich der Allergologie ausgebildet wird oder nicht."

Darüber hinaus stellt die DGAKI aktuell einen bedenklichen Einbruch an qualifizierten Weiterbildungsaktivitäten im Bereich der Allergologie fest. Dies beruhe zum Teil auf einem Mangel an Rotationsstellen zur allergologischen Weiterbildung, zum anderen fehlen in der Spitzenmedizin allergologische Professuren in Deutschland.

25 Prozent aller Kinder haben Allergie

Das kann besonders für erkrankte Kinder gefährliche Folgen haben. Fast jeder zweite Jugendliche in Deutschland hat heute ein erhöhtes Risiko für eine spätere allergische Erkrankung. Bereits heute sind 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Allergie betroffen.

"Es ist ein Irrtum zu glauben, dass es sich bei allergischen Erkrankungen um lästige, aber eher harmlose Erkrankungen handelt. Allergien gegen Insektengift oder Nahrungsmittel können lebensbedrohlich sein", sagt Professor Dr. Carl-Peter Bauer, Vizepräsident der Gesellschaft für pädiatrische Allergologie (GPA).

Leider würden Kinder oft falsch oder untertherapiert, besonders in Notfallsituationen. Bereits im frühen Kindesalter müsse die Prävention beginnen, so Bauer: "Nach wie vor ist als erste Maßnahme das ausschließliche Stillen in den ersten vier Lebensmonaten zu nennen."

Für die Spitzenverbände der Allergologie signalisieren die Ergebnisse der Versorgungsstudie dringenden Handlungsbedarf, um das Versorgungsdefizit dauerhaft zu beenden.

Ein erstes Ergebnis ist die Gründung der ersten übergreifenden allergologischen Interessengemeinschaft unter der Bezeichnung "Aktionsforum Allergologie". Zusammengeschlossen darin sind wissenschaftliche Gesellschaften, Berufsverbände und Industriepartner. (eb)

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