Diabetes

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Ärzte Zeitung, 29.09.2011

Teststreifen-Ausschluss hat Hintertürchen

Der GBA-Beschluss sorgt mächtig für Ärger: Ab Oktober gibt es Blutzuckerteststreifen für die meisten nichtinsulinpflichtigen Typ-2-Diabetiker nicht mehr auf Kassenrezept. Doch für Ärzte gibt es Schlupflöcher.

Diskussion um Teststreifen-Regel flammt neu auf

Teststreifen zur Blutzuckermessung: Der Arzt soll im Einzelfall entscheiden können, ob eine Verschreibung notwendig ist.

© walter luger / fotolia.com

NEU-ISENBURG (eis). Mit Beginn des Oktobers dürfen Ärzte nichtinsulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern nur noch in Ausnahmen Blutzuckerteststreifen zulasten der GKV verordnen. Ärzte- und Patientenverbände kritisieren diese Beschränkungen des GBA erneut.

Blutzuckerselbstmessung motiviert zu selbstverantwortlichem Umgang mit Diabetes, betonen die Deutsche Diabetes Gesellschaft und diabetesDE.

In allen nationalen und internationalen Leitlinien sei die Selbstkontrolle integraler Bestandteil der Therapie, so die Organisationen.

Maximal 50 Teststreifen dürfen weiterhin verordnet werden

Sie appellieren an Ärzte, die Ausnahmeregelungen des GBA zu nutzen. Danach dürfen maximal 50 Teststreifen weiterhin verordnet werden, wenn der Stoffwechsel instabil ist, bei Stoffwechselentgleisungen, häufigen Hyper- oder Hypoglykämien oder wenn Blutzuckerwerte deutlich außerhalb des Zielbereichs liegen.

Der Arzt muss im Einzelfall entscheiden

Auch die erstmalige Diagnose Typ-2-Diabetes, eine medikamentöse Ersteinstellung oder Umstellung bieten Anlass dafür. Falls abzusehen ist, dass der Stoffwechsel entgleisen könnte - etwa vor Reisen oder während des Ramadan - dürfen Teststreifen weiter vorsorglich verordnet werden.

"Der Arzt muss also immer im Einzelfall entscheiden und dokumentieren, ob eine Verschreibung von Blutzuckerteststreifen notwendig ist", sagt Professor Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE.

Auch Schwangere ausgenommen

Weitere Ausnahmen sind die Ersteinstellung oder Umstellung auf orale Antidiabetika von Patienten, die an Schulungen im Rahmen von Disease-Management-Programmen (DMP) teilnehmen.

Auch Schwangeren mit Diabetes lassen sich Teststreifen weiter verordnen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Bei Teststreifenregel Ausnahmen nutzen!

[30.09.2011, 16:42:34]
Dirk Lankow 
Das Selbstmanagement der Patienten mit Diabetes Typ II ...
... kann nicht durch höhere Kosten für die Patienten erreicht werden Ich gebe Herrn Dr. Schätzler absolut Recht. Die von ihm zitierten Studienergebnisse treffen dabei genau ins Schwarze. Es ist mir ein Rätsel, warum solche Studien beim GBA oder den gesetzlichen Krankenkassen niemals Anklang finden.
Meine Erkrankung wird sicherlich nicht dadurch eher abklingen, dass ich für meine Blutzuckerteststreifen nun selbst bezahlen muss. Mir selber seit Juli diesen Jahres die Diagnose Typ II-Diabetiker zuteil und deshalb nehme seit September am DMP freiwillig teil. Es wird bei solchen Beschlüssen leider außer Acht gelassen, dass es Patienten gibt, denen Diabetes mellitus diagnostiziert wird, die in den DMP-Schulungen sitzen und überhaupt nicht verstehen, welche Krankheit sie da haben. Sie verstehen nicht, dass sie ihren Lebensstil ändern müssen, sich bewegen und abnehmen müssen und Selbstmanagement üben müssen. Die DMP-Schulung hinterläßt nbei ihnen nicht eine Spur von Verständnis oder Änderung im Verhalten. Und dann müssen sie für die Schlüsselfunktion der Blutzuckerermittlung noch Geld bezahlen? Das wird den meisten Patienten - bei aller gewollten Sparsamkeit innerhalb des Gesundheitssystems - nicht in den Kopf gehen, und diese Patienten werden diese Schlüsselfunktion quasi "aussparen", besonders wenn sie auf der sozialen Leiter auf den unteren Sprossen stehen.

Der HbA1c-Wert und der Urintest allein werden den Erkrankten nicht ausreichen, um ihren Blutzucker zu kontrollieren, denn auch viele Erkrankte, die dieses Selbstmanagement üben WOLLEN, werden durch die hohen Kosten von 30 - 70 € pro 100 Stück Teststreifen abgeschreckt. Der Rest dieser Patienten wird gar nichts machen und seinen Ärzten Kummer bereiten.

Der GBA-Beschluss und der darüber hinaus gehende Ausnahmefall, dass die Blutzuckerteststreifen wieder verordnet werden können, wenn der Blutzucker dauerhaft zu hoch oder niedrig ist, Stoffwechselstörungen oder Blutzuckerwerten außerhalb des Zielbereichs vorliegen, ist meiner Meinung nach nicht schlüssig. Als Patient muss doch erstmal über einen gewissen Zeitraum hinaus meinen Blutzuckerspiegel selbst dokumentieren können, um diese körperlichen Beschwerden nachzuweisen. Mit einem "schnöden" Urinteststreifen wird das nicht funktionieren. Vielleicht hätte der GBA eher die Brigitte-Diät für die Typ-II-Diabetiker empfehelen sollen, die in dieser Situation mehr bringen würde, als dieser Beschluss.

Außerdem habe ich die Befürchtung, dass die Ausnahmeregelung aus den Ärzten wieder mal schwarze Schafe macht. Die massive Nutzung der Ausnahmeregel wird zu Plausibilitätsprüfungen der Kassen führen und die Ärzte werden (schon wieder) in Regress genommen.

Die Regelung des GBA ist sicherlich kassenökonomisch sinnvoll, meiner Meinung nach aber gesundheitsökonomisch veraltet, realistisch gesehen abwägig und sogar patientenfeindlich. Ich denke, dass es Zeit ist, die alten Männer und Frauen an der Spitze der Gremien abzulösen und durch jüngere Gesundheitsökonomen zu ersetzen.  zum Beitrag »
[30.09.2011, 15:48:34]
Reinhard Rodiger 
Patientensicherheit völlig unwichtig?
Es geht doch um zu hohe und zu niedrige Glukosewerte. Unkontrollierte Hypoglykämien besonders pro-
trahierte zu erfassen hilft dem Patienten kurzfristig wirksamer als die Erfassung zu hoher Werte.Dies gilt besonders für diejenigen,deren Empfindsamkeit für die Symptome nachgelassen hat.Die Risiken etwa bei
Glibenclamid(protrahierte Hypoglykämie) durch Überdosierung haben mehr Todesfälle bewirkt als alle anderen
Substanzen.Trotzdem ist diese Substanz Leitsubstanz der DMP-Programme.Der Kausalbezug also der
durch Hypoglykämien gesetzte Schaden ist schwer nachweisbar.Zum Schadenszeitpunkt ist der Wert wieder normal.Also uninteressant? Wie passt die Leitsubstanz Glibenclamid(wegen Motalitätssenkung?) zu ver-
mehrt unkontrollierten Risiken?

 zum Beitrag »
[30.09.2011, 14:52:52]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Fragen an den G-BA Patientenvertreter:
Gut, dass ich Sie hier treffe, Herr Dr. Trenner, als Patientenvertreter im Unterausschuss Qualitätssicherung (UA QS) des G-BA. Dann erklären Sie mir doch mal, warum Blutglucose-Teststreifen seit Jahrzehnten dem "Medikamenten"-Budget der Vertragsärzte zugeschlagen werden und n i c h t korrekterweise den nicht budgetierten Hilfsmitteln?

Warum hat der G-BA nicht die STeP-Studie berücksichtigt? Nicht mit Insulin behandelte Typ-2-Diabetiker senkten mit den strukturierten Messungen ihren HbA1c deutlich stärker als Diabetiker ohne Selbstmessung (Polonsky W et al: Structured Blood Glucose Monitoring Intervention Leads To Significant Glycaemic Improvement In Poorly Controlled, Non-Insulin Treated Type-2-Diabetes: Results From The STeP Study. Diabetologia 2010; 53[Suppl 1]: Abstract 1043, S. 417).

Warum verweist der G-BA frei von jeglicher Evidenz und Validität auf obsolete Harn"zucker"teststreifen? Diese messen Glucose nur oberhalb der sogenannten 'Harnschwelle' von ca. 180 mg/dl Blut (180 mg %) entsprechend 9.99 mmol/l und detektieren nur unzureichend eingestellte Glucosespiegel mit hohen Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken.

Sind Ausnahmeregelungen bei Teststreifen nicht insulinpflichtiger Patienten wegen instabiler Stoffwechsellage nicht abwegig? Dieser ist doch gerade die unplanbare Unvorhersehbarkeit immanent.

Ist die Ansicht nicht absurd, die GKV sei bei Berufskraftfahrern mit Typ-2-Diabetes für "Maßnahmen zur Erhaltung der Verkehrssicherheit" (Zit. G-BA-Vorsitzender Dr. jur. Rainer Hess) wohl nicht erstattungspflichtig, aber bei allen insulinpflichtigen Typ-1 und Typ-2-Diabetikern im Straßenverkehr?

Muss die GKV nicht in jeglicher Hinsicht für die Heilung, Linderung und Besserung von Krankheiten einstehen, um nach Artikel 3, Abs. 3 Grundgesetz (GG) eine unbenachteiligte Teilhabe a l l e r Menschen auch bei religiös begründeter Diät- bzw. Fastengewohnheiten im Geltungsbereich des GG zu gewährleisten?

Sind die Deutsche Diabetes Gesellschaft, diabetesDE und Patientenverbände nicht weit mehr wie Ihre "ein paar Ärzte und ein Patientenverband"? EU-weiter Leitlinienkonsens nicht nur beim Diabetes ist und bleibt die Selbstkontrolle des Patienten als integraler Bestandteil der Therapie und der partnerschaftlichen Arzt-Patient-Beziehung.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[30.09.2011, 00:14:52]
Dr. Jürgen Schmidt 
Nun kehrt Vernunft ein
Herr Dr. Trenner gibt den Erkenntnisstand des G-BA mit der gebotenen Nüchternheit wieder.

Obwohl das Spannungsverhältnis zwischen den Pflichten, die das BGB den Ärzten auferlegt und den Einschränkungen die das SGBV abfordert, immer mal wieder thematisiert werden muss, dürfte es schwer fallen, gerade diesen Fall beispielhaft gegen das unpolitische IQWiG ins Feld zu führen und ein generelles Verordnungsrecht für BZ-Teststreifen bei Diabetes m. Typ II zu reklamieren, wie es Kollege Schätzler mit seiner unbegründeten Einlassung "contra legem" suggeriert.

Lästig ist allerdings der Ausnahmefall einer zulässigen Verordnung, für den die Beweispflicht der Notwendigkeit dann beim Arzt liegt.
Die in Rede stehenden Summen von möglichen Fehlverordnungen sind jedoch zu gering, als dass man infolge dieser Regelungsunschärfe von vorne herein Querelen vermuten muss. Man wird ein Aufgreifkriterium finden, dass jene Ärzte, die angemessen verordnen, in Ruhe lässt, schon deshalb, weil sich der Zorn diskriminiert fühlender Patienten auch gegen die Krankenkassen richtet.

Zur Erinnerung: Die Verordnungsfähigkeit von Blutglucoseteststreifen für Patienten mit Diabetes Typ II wurde in den 90er Jahren auf Drängen des Diabetikerbundes etabliert. Die Ärzte sahen darin ein Selbstbestimmungs- und -selbstüberwachungsrecht der Patienten realisiert, dem man im Zuge vielfacher emanzipatorischer Bestrebungen keineswegs widersprechen wollte. Die ohnehin vage Hoffnung auf medizinischen Nutzen ist inzwischen vielfach widerlegt, Schaden jedoch durch übertriebenes Regime und Medikalisierung möglich.

Über jene Minderheit, die sich Testreifen "pflichtsschuldig" haben verordnen lassen, die dann im Badezimmerschrank vergammeln, bedarf es ohnehin keiner Ausführungen.

Nun kehrt Vernunft ein. Nichts weiter. zum Beitrag »
[29.09.2011, 21:37:47]
Dr. Wolf-Dietrich Trenner 
Wer kritisiert?
Dass ein paar Ärzte und ein Patientenverband, denn man wird doch wohl nicht jede Untergliederung einzeln zählen wollen, einen Beschluss kritisieren, ist doch kein Beinbruch. Es ist kein Nutzen belegt. Soviel zu den Fakten. "Gefühlt" wird so manches, das rechtfertigt aber keine Millionenausgaben zu Lasten der gesamten Versichertengemeinschaft und damit zu Lasten wirklich nützlicher Therapien für Kranke.

Statt Ramadan und anderem Ernährungsunsinn aus welchen Gründen auch immer wäre manchem Patienten mal ernsthaft eine vernünftige Ernährung zu empfehlen. Und "interessierte Kreise" sollten endlich mal aufhören nur Schlupflöcher zu suchen, das ist nicht seriös und schadet uns allen.

Wolf-Dietrich Trenner, Sprecher der Patientenvertreter im UA QS des G-BA zum Beitrag »
[29.09.2011, 17:56:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
G-BA und IQWiG 'contra legem'?
Ärzte- und Patientenverbände kritisieren diese Beschränkungen des G-BA. Positiv
motiviert Blutzuckerselbstmessung und verbessert den Umgang mit Diabetes mellitus durch Implementierung von "Coping"-Strategien und Compliance. Der G-BA mit dem IQWiG im Schlepptau versagen wider besseren Wissens den Typ-2-Diabetikern in der GKV die notwendigen Blutglucose-Teststreifen und schränken damit die professionelle Ausübung der Heilkunde unerlaubt ein.

Da in allen nationalen und internationalen Leitlinien die Selbstkontrolle integraler Bestandteil der Therapie ist, provoziert der G-BA fehlerhafte Behandlungen. Dies ist m. E. zweifelsfrei "contra legem"!

Und wir Vertragsärztinnen und-Ärzte sollen wieder mal auf eigenes Risiko und mit Regressandrohung die Ausnahmeregelungen des GBA in der GKV alleine durchfechten?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


 zum Beitrag »
[29.09.2011, 17:08:26]
Dr. Matthias Vogel 
Herumeiern ist zeitlich und organisatorisch nicht mehr drin
Ja, geht´s noch? Wir haben beim besten Willen für solche Ausnahme-Spielchen keine Zeit mehr. Deshalb vermitteln wir den Patienten günstige Bezugsmöglichkeiten (z.B. 50 Teststreifen für
15,90 €) und das war´s. Endlich mal wieder klare Kante, ist doch gut. Nur ein unverbesserlich dämlicher Gutmensch wird hier noch zu Lasten des Budgets rumdeuteln und seine Zeit zu verschwenden. zum Beitrag »

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