Ärzte Zeitung, 02.03.2005

HINTERGRUND

"Wir wissen, warum Sie gerade Husten haben" - ein Forschernetz ist den Atemwegserregern auf der Spur

Von Wolfgang Geissel

Atemwegsinfekte sind mit großem Abstand die häufigsten Krankheiten. Schon in den 50er Jahren hat eine US-Studie ergeben, daß Menschen in unseren Breiten etwa zehnmal im Jahr krank werden; sechs Episoden entfallen dabei auf Atemwegsinfekte.

    Bei Kindern sind schwere Infekte der Atemwege meist durch Rhinoviren verursacht.
   

Daß sich daran in den vergangenen 50 Jahren kaum etwas verändert hat, liegt vor allem an der großen Zahl von Viren und Bakterien, die Atemwegsinfektionen hervorrufen. Allein bei den Rhinoviren gibt es über 100 verschiedene Typen. Erst 2001 wurde mit dem humanen Metapneumovirus ein neuer Atemwegs-erreger entdeckt, mit dem sich bei uns praktisch jeder Mensch in seiner Kindheit infiziert.

Und einige Atemwegserreger sind wahrscheinlich noch überhaupt nicht identifiziert. Durch welchen Erreger ein Mensch Husten, Schnupfen, Heiserkeit hat, bleibt deshalb meistens ungeklärt. Eine spezifische Prophylaxe oder Therapie ist deshalb kaum möglich.

Aktuelle Diagnostik mit Hilfe der Molekularbiologie

Kinderärzte aus Kiel, Mainz und Freiburg untersuchen deshalb jetzt seit einigen Jahren in Deutschland die Epidemiologie der häufigsten Atemwegserreger. Sie haben sich im Forschungsnetzwerk PID-ARI.net zusammengeschlossen (die Abkürzung steht für Pediatric Infectious Diseases Network on Acute Respiratory Tract Infections).

In den Universitäts-Kinderkliniken der drei Städte werden dabei alle Kinder untersucht, die wegen einer schweren unteren Atemwegsinfektion (unterhalb der Stimmritze) aufgenommen werden. Bei jedem der Kinder, die meist an Pneumonie, Bronchitis oder Bronchiolitis leiden, wird das Nasensekret mit einer neuentwickelten Polymerase-Kettenreaktion (PCR)-Methode auf 14 Viren und fünf Bakterien untersucht; das sind alle bekannten nicht-kolonisierenden Atemwegserreger.

Blind bleiben die Forscher allerdings bei den kolonisierenden Keimen wie Pneumokokken, H. influenzae oder Staph. aureus, die auch bei gesunden Menschen die Atemwege besiedeln. Da sie in fast jeder Probe zu finden sind, lassen sie sich leider nicht berücksichtigen, wie Professor Heinz-Josef Schmitt von dem Netzwerk aus Mainz zur "Ärzte Zeitung" gesagt hat.

6380 Proben von Kindern haben die Forscher seit 2002 analysiert und dabei 4 615 mal Viren oder Bakterien nachgewiesen. Das Ergebnis hat die Forscher verblüfft: Mit großem Abstand die häufigsten Erreger bei den schwerkranken Kindern waren Rhinoviren, die bisher eher als harmlos galten. Es folgen Respiratory Syncytial Viren (RSV), Influenza-A-Viren, Adenoviren sowie Enteroviren und danach die erst 2001 entdeckten humanen Metapneumoviren gefolgt von Parainfluenzaviren.

Durch die aktuellen Virusnachweise werden Ausbrüche mit bestimmten Erregern sofort registriert, und im Verlauf der Jahre prägen sich Muster von Erkrankungswellen heraus. So haben die Forscher inzwischen zeigen können, daß RSV-Ausbrüche in Deutschland seit 1999 einem Zweijahresrhythmus folgen. Nach einer späten Saison mit Beginn im Dezember/Januar folgt im nächsten Jahr eine frühe Saison, die schon im September/Oktober anfängt.

Für die RSV-Prophylaxe von Frühgeborenen und anderen Risikokindern mit dem monoklonalen Antikörper Palivizumab (Synagis®) - das Medikament wurde vor vier Jahren mit dem Galenus-Preis ausgezeichnet - hat dies bedeutsame Konsequenzen. Da die Kinder an RSV schwer erkranken und sterben können, wird ihnen jedes Jahr von November bis März der Schutz empfohlen, und zwar mit fünf monatlichen Injektionen - die immerhin 4000 Euro kosten.

Der Vergleich der RSV-Epidemiologie mit dem starren Prophylaxe-Schema hat jetzt ergeben, daß zwischen 1999 und 2003 jede vierte Injektion zum falschen Zeitpunkt kam. Die Überwachung von RSV ermöglicht es jetzt, den Antikörper sehr gezielt einzusetzen.

Die Kenntnis des Erregers bei einem Ausbruch akuter Atemwegsinfekte ermöglicht zudem einen angemessenen Einsatz von Antibiotika. So hat Schmitt nach eigenen Angaben in seiner Zeit an der Kinderklinik in Kiel ein Drittel an Antibiotika einsparen können, weil bei Epidemien mit viralen Erregern konsequent auf eine Antibiose verzichtet wurde. "Immer wenn in Deutschland Influenza- und RSV-Ausbrüche kommen, gehen die Antibiotika-Verordnungen in die Höhe", sagte Schmitt dazu. "Wenn wir genau wissen, was los ist, können wir häufig darauf verzichten."

Aber auch auf diagnostische Verfahren kann bei der Kenntnis eines Erregers oft verzichtet werden. "Wir hatten in Kiel zum Beispiel einen Mykoplasmen-Ausbruch, und einige Wochen später kamen Kinder, die dabei erkrankt waren, mit geschwollenen Gelenken in die Klinik", berichtete Schmitt. Das seien natürlich die von den Mykoplasmen verursachten reaktiven Arthritiden gewesen. "Wir gaben etwas Ibuprofen, und nach ein paar Wochen war alles vorbei."

Hoffnung auf neue Strategien und Impfstoffe

Schmitt und seine Kollegen hoffen, daß sich künftig Impfstoffe oder gezielte Strategien gegen einzelne Atemwegserreger entwickeln lassen. Weit fortgeschritten ist man zum Beispiel bei Influenza. So konnte bei Influenzawellen in Kiel belegt werden, daß die Rate der Klinikeinweisungen wegen Grippe-Komplikationen bei Kindern im Alter bis fünf Jahre mit etwa 40 pro 100 000 doppelt so hoch ist wie bei den über 60jährigen. Dies würde dafür sprechen, nicht nur älteren Menschen und chronisch Kranken, sondern auch Kleinkindern eine Grippe-Impfung zu empfehlen.

Bei vielen anderen Atemwegs-Erregern ist eine Impfung jedoch in weiter Ferne, oder es ist fraglich, ob es überhaupt jemals eine Vakzine geben wird. "Es ist gut belegt, daß Menschen zwei bis drei Rhinovirus-Infektionen im Jahr haben können", sagte Schmitt. Das heißt, die Viren selbst rufen keine belastbare Immunität gegen die verschiedenen Stämme hervor. "Da kann man impfen, soviel man will, da wird nichts passieren."

Aktuell bei Kindern zirkulierende Erreger unter www.pid-ari.net

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