Ärzte Zeitung, 14.07.2008

HINTERGRUND

Bei Demenz-Kranken bleibt Kommunikaton zwischen Arzt und Pflegern oft auf der Strecke

Von Helga Brettschneider

 Bei Demenz-Kranken bleibt Kommunikaton zwischen Arzt und Pflegern oft auf der Strecke

Besser als ihr Ruf ist in Deutschland die Versorgung Demenz-Kranker durch ambulante Pflegekräfte.

Foto: Klaro

Um die Pflege Demenz-Kranker ist es offenbar gar nicht so schlecht bestellt wie häufig vermutet. Das legen jedenfalls die Ergebnisse einer Studie nahe, in der die Versorgung von Demenz-Patienten durch ambulante Pflegedienste jetzt erstmals bundesweit untersucht worden ist. Demnach ist die Qualifikation des Pflegepersonals gut. Aber der Kontakt zum behandelnden Arzt ist oft mäßig. Und: Jeder zweite Patient erhält keine Antidementiva-Therapie.

Für die Studie hat die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie an 12 000 ambulante Pflegedienste Fragebögen verschickt. Ermittelt wurde zum Beispiel die Ausbildung der Mitarbeiter, die Häufigkeit verschiedener Leistungen und die Verwendung einzelner Medikamente.

903 Dienste ließen sich auf die Arbeit ein, davon 58 Prozent private, 23 Prozent kirchliche und 16 Prozent öffentliche Pflegedienste. Das entspricht der bekannten Verteilung, sagte Dr. Brigitte Grass-Kapanke vom Krefelder Alexianer Krankenhaus bei einer Veranstaltung des Unternehmens Merz in Frankfurt/Main. Die Dienste betreuten etwa 65 000 Patienten, 22 Prozent hatten eine diagnostizierte Demenz.

Die meisten Mitarbeiter sind examinierte Pflegerinnen

Die Dienste scheinen an der Qualifikation der Mitarbeiter nicht zu sparen - sie ist besser, als oft unterstellt wird. Über die Hälfte der Mitarbeiterinnen jedes Pflegedienstträgers waren examinierte Alten- oder Krankenpflegerinnen. Die Belastung variiert aber stark. Denn bei den privaten Diensten betreut eine examinierte Fachkraft im Durchschnitt sieben Patienten, bei den öffentlichen Diensten zehn und bei den kirchlichen elf.

Der Anteil demenzkranker Patienten an den betreuten Senioren war hoch: Von insgesamt etwa 65 000 Patienten hatten 20 000 nach Angaben der Pflegedienste eine Demenz. Eine entsprechende ärztliche Diagnose hatten aber nur 13 000. Die übrigen 7000 waren durch die Pflegedienste als demenzkrank eingestuft.

Etwa jeder zweite Patient erhält keine Antidementiva.

"Demenzen werden immer noch zu selten erkannt", folgert die Psychologin. Dabei wies die Hälfte der Patienten mit Demenzdiagnose nur einen leichten geistigen Abbau auf. Eine mittelschwere Demenz mit eingeschränkter Selbständigkeit, etwa beim Waschen, hatte ein Drittel. Jeder fünfte war schwer demenzkrank. Bei den kognitiv auffälligen Patienten ohne ärztliche Demenz-Diagnose war die Krankheit bei 26 Prozent mittel bis schwer ausgeprägt.

Große Therapielücken ergab die Medikamenten-Analyse. Demnach erhält nur ein Drittel der Patienten mit Demenz-Diagnose einen Cholinesterase-Hemmer oder Memantine. 55 Prozent bekommen gar keine antidementive Therapie. Dabei kann eine frühe Behandlung das Fortschreiten der Krankheit und den Umzug ins Heim hinauszögern, betonte Grass-Kapanke. Dafür nahm jeder Dritte Demenzkranke ein Neuroleptikum ein. Die Hälfte davon erhielt es aber ohne ein Antidementivum - als rein symptomatische Therapie. Jeder sechste bekam ein Antidepressivum.

Die meisten Patienten brauchen Hilfe bei der Körperpflege, teilweise auch bei der Ausscheidung. Seltener werden sie im Haushalt unterstützt oder einfach beschäftigt, etwa mit Spielen oder Spaziergängen. Hilfe beim Essen ist auch nicht häufig. "Das hat uns überrascht", sagte Grass-Kapanke. Wahrscheinlich übernehmen Familienangehörige diese Aufgaben. Trotzdem ist die Pflege zeitaufwändig. Die Pflegedienste kommen meist einmal bis mehrmals täglich und bleiben im Mittel für 30 bis 45 Minuten - relativ lange, aber für demenzkranke Patienten ist das knapp bemessen. Entsprechend hält jeder zweite Pflegedienst die verfügbare Zeit für zu kurz.

Jeder zweite Arzt nimmt Kontakt mit Pflegedienst auf

Optimierungspotential besteht oft auch in der Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten. So nimmt zwar jeder zweite Arzt auch direkt Kontakt mit dem Pflegedienst auf. Die andere Hälfte scheint daran aber nicht interessiert. Das beklagen die Dienste ebenso wie die unzureichende Weitergabe von Informationen nach einem Klinikaufenthalt: Die Pflegedienste werden selten informiert, obwohl dabei häufig die Medikation geändert wird. Nicht einmal in jedem vierten Fall werden Pflege- Überleitungsbögen benutzt. Ein Umzug ins Pflegeheim erfolgt fast nur dann, wenn die Angehörigen die Grenze zur Überforderung erreicht haben. Andere Gründe wurden kaum genannt. Damit die Patienten möglichst lange zu Hause leben können, sei eine Unterstützung der Angehörigen unerlässlich, so die Psychologin.

FAZIT

Demenz-Kranke werden durch ambulante Pflegedienste bundesweit gut versorgt. Über die Hälfte der Mitarbeiterinnen der mehr als 12 000 Dienste sind examinierte Alten- oder Krankenpflegerinnen und jede sechste Pflegehelferin. Das hat eine Fragebogenaktion ergeben. Aber der Kontakt zum behandelnden Arzt ist oft mäßig. Und: Jeder zweite Patient erhält offenbar keine Behandlung mit Antidementiva.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ungenutzte Chancen bei Demenz

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