Ärzte Zeitung, 10.10.2008

Mit optischer Reha können viele Patienten trotz Makula-Degeneration wieder Zeitung lesen

Sehbehinderten Menschen bringt die optische Rehabilitation einen großen Gewinn. Drei Viertel der Teilnehmer gaben in einer Studie an, von den Maßnahmen stark zu profitieren. Doch oft wird das Potenzial der Reha nicht genügend genutzt.

Von Angela Speth

Für sehbehinderte alte Menschen sind nicht nur Augenärzte wichtig, sondern auch Hausärzte: Sie können die optische Rehabilitation koordinieren.

Foto: Klaro

Für die optische und soziale Reha können sich Hausärzte einsetzen: durch Nachfragen und Koordinieren. Denn sie betreuen ja viele Patienten, die zusätzlich an altersbedingter Makula-Degeneration (AMD) oder diabetischer Retinopathie erkrankt sind. "Oft wird leider versäumt, die Patienten an die richtigen Adressen zu schicken", so die Erfahrung von Dr. Stephan Fröhlich von der Sehbehindertenambulanz der LMU München.

Die AMD ist die häufigste Ursache für Blindheit. Grafik: Woche des Sehens

Für grundlegend hält es Fröhlich, Mut und Zuversicht zu vermitteln. Und Hausärzte können Patienten zu Kontrollen beim Augenarzt motivieren. Fröhlich empfiehlt halbjährliche Abstände und stützt sich dabei auf eine eigene Studie mit 105 Patienten, die vorwiegend an AMD erkrankt waren: Sechs Monate nach einer ersten Untersuchung hatte sich bei 40 Prozent die Sehschärfe schon wieder verschlechtert, so dass eine Anpassung der Sehhilfen notwendig war.

Eine an die AMD angepasste Brille bringt schon viel

Zudem legt der Ophthalmologe Hausärzten nahe, sich zu erkundigen, ob die Patienten mit Hilfsmitteln versorgt sind. "Schon mit der richtigen Brille gegen Kurz- oder Weitsichtigkeit sind oft ein oder zwei Zeilen gewonnen", so Fröhlich zur "Ärzte Zeitung". Die Anpassung ist bei AMD schwieriger, aber öfter notwendig als bei anderen Brillenträgern, weil sich durch die Krankheit die Dioptrienzahl stärker ändert, zu höheren oder niedrigeren Werten.

Nächster Schritt bei der Reha: die Vergrößerung. Denn nutzt ein AMD-Patient etwa ein Stück Netzhaut, das 10 Grad von der zerstörten Makula entfernt liegt, muss er eventuell mit nur noch 10 Prozent der Sehschärfe auskommen. Gute Voraussetzungen sind ein Training des exzentrischen Sehens, auf jeden Fall aber optische und elektronische Hilfen.

Fröhlich: "Zentrales Anliegen der meisten ist es, wieder Zeitung zu lesen." Für zu Hause gibt es etwa Lupenbrillen oder Standlupen mit großer Fläche und Beleuchtung, weiterhin Bildschirmlesegeräte oder schließlich Vorlese-Apparate. Um in Geschäften die Preise, in Restaurants die Speisekarte zu entziffern eignen sich Einstecklupen. Mit Teleskopen (Monokularen) sind auf der Straße wieder Schilder oder Bushaltestellen zu erkennen.

Mit optischer Reha können Sehbehinderte oft wieder lesen.

Foto: imago

Auch die soziale Eingliederung können Hausärzte fördern, indem sie nach lebenspraktischen Fähigkeiten fragen: Verstärken die Patienten Kontraste, indem sie etwa dunkle Teller für helle Tische oder umgekehrt verwenden, Treppenstufen markieren oder merken, ob der Küchenherd ein- oder ausgeschaltet ist? Besitzen sie sprechende Uhren oder Waagen?

Wichtig ist auch ein Schwerbehindertenausweis, worin der Prozentrang der Behinderung und Merkzeichen für Vergünstigungen eingetragen sind. Zudem können Ärzte den Kontakt zu Selbsthilfegruppen, zu Hörbüchereien (mit "Blindenhörbücherei" googeln) und zum Deutschen Blinden- und Sehbehindertenbund (www.dbsv.org) vermitteln. Der schickt auf Anfrage Low Vision-Trainer, die schauen, ob die Patienten ihre Hilfsmittel nutzen können und bieten ein Mobilitäts- und Orientierungstraining von ungefähr 40 Stunden an. Dazu gehört das Üben mit Sehhilfen, Geldscheinen, CDs, Kassetten, dem weißen Langstock, von Essen, Eingießen von Getränken oder sozialen Kompetenzen. Beispiel: Wie geht man mit einem Bekannten um, der in Unkenntnis der Behinderung tief beleidigt ist, weil man ihn auf der Straße nicht gesehen und gegrüßt hat?

Beim Nahsehen sind die Erfolge am deutlichsten

Die Erfolge der Reha sind besonders beim Nahsehen erstaunlich, hat Fröhlich nachgewiesen: Drei Viertel der Patienten gaben an, von den allgemeinen Maßnahmen stark zu profitieren. 81 Prozent nutzten ihre Sehhilfen mehrmals täglich. 57 Prozent erledigten ihre Korrespondenz wieder selbst, was vor der Reha nur vier Prozent gelang. Und auch der Wunschtraum, wieder Zeitung zu lesen, ging für viele in Erfüllung: Waren vor der Reha nur 14 Prozent imstande, Überschriften zu entziffern, waren es nachher 65 Prozent. Den Text selbst konnten vorher nur 2 Prozent lesen, danach jedoch rund die Hälfte.

Schwerbehindertenausweis

Der Schwerbehindertenausweis für Sehbehinderte und Blinde wird ab einem Grad der Behinderung (GdB) von 50 Prozent ausgestellt. Der Inhaber ist damit je nach GdB zu sozialen Unterstützungen, etwa bei der Arbeitssuche, berechtigt. Zudem sind Merkzeichen für finanzielle Erleichterungen eingetragen. So gibt es ab 60 Prozent GdB das Zeichen RF für die Befreiung von Rundfunk- und Fernsehgebühren. Unter 70 Prozent GdB werden die Buchstaben G für Gehbehinderung und B für die Notwendigkeit ständiger Begleitung vergeben. Bei 100 Prozent GdB stehen die Kürzel Bl für blind und H für hilflos. Ab 70 Prozent GdB hat der Behinderte das Recht, kostenlos in öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, mit B auch ein Begleiter. Blindensendungen sind generell gebührenfrei. (ars)

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