Ärzte Zeitung, 09.07.2007

IM GESPRÄCH

Stoffwechselkontrolle bei Diabetes - Experten haben eine mögliche Alternative zum HbA1c im Visier

Von Peter Overbeck

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird HbA1c, der (prozentuale) Anteil des glykierten am gesamten Hämoglobin, als Parameter in der Therapieüberwachung bei Diabetikern verwendet. Der HbA1c-Wert gilt als Index für den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel innerhalb der vorausgegangenen zwei bis drei Monate (Glukose-Langzeitgedächtnis).

Blutzuckermessung bei einem Diabetiker. Der HbA1c-Wert spiegelt die Blutzuckerkonzentration über eine länger zurückliegende Zeitspanne wider. Foto: Heiko Schulz

Der praktische Nutzen dieses Goldstandards für die Kontrolle der Blutzuckereinstellung ist in den Studien DCCT und UKPDS unter Beweis gestellt worden. Sie belegen, dass eine verbesserte, an der HbA1c-Senkung ausgerichtete Diabetestherapie die Entwicklung diabetischer Folgekomplikationen verhindern oder verzögern kann. Ihre Ergebnisse bilden heute die Grundlage für die praktische Beurteilung von HbA1c-Werten und die Festlegung von Therapiezielen (HbA1c  7).

Unterschiedliche Methoden der HbA1c-Messung

Glykohämoglobin kann auf verschiedene Weise gemessen werden. Inzwischen sind mehr als 20 Bestimmungsmethoden verfügbar. Um die Vergleichbarkeit der diversen Assays zu gewährleisten, wurde in den USA schon Mitte der 90er Jahre ein nationales Glykohämoglobin-Standardisierungsprogramm (NGSP) initiiert. Inzwischen werden dort in fast allen Laboren NGSP-zertifizierte Methoden für die HbA1c-Messung genutzt, wobei die Standardisierung nach den DCCT-Studienwerten erfolgt.

Was noch fehlt, ist eine internationale Standardisierung der HbA1c-Messung. Technische Fortschritte in der Massenspektrometrie haben vor einigen Jahren die Entwicklung eines neuen Verfahrens ermöglicht, das in der Lage ist, HbA1c spezifisch und damit präziser als herkömmliche Methoden zu messen. Dieses Verfahren zur Messung des "wahren" HbA1c ist im Jahr 2002 von der IFCC (International Federation of Clinical Chemistry) offiziell zur neuen Referenzmethode gewählt worden. Die größere Präzision hat zur Folge, dass die nach IFCC-Standard ermittelten HbA1c-Werte durchgängig um etwa 1,5 bis zwei Prozentpunkte niedriger sind als bei Messung mit NGSP-zertifizierten Methoden.

Das hat zu Debatten über die Frage geführt, in welcher Form das HbA1c künftig eigentlich angezeigt werden soll. So plädierte die IFCC dafür, dass das, was mit der neuen Referenzmethode präzise gemessen wird - nämlich so genanntes DOF-Hämoglobin (Deoxylfruktose) -, auch in der Testbezeichnung zum Ausdruck kommen sollte. Zudem sprach man sich dafür aus, die metrologisch korrekte Maßeinheit für die neue Referenzmethode - nämlich mmol/mol - künftig zusätzlich zu verwenden.

Aus Sicht von mit der klinischen Praxis vertrauten Diabetologen geht das zu weit. Die amerikanische, europäische und internationale Diabetes-Fachgesellschaft (ADA, EASD, IDF) äußerten einvernehmlich die Sorge, dass diese Pläne für erhebliche Konfusion bei Ärzten und Patienten im sowieso schon schwierigen Diabetes-Management sorgen könnten.

Statt die Beteiligten mit neuen Zahlen und ungewohnten Einheiten nur noch mehr zu verwirren, liebäugeln die Fachgesellschaften im Gegenteil mit einer Vereinfachung des Diabetes-Managements. Schon jetzt sei es für viele Diabetiker ein Problem, mit Messwerten konfrontiert zu werden, die einmal in mg/dl oder mmol/l (Blutzucker), das andere Mal als Prozentzahl (HbA1c) mitgeteilt würden. Einfacher und verständlicher wäre es für den Patienten, wenn ihm der HbA1c-Wert als durchschnittlicher Blutzuckerwert in der ihm vertrauten Form - nämlich je nach Land in mg/dl oder mmol/l - präsentiert werden könnte.

Das aber setzt voraus, dass HbA1c tatsächlich ein präzises Maß für den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel in den vorausgegangenen Wochen ist. Davon gehe zwar jedermann aus - exakt geprüft worden sei diese angenommene Korrelation bislang allerdings nicht, betonte Professor David Nathan aus Boston beim Kongress der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft (ADA) in Chicago.

Das wird sich ändern. In Kürze wird eine internationale Studie beendet sein, in der auf Basis intensiver Glukosesmessungen die Beziehung zwischen HbA1c und durchschnittlichem Blutzuckerspiegel definitiv geklärt werden soll. Insgesamt 700 Probanden - davon 600 Diabetiker und 100 Nicht-Diabetiker - messen ihren Blutzucker drei Monate lang engmaschig sowohl auf konventionelle Weise als auch wiederholt per kontinuierlichem Monitoring. Die Endergebnisse sollen im September auf dem Kongress der Europäischen Diabetes-Gesellschaft EASD in Amsterdam vorgestellt werden.

Erleichterung für das Gespräch mit den Patienten erhofft

Von 250 Teilnehmern liegen bereits die kompletten Daten vor. Ihre in einer Zwischenanalyse vorgenommene Auswertung ergab, dass HbA1c und durchschnittlicher Blutzuckerspiegel tatsächlich sehr eng miteinander korrelieren, berichtete Nathan. Sollten die Endergebnisse diese Beziehung bestätigen, könnte eine Formel entwickelt werden, mit deren Hilfe sich der HbA1c-Wert in den durchschnittlichen Blutzuckerwert transformieren ließe. Dieser könnte dazu dienen, Fragen der Blutzuckereinstellung künftig in einer für den Patienten besser verständlichen Weise zu besprechen, glaubt Nathan.

STICHWORT

HbA1c

HbA1c ist der Anteil des Hämoglobins, an den Glukose nicht-enzymatisch gebunden ist. Er wird in Prozent angegeben und zur Beurteilung der Stoffwechselkontrolle bei Patienten mit Diabetes mellitus genutzt. Auf der Grundlage einer verbesserten Messmethode ist HbA1c vor einiger Zeit von einer Arbeitsgruppe der IFCC (International Federation of Clinical Chemistry) als dasjenige Hämoglobin definiert worden, das am N-terminalen Valin der Betaketten irreversibel glykiert ist. Das Ausmaß der Glykierung ist abhängig vom mittleren Glukosespiegel im Zeitraum der vorangegangenen Wochen. (ob)

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